Debatte um Tennis-Zukunft: DTB wehrt sich gegen Beckers Kritik an der Nachwuchsarbeit | ABC-Z

Für Boris Becker ist klar: Der deutsche Tennis-Nachwuchs steckt in der Krise. In einem Podcast greift er den Deutschen Tennis Bund an, stellt unangenehme Fragen. Jetzt retourniert der DTB.
Wenn der größte Star des deutschen Tennis den aktuell besten deutschen Profi kritisiert – was im vergangenen Jahr regelmäßig passiert ist – schreiben sich die Schlagzeilen quasi von alleine: “Becker zerlegt Zverev”, “Becker fällt vernichtendes Zverev-Urteil” – das macht Krach, das klickt.
So hat es zuletzt praktisch jede Folge des Tennis-Podcasts “Becker Petkovic”, den Boris Becker zusammen mit der ehemaligen Top-10-Spielerin Andrea Petkovic hostet, in die Medien geschafft. Nun kritisierte Becker zum ersten Mal nicht seinen “Lieblingsfreund” Zverev sondern den Deutschen Tennis Bund (DTB) und dessen Umgang mit seinem wertvollsten Kapital, dem Nachwuchs – und die große Aufregung blieb aus.
Becker kritisiert Talentsichtung des Verbands
Dabei hatte Becker mit spürbarer Schärfe kritische Fragen in Richtung DTB gestellt: Wer sichtet da eigentlich die Talente und entscheidet, welcher Junior, welche Juniorin gefördert wird? Auf was wird dabei geschaut? Nur auf das Tennistalent oder auch darauf, wie sehr dieses Talent bereit ist, sich für den Sport zu zerreißen? Und: Hat der DTB dafür das Auge, sprich die richtigen Leute an den richtigen Stellen?
Becker schreckte dabei auch nicht vor populistischen Vergleichen zurück: “Ich will niemandem zu nahetreten, aber wenn ich in den Supermarkt gehe und einkaufen soll für den Abend, aber noch nie gekocht habe, weiß ich doch ich nicht, was ich einkaufen soll.” Was er mit diesem Vergleich andeutet: Dem Verband fehlt seiner Meinung nach die Kompetenz. Man brauche Menschen, “die schon mal gespielt haben, die wissen, wie international trainiert wird”, so Becker.
“Ist man zufrieden mit Platz 100 der Welt?”
Explizit gemeint war Veronika Rücker, die im DTB-Vorstand u.a. für die Nachwuchsarbeit zuständig ist. Die erwiderte nun auf Anfrage der Sportschau: “Entscheidungen in der Nachwuchs- und Leistungsförderung werden nicht von Einzelpersonen getroffen, sondern im Team mit hoher fachlicher Expertise. Meine Aufgabe ist nicht das Training auf dem Platz und die Entwicklung der einzelnen Spieler, dafür gibt es die Bundestrainer. Sondern ich bin für das Management des Gesamtsystems verantwortlich.”
Nun steckt dieses “Gesamtsystem” seit geraumer Zeit in einer Krise, zumindest in einer Ergebniskrise. Dass, wie aktuell beim Masters in Miami, gleich sechs Spieler und Spielerinnen an einem Tag rausfliegen, wird in der Öffentlichkeit schon als normal hingenommen. Boris Becker, der selbst bis 2020 Chef-Bundestrainer der deutschen Tennis-Männer war, nervt das: “Spiel ich Tennis, um mitzuspielen oder um zu gewinnen? Ist man zufrieden mit 100 der Welt? Mit 50 der Welt? Oder will man der beste Spieler der Welt werden? Dann muss man aber mehr tun als der Rest.”
Keine deutschen Tugenden
Beckers Pendant bei den Frauen, Barbara Rittner, die vor zwei Jahren im Unfrieden vom DTB schied, erzählte als Gast der Podcast-Folge von einer namentlich nicht genannten jungen Spielerin, die “lieber glücklich Top 100 als unglücklich Top 50” sein wolle. Etwas, das Becker regelrecht auf die Palme bringt: “Das muss ein Mentor oder eine Mentorin sehen und muss dann den DTB informieren, ja, der oder die 17-Jährige ist gut, aber sie verbringt nicht die meiste Zeit mit Tennis. Das ist für mich entscheidend, wer schaut da drauf und auf was schaut man?”
Da ist sie wieder, die alte und seit einiger Zeit wieder hochmoderne Frage nach der Leistungsbereitschaft der jungen Generationen. Nach dem Willen zur Überwindung, nach der Gier auf Erfolg. Nun muss man kein Verfechter der “deutschen Tugenden” sein, um anzuerkennen, dass es ohne all das nicht geht. Das sind universelle Grundtugenden des Leistungssports. Die Becker aktuell vermisst: “Wenn du als 16-, 17-Jähriger nicht tennisverrückt bist und lieber vier Stunden auf Instagram verbringst, dann bist du einfach nicht förderungswürdig!”
Kerber soll als Mentorin helfen
Drastische Worte, die Veronika Rücker so nicht stehen lassen will: “Natürlich spielt bei uns das volle Engagement zum Leistungssport eine entscheidende Rolle bei der Frage der Förderung. Dazu gehören auch Faktoren wie eine außergewöhnliche Trainingsbereitschaft und eine hohe Professionalität.” Zudem sei dem DTB eine ganzheitliche Entwicklung wichtig. Sport und Persönlichkeit gingen Hand in Hand.
Mit Angelique Kerber hätte der DTB dafür keine bessere Unterstützung bekommen können. Die dreifache Grand-Slam-Siegerin ist nun als Mentorin dabei, und soll ihren Erfahrungsschatz an die Jungen weitergeben. Und wenn jemand weiß, wie Hingabe geht, dann sie. Andrea Petkovic lobt diese Idee, schließlich sei kaum jemand wie Kerber, “so hart zu sich selbst und so schmerzresistent”.
DTB-Vorgabe zu weich?
Wenn Rittner beklagt, dass es als DTB-Trainer schwer sei, auch mal unangenehme Worte zu sprechen, wird klar, dass ihr “Härte” und “Schmerzresistenz” beim alten Arbeitgeber zu kurz kommen: “Es wird viel persönlich genommen”, behauptete Rittner, “gerade im Mädchen-Bereich, wenn man da kritisiert, auf die Sache bezogen, dann denken viele Mädchen gleich, die kann mich nicht leiden, warum kritisiert die mich? Wenn dieser Weg von oben so weich vorgegeben wird, dann wird’s schwer.”
DTB-Vorstand Rücker weist diesen Vorwurf gegenüber der Sportschau brüsk zurück: “Nein, das stimmt nicht! Es geht sicherlich auch um klare Regeln, aber der viel wichtigere Aspekt ist, die Generation Z besser zu verstehen und in gewisser Form auf sie einzugehen. Es funktioniert unser Meinung nach nicht mit Verboten und dem Ansatz, Wissensvermittlung von früher auf heutige Generationen zu übertragen.” Sicher müssten auch kritische Worte fallen, aber Disziplin und Leistungswillen würden “eher durch Motivation und positive Verstärkung gefördert wird als durch Kritik und Druck”.
Im Jahr 2032, so das offizielle Ziel im neuen Strategie-Plan des DTB, soll das deutsche Tennis mit jeweils acht bis zehn Spielerinnen und Spielern in den Top 100 der Welt vertreten sein. Im Moment sind es insgesamt acht. Das Ziel klingt noch ambitionierter, wenn man bedenkt, dass Struff und Siegemund (beide Ende 30) nicht mehr allzu lange spielen werden. Und hinter Alexander Zverev tut sich in der Weltspitze jetzt schon eine riesige Lücke auf. Man darf gespannt auf die nächste Generation schauen, die – noch – jenseits der Top 100 in Lauerstellung liegt. Aber sollten die Ergebnisse ausbleiben, kann man davon ausgehen, dass Boris Becker schon bald wieder fragt: “Trainieren die genug?”





















