Bezirke

Das neue Album der Münchner Band “Jisr” – München | ABC-Z

Sechs Musiker laufen über eine Düne. Grafisch stilisiert steht auf dem Cover des neuen Albums die Scheibe der Sonne über ihnen. Menschlein im Raum, der kein Ende findet. Mohcine Ramdan geht voran. Man erkennt ihn an der Gimbri, einer marokkanischen Langhalslaute, die er über die Schulter geworfen hat. Die ersten Töne: eine Oud. Einsam flirrend – eine Erscheinung. Mit einer eleganten Schleife gleitet die Oud in einen Rhythmus, tänzelnd. In der Hitze scheint die Fata Morgana des Tangos auf.

„Hasra – Regret“ heißt das neue Album von Jisr, die als Münchner Band nur notdürftig etikettiert ist. Vor zehn Jahren, 2016, hat Mohcine Ramdan, der zum Studium aus Marrakesch nach München kam, die Gruppe gegründet, die sich zu einem sich ständig verwandelnden Kollektiv entwickelt hat. Seine musikalische Welt war damals die klassische arabische Musik, in Kombination mit der Musik der Gnawa, einer Volksgruppe die, aus dem Gebiet der Subsahara kommend, eine ganz eigene ritualmagische Musikkultur hat. Ihr zehnjähriges Bestehen feiert die Gruppe mit einem eigenen Festival. Vom 23. bis 26. April wollen Jisr im Fat Cat zeigen, dass um ihre Musik ein ganzes Künstlernetzwerk gewachsen ist.

In „Hyman Lil“ pockert die Gimbri. Man glaubt den Gnawa-Sound zu hören, aber da ist plötzlich eine E-Gitarre, mit einen Solo als ornamentale Fläche, so wie man es bei uns als Desert-Rock kennt, den auch die Tuareg spielen.

Jisr sind eine Band in Bewegung. 2022 sind sie mit Hilfe des Goethe-Instituts von Sri Lanka nach Pakistan, Bangladesh, Dakar und dann Kalkutta und Delhi gereist; es war der letzte Trip, den sie mit dem langjährigen Bandmitglied, Freund und Münchner Oud-Meister Roman Bunka unternahmen, der im Juni 2022 gestorben ist. Ihr aktuelles Album haben sie gerade auf einer Tour vorgestellt mit Stationen in Dhaka, Kalkutta und Bangalore.

Ihr neues Werk wurde zu großen Teilen in einem Studio in Casablanca aufgenommen. Ramdan traf hörbar eine ästhetisch kluge Entscheidung, nach Marokko zu gehen, dorthin, wo für ihn die musikalische Sozialisation begann. Der Klang der arabischen Welt ist Anker eines Sounds, der immer weit hinaus will. Und Ramdan ist als Sänger nicht Anführer, sondern Begleiter und gelegentlicher Conferencier.

YouTube

Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert

Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.

Rhythmisch aufregend: der „Kerala Express“. Der indische Percussionist Karthig Mani spielt hier die Ghatam, einen Tonkrug, dessen hoher Beat an die Schläfen pocht. Anaud Ngaza zieht mit seinem gutural knurrenden E-Bass die Band durch die Nummer, die durch Kannakol-Momente noch einen ganz eigenen Twist bekommt. Konnakol ist die Übersetzung von Rhythmus in eine Silbensprache, ein Rap in irrer Geschwindigkeit. Jisrs Musik war immer neugierig. Mit- und durchziehende Musiker haben sie geprägt. Das hat die Band beständig verändert, aber ihre Musik immer zugänglich gehalten, für Hörer, die quer einsteigen wollen.

„Hazra“, der Album-Titel, schreibt Ramdan in der Presseinfo zu seinem Album, sei ein eigentlich unübersetzbares arabisches Wort mit einer Bedeutungsvielfalt von Reue bis Sehnsucht. In Zeiten, in denen vielen die Beschränktheit des Nationalen heimelig erscheint, ist diese Musik auch eine Mahnung. Identität geht nicht verloren, wenn man Grenzen öffnet. Sechs Musiker hört man hier als Persönlichkeiten, mit eigenem Klang. Alle tragen sie die Klangkultur ihrer Heimat in sich. Das ist genug, um diese kleine, unendliche, musikalische Welt schön zu machen.

Jisr: Hasra – Regret. Enja

Back to top button