Deutsche Handball-Frauen spielen um Einzug ins WM-Finale | ABC-Z

Im Moment ihres größten Erfolges sprach Emily Vogel so bewegt wie nachdenklich. Die bekannteste deutsche Handballspielerin reflektierte nach dem Einzug ins Weltmeisterschafts-Halbfinale ihre Entwicklung und die neue Rolle in der Nationalmannschaft. Sie wischte sich mit den Händen über die geröteten Augen und sagte: „Es ist einfach nur schön. Wir sind endlich da, wo wir hinwollen. Es fühlt sich an wie Gold.“
Kurz zuvor am Dienstagabend hatte die Frauen-Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) in der Dortmunder Westfalenhalle auch ihr siebtes WM-Spiel überzeugend gewonnen, diesmal 30:23 gegen Brasilien. Die als „Generation Viertelfinale“ bezeichnete Gruppe hat ihr Ziel erreicht – die Endrunde einer Großveranstaltung: Am Freitag (17.45 Uhr live in der ARD), nach dem Umzug von Deutschland nach Rotterdam, treffen Vogel und ihre Mitspielerinnen im Halbfinale auf Frankreich.
Seit sie den ungarischen Wasserballspieler Simon Vogel im Juni geheiratet hat, ist Emily Vogel auf der Beliebtheitstreppe der sportbegeisterten Nation noch ein Stück nach oben gestiegen. Bei ihrem Klub Ferencváros hat die 27 Jahre alte Buxtehuderin in dieser Saison zudem den Schritt zur Unersetzlichen gemacht. „Vieles hat mich als Persönlichkeit reifen lassen“, sagte sie am Dienstagabend, „ich kann inzwischen der Ruhepol auf dem Feld sein.“
Die Verantwortung schien Vogel zu erdrücken
Dass Vogel beim wichtigsten Auftritt der vergangenen Jahre gegen Brasilien fünf Tore werfen und in Abwehr und Angriff zur überragenden Akteurin werden würde, wirkte im vergangenen März geradezu utopisch. Bundestrainer Markus Gaugisch hatte sie für die Tests gegen Frankreich ausgeladen. Damals war sie bei ihrem Verein in Budapest nur zweite Wahl.
Sie hatte eine Reihe von Turnieren hinter sich, in denen die Verantwortung sie zu erdrücken schien. Das niedersächsische „Jahrhunderttalent“ sollte zu viel, wollte zu viel, musste zu viel. Das ging schief. Ein ums andere Mal. Bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften scheiterte Gaugischs Gruppe im Viertelfinale, ebenso bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr in Paris. Die enttäuschte Vogel auf der Bank mit dem Handtuch vor dem Gesicht symbolisierte dies.
„Emily hat phänomenal auf die Veränderung reagiert“, sagte Gaugisch. Mit der Nichtberücksichtigung ging einher, dass er das Kapitänsamt an Antje Döll weiterreichte. Im April standen Auftritte gegen Dänemark an. Wieder mit Emily Vogel, deren Familienname damals noch Bölk lautete. „Sie hat den Blick nach vorn gerichtet und übernimmt Verantwortung“, sagte Gaugisch, „ich bin super zufrieden damit.“ Mit seiner Personalauswahl vom März lag Gaugisch goldrichtig. Denn daraus folgte einiges: Andere sahen, dass kein großer Name Positionen blockiert. Neue kamen hinzu. Die Hierarchie ordnete sich um. Und Vogel musste die Handballwelt nicht mehr allein retten.
Sogar ihren Wurf hat sie verändert: Es muss nun nicht mehr der spektakuläre Kracher aus dem Rückraum sein. Näher dran sind die Aussichten besser. Also nutzt Vogel ihren Körper, um durch die Abwehr zu brechen und aus sechs Metern zu werfen. So wie gegen Brasilien.
Ihr Frühjahr war ungemütlich. Viele werteten die Ausbootung als Denkzettel (was Gaugisch verneint). Vogel selbst sprach auf Anfrage nicht. Ihre wahren Gefühle verbarg sie hinter einem professionellen Lächeln. Man merkte in der Interviewzone der Westfalenhalle jedoch, dass es in ihr brodelt, wenn sie nun nach „Verantwortung“ gefragt wird. Da blitzen ihre Augen kämpferisch. Sie fragt zurück: „Das ist doch nicht überraschend, oder? Das hat mich immer ausgezeichnet. Ich übernehme gern die Führung.“ Neu ist dabei, dass sie organisch führt, nicht mehr selbstbestimmt. Das erzeugt Gruppenharmonie. Und fließt als Nutzen in eine Turnierleistung mit sieben vorzeigbaren Siegen in sieben Spielen ein.
Misserfolge „ein handballerisches, kein mentales Thema“
Profiteure der stabilen Grundordnung sind die jungen Nieke Kühne, Viola Leuchter und die am Dienstag, als es noch einmal eng wurde, überragende Nina Engel (vier Tore): „Wenn die Erfahrenen im Spiel Ideen haben, ob vorn oder hinten, können sie drauf vertrauen“, sagte Emily Vogel. Während sie, Alina Grijseels, Antje Döll und Xenia Smits nach der Schluss-Sirene Tränen der Freude und Erleichterung vergossen, wirkten Leuchter und Co. cool. „Ich habe zu Nieke Kühne gesagt: ,Na toll, jetzt bist du einmal dabei und gleich im Halbfinale‘“, erzählte die 37 Jahre alte Antje Döll (sechs Treffer) fröhlich. Die Generationenmischung tut dieser Gruppe einfach gut, auf dem Feld und daneben.
Als der Jubel mit den anwesenden Hans-Joachim Watzke – der Vereinspräsident von Borussia Dortmund zeichnete Torhüterin Katharina Filter als Spielerin des Spiels aus – und Männer-Bundestrainer Alfred Gislason in der tosenden, altehrwürdigen Arena vorbei war, zog ein rundum zufriedener Markus Gaugisch Bilanz. Bei dieser war ihm eines wichtig: Die Misserfolge der vergangenen Jahre seien „ein handballerisches, kein mentales Thema“. Nicht „die Nerven“ hätten sein Team verlässlich scheitern lassen. Sondern der falsche Wurf, die unpassende Position in der Abwehr, das Verlassen von Plänen. Da hat er angesetzt und Systeme gebimst. Gleichermaßen sind seine Joker besser und zu Stammspielerinnen in ihren Klubs geworden.
Andere, wie die bekannteste deutsche Handballspielerin, sind einen Schritt zurückgegangen, um einen nach vorn zu gehen. Ab Freitag wird Emily Vogel versuchen, es ihrer Mutter Andrea gleichzutun – sie wurde 1993 Weltmeisterin.





















