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Deutsche Basketballer in der WM-Quali: Knapper Sieg im Krimi gegen Kroatien – Sport | ABC-Z

Ein Vaterschaftstest dürfte nicht vonnöten sein, um den Basketball-Bundestrainer einer kleinen Schwindelei zu überführen. Auch ist nicht anzunehmen, dass Álex Mumbrú, Vater von zwei Söhnen und drei Töchtern, nach Sonntagabend in private Turbulenzen stürzen wird. Vielmehr war seine Aussage enormer Erleichterung geschuldet, als er verriet, dass Jack Kayil „mein Kind“ ist. Kayil, 20, ist auch Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft, jedenfalls dann, wenn – wie am Sonntag im WM-Qualifikationsspiel – Dennis Schröder und Maodo Lo abwesend sind. Und Mumbrú hat den Guard zum A-Nationalspieler gemacht, was Kayil nun mit ansprechenden Leistungen bestätigt.

Es ist nämlich so: Siege schaffen die deutschen Basketballer längst auch dann, wenn die beiden etatmäßigen Regisseure nicht können. Ohne Schröder und Lo, aber mit Kayil als Kommandogeber gewann die Auswahl des Deutschen Basketballbundes (DBB) etwa die Partie gegen Kroatien in Bonn nach Verlängerung mit 91:89. Somit verschafften sich die Weltmeister nach einer 88:93-Niederlage gegen denselben Gegner Freitagabend in Zagreb eine deutlich bessere Ausgangssituation für die weiteren Zulassungsspiele zur WM im September 2027.

Es bedurfte einiger Besonderheiten im Basketball, dass es überhaupt zu einer solchen Konstellation kommen konnte: Zum einen muss sich auch der Titelverteidiger für jenes Weltturnier in Katar qualifizieren. Zum anderen finden die Zeitfenster für die Qualifikationsspiele des Weltverbandes Fiba in der Regel dann statt, wenn sowohl die NBA als auch die Euroleague mitten im Spielbetrieb sind – und es nicht als notwendig erachten, diesbezüglich eine Pause einzulegen.

Also waren sämtliche NBA-Kräfte wie Dennis Schröder oder Franz Wagner sowie die bestimmenden Euroleague-Akteure abwesend. Bundestrainer Mumbrú musste, wie immer in dieser frühen Qualifikationsphase, mit einer B-Auswahl auskommen. Eine willkommene Gelegenheit eigentlich, den Talenten im Kader des DBB Spielpraxis zu verschaffen. Spielern wie Kayil, der für die Zukunft des deutschen Basketballs steht. Der Alba-Berlin-Profi gilt als Kandidat, es aus dem gehörigen Talentfundus Deutschlands dauerhaft ins A-Team zu schaffen.

Junge deutsche Körbewerfer mit Perspektive gibt es einige: Hannes Steinbach, Christian Anderson, Sananda Fru, Johann Grünloh, Elias Rapieque oder Ivan Kharchenkov. Alles Spieler, die bereits in den Nachwuchsteams des DBB ihre Qualität unter Beweis gestellt haben – und irgendwann die goldene Generation der Welt- und Europameister verstärken oder beerben sollen. All diese Talente haben allerdings aus nachvollziehbaren Gründen lukrative Angebote aus der nordamerikanischen College-League NCAA angenommen, dort können sie sich nach einem Urteil des US-Bundesgerichts 2021 selbst vermarkten – und viel mehr Geld verdienen als Studierende oder Schüler in der Basketball-Bundesliga (BBL). Kleiner Pferdefuß: Die NCAA befindet sich gerade in der Hochphase, deshalb sind all diese Spieler wie die NBA-Cracks in Übersee unabkömmlich.

Ohne den FC Bayern wäre kein Welt- und Europameister in der BBL notiert

Somit fehlen Mumbrú traditionell Ende Februar die Besten, sprich nahezu der gesamte WM- und EM-Kader. Zwar ist die Liga deutlich besser als früher, es müssen nicht mehr wie weiland alte und verdiente Recken wie Bastian Doreth oder Robin Benzing rekrutiert werden. Aber auf Spieler wie die nun ebenfalls absenten Andreas Obst, Isaac Bonga, Daniel Theis oder Johannes Voigtmann klafft eine unübersehbare Leistungslücke. Dass die besten Basketballer regelmäßig die BBL verlassen, ist nicht zu verhindern. Dass nun auch die besten Talente gehen, ist für die Liga eine Katastrophe. Ohne den FC Bayern wäre bereits jetzt weder ein Welt- noch ein Europameister in der BBL notiert.

Die Kroaten hatten gegen die Deutschen in Mario Hezonja und Dario Saric immerhin zwei ihrer Besten auf dem Parkett: Hezonja bekam die Freigabe von Real Madrid und Saric war verfügbar, weil er kürzlich vom NBA-Klub Detroit Pistons aus dem Aufgebot gestrichen wurde und sich derzeit für einen neuen Arbeitgeber empfehlen will. Zudem setzte der eingebürgerte US-Spielmacher Jaleen Smith (einst Alba Berlin) dem deutschen Team beim 93:88-Erfolg in Zagreb zu. Beste Werfer für die DBB-Auswahl waren dort neben Kayil, der 15 Punkte sammelte, Johannes Thiemann (17) und David Krämer (22).

Womit auch die bestimmenden Akteure beim Erfolg in Bonn genannt wären. Lange sahen dort die Kroaten, die zur Pause 50:41 führten und im dritten Viertel auf bis zu 15 Punkte enteilt waren, wie der Sieger aus. In der Schlussphase aber übernahm Youngster Kayil, der 14 Punkte erzielte, Krämer (10) begann endlich zu treffen, und Louis Olinde (12) stoppte die Kroaten mit sehenswerten Abwehraktionen – so erreichte das deutsche Team mit dem 77:77-Ausgleich auf den letzten Drücker die Overtime. Dort ließ sich der Gastgeber um den überragenden Thiemann nicht mehr stoppen. Der 32-Jährige war der einzige Welt- und Europameister auf dem Feld, Thiemann war aus Japan angedüst gekommen und sammelte trotz Jetlags in den Beinen 24 Punkte und zwölf Rebounds. Zudem trug Oscar da Silva vom FC Bayern, der am Freitag wegen Euroleague-Verpflichtungen noch gefehlt hatte, 15 Punkte und entscheidende Aktionen zum Sieg bei. Vor allem in der Verlängerung brachten neben Kayil die erfahrenen Kräfte den Umschwung.

Es ist zwar eine alljährlich wiederkehrende Kuriosität, dass die Topnationen ihre Qualifikationen für große Turniere mit B-Auswahlen bestreiten müssen, aber trotz dieser Schieflage muss der Anspruch des Welt- und Europameisters eine Punkteteilung mit überschaubar gefährlichen Kroaten übersteigen. Denn die etwas verblasste Basketball-Nation war weder beim deutschen WM-Triumph 2023 noch beim EM-Titelgewinn im Vorjahr der qualifiziert.

Nun kann der DBB immerhin beruhigt auf die kommenden Qualifikationsaufgaben blicken. Im Juli stehen die letzten Pflichtaufgaben in der Gruppe E gegen Israel und Zypern an, aus der die Punkte gegen direkte Konkurrenten mitgenommen werden. Dann geht es in einer Sechsergruppe mit den drei Besten der Gruppe F um die drei WM-Startplätze. In Polen und Lettland kommen starke Gegner hinzu – immerhin sind diese Zeitfenster im August und November 2026 sowie im Februar 2027. Möglich also, dass die deutsche Mannschaft durch Mitwirken von NBA-Leuten (zumindest im August) und Euroleague-Kräften dann ein völlig anderes Gesicht haben wird.

Jack Kayil wird dem Bundestrainer vorerst weiterhin zur Verfügung stehen, doch auch bei ihm ist unklar, wie lange noch. Der 20-Jährige ist derzeit noch von der serbischen Talentschmiede KK Mega Basket an Alba ausgeliehen, hat aber für kommende Saison bereits einen Vertrag unterschrieben: Er wird nach Spokane ans College wechseln und für die Gonzaga Bulldogs spielen.

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