“Der Fremde”: Arktis in Algier | ABC-Z

Es war wegen der Sonne. Auch wer Der Fremde von Albert Camus nicht gelesen hat, kennt vielleicht diesen Satz. Er soll einen Mord
erklären, begangen zur Mittagszeit, als die Sonne am höchsten stand, an einem
Strand in der Nähe von Algier. Ein Franzose, er heißt Meursault, erschießt
einen Araber, der ihn mit der Klinge seines Messers blendet. Er gibt einen tödlichen
Schuss ab, wartet einen Augenblick und schießt dann noch viermal auf die
Leiche. Jeder Schuss, schrieb Camus, war ein Schlag, mit dem Meursault “an das
Tor des Unglücks hämmerte”. Doch interessierte Camus sich in seinem legendären
Roman aus dem Jahr 1942 gar nicht für den Mord. Gemordet wird alle Tage. Im
Sommer 1939, als Camus noch Reporter bei der franko-algerischen Tageszeitung Alger
républicain war, gab es allein in Algier drei Mordprozesse, in denen die
Sonne und der Alkohol eine Rolle spielten. Der Skandal des Romans ist die
Gefühllosigkeit des Mörders. Der Mann hat kein Motiv und keine Erklärung für
seine Tat. Er zeigt keine Reue, bittet nicht um Vergebung und hat auch beim Tod
seiner Mutter nicht geweint. Am Nachmittag ihres Begräbnisses ging er mit
seiner Freundin baden und ins Kino. Die französische Justiz verurteilt ihn vor
allem für seine Gleichgültigkeit zum Tode.
Meer, Licht und Liebe sind die einzig gültige Währung
Wer Der Fremde verfilmt, muss Bilder für die emotionale Gefrierstufe
des Romans finden, in dem ein junger Mann die zivilisatorischen Standards der
Gesellschaft, in der er lebt, nicht versteht und nicht verstehen will. Camus
porträtiert ihn ähnlich wie sich selbst in seinem autobiografischen Roman Der
erste Mensch als einen von westlicher Sozialisation verschonten Menschen des
Mittelmeers, der durch den unbeabsichtigten Mord am Strand aus dem Paradies
vertrieben wird, in dem das Meer, das helle Licht des Südens und die
körperliche Liebe die einzig gültige Währung sind. Christliche Moral und Sentimentalität,
beruflicher Aufstieg und Ehrgeiz sind für ihn eine aus Paris importierte
Fremdwährung. Aus welchem Grund Meursault alle Ansprüche so kalt zurückweist,
die eine moderne Gesellschaft an das Innenleben ihrer Mitglieder stellt, bleibt
im Roman unerklärt. Er kontert alle Forderungen aus dem bürgerlichen
Währungsgebiet nur kühl mit dem Satz: “Das hat keine Bedeutung.” Für den
Nietzsche-Leser Camus war der Fremde ein heroischer Fatalist, der nach dem
Sisyphos-Motto lebt: “Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.”
Luchino Visconti hat Der Fremde 1967 mit Marcello
Mastroianni als überforderten Latin Lover Meursault in Farbe verfilmt, ohne für
das neueste Pariser Cool und das absurde Lebensgefühl des Romans eine überzeugende
Idee zu haben. Die wichtigsten Passagen des Buches wurden im Voiceover nach den
Vorgaben der Witwe Francine Camus sicherheitshalber einfach seitenweise vorgelesen.
Stereotypen der kleinbürgerlichen Kolonialgesellschaft
Die neue Adaptation von François Ozon ist ein weitaus ehrgeizigerer
Film, weil er der Versuchung widersteht, das Unerklärbare nachträglich auf eine
annehmbare menschliche Temperatur zu bringen, um die schroffe Fremdheit des
Romans abzumildern. Für Abkühlung sorgt seine historisierende Schwarz-Weiß-Optik,
die mit minimalistischer Strenge und starken Licht- und Schattenkontrasten den existenzialistischen Ernstfall unterstreicht. Die strenge Typisierung der Figuren lässt kaum neuzeitliche
Nestwärme aufkommen. Von eiskalter Schönheit ist vor allem Meursault (Benjamin
Voisin), der als kettenrauchender Erzengel des Existenzialismus zu den
Sphärenklängen von Fatima Al Qadiri durch das koloniale Algier schreitet, ohne
eine Miene zu verziehen. Die Nebenfiguren, der aufgeblasene Nachbar, der den Fremden
in seinen Streit mit den Arabern verwickelt, der einsame Alte, der in einer
Kampfsymbiose mit seinem räudigen Hund lebt, die schöne Marie (Rebecca Marder), die den Fremden
liebt und heiraten will, sind boulevardeske Stereotypen der versunkenen kleinbürgerlichen
französischen Kolonialgesellschaft der Zwischenkriegszeit.
Eine besondere Herausforderung sind Zeit und Ort der
Romanhandlung. Die arabische Bevölkerung blieb in dem vor kolonialem
Hintergrund spielenden Romanklassiker eine anonyme Masse stummer Statisten. Der
erschossene Araber hatte bei Camus weder ein Gesicht noch einen Namen, was den
algerischen Autor Kamel Daoud im Jahr 2014 veranlasste, einen Gegenroman aus
der Perspektive des arabischen Opfers zu schreiben (Der Fall Meursault – eine
Gegendarstellung). Auch gewährte Albert Camus, der 1913 geborene Sohn einer nahezu
stummen, analphabetischen Putzfrau aus dem Armenviertel von Algier, seinen
weiblichen Charakteren grundsätzlich nur stark begrenzte Redezeit.
Behutsame Korrektur der Leerstellen
Der Film versucht diese Leerstellen behutsam zu füllen, ohne
das über achtzig Jahre alte Werk brachial postkolonial und postpatriarchal zu
korrigieren. Gedreht wurde aufgrund der aktuell angespannten
französisch-algerischen Beziehungen zwar in Tanger, doch wird an die algerische
Kolonialzeit durch historische Einspielungen aus der Zeit des
Unabhängigkeitskampfes erinnert. “Algerie Front de la liberté” liest man in
großen Lettern auf einer alten Steinmauer. Mit dieser Parole wurde bereits in
den 1930er-Jahren für die Unabhängigkeit Algeriens gekämpft, von der bei Camus
keine Rede ist. Hinzugefügt wird außerdem ein kurzes, einfühlsames Frauengespräch
zwischen der arabischen Schwester des Ermordeten und Marie, der französischen Freundin
des Fremden, das bei Camus undenkbar wäre. Die letzten Bilder zeigen demonstrativ
das Grab des ermordeten Arabers, auf dem Grabstein steht sein ebenfalls neu hinzuerfundener
Name: Moussa Hamdani. So viel sanfte Aktualisierung hat Camus’ inzwischen 80-jährige
Tochter Catherine Camus, die über das Werk ihres Vaters noch bis zum Jahr 2030 ein
unnachgiebiges Regiment führen darf, offenbar zugelassen.
Das überraschend redselige Ende des jungen Mörders,
der nicht weiß, warum er mordete, hält sich streng an die Vorgaben des Romans, der
ein biblisches Finale vorsieht: Ein Priester besucht den Verurteilten in der
Todeszelle. Doch die Predigt hält der Mörder, der bisher fast nur geschwiegen
hat und plötzlich reden kann wie ein Staatsschauspieler. Ein Frauenhaar, donnert er, sei mehr wert als
der Gott des Priesters, den er einen lebenden Toten nennt. Es ist Camus’ eigenes Evangelium aus Mittelmeer, Sonne und Sinnlichkeit, das da zum Vortrag
kommt. Die Herren werden sich nicht einig, die Wärter bringen sie auseinander.
Und weil Camus den Helden seiner erhabenen Sinnlosigkeit nicht ganz ungetröstet
aufs Schafott schicken will, lässt er ihn in seiner letzten Nacht ein letztes
Mal einen Blick in den Himmel werfen, der plötzlich wie in der Christnacht
“voller Zeichen und Wunder” ist. “Zum ersten Mal”, so die legendäre
Formulierung, öffnet der ungläubige Wilde sich da für “die zärtliche
Gleichgültigkeit der Welt”. Auch bei
Ozon sinkt der seltsame Trost des kleinen Wortes “zärtlich” im Voiceover sanft wie
eine Schneeflocke aus dem kalten Kosmos auf den Todeskandidaten herab. Vielleicht
ist doch nicht alles verloren.
Es war wegen der Sonne. Auch wer Der Fremde von Albert Camus nicht gelesen hat, kennt vielleicht diesen Satz. Er soll einen Mord
erklären, begangen zur Mittagszeit, als die Sonne am höchsten stand, an einem
Strand in der Nähe von Algier. Ein Franzose, er heißt Meursault, erschießt
einen Araber, der ihn mit der Klinge seines Messers blendet. Er gibt einen tödlichen
Schuss ab, wartet einen Augenblick und schießt dann noch viermal auf die
Leiche. Jeder Schuss, schrieb Camus, war ein Schlag, mit dem Meursault “an das
Tor des Unglücks hämmerte”. Doch interessierte Camus sich in seinem legendären
Roman aus dem Jahr 1942 gar nicht für den Mord. Gemordet wird alle Tage. Im
Sommer 1939, als Camus noch Reporter bei der franko-algerischen Tageszeitung Alger
républicain war, gab es allein in Algier drei Mordprozesse, in denen die
Sonne und der Alkohol eine Rolle spielten. Der Skandal des Romans ist die
Gefühllosigkeit des Mörders. Der Mann hat kein Motiv und keine Erklärung für
seine Tat. Er zeigt keine Reue, bittet nicht um Vergebung und hat auch beim Tod
seiner Mutter nicht geweint. Am Nachmittag ihres Begräbnisses ging er mit
seiner Freundin baden und ins Kino. Die französische Justiz verurteilt ihn vor
allem für seine Gleichgültigkeit zum Tode.





















