Kultur

Das Hotel “Amigo” in Brüssel und die Modeszene | ABC-Z

Die Lage lässt keine Wahl. Nur 700 Meter oder neun Minuten Fußweg trennen das Brüsseler Traditionshotel „Amigo“ vom Quartier Dan­saert, dem Fashion District der belgischen Hauptstadt. Bis zum „Musée de la Mode et de la Dentelle“ sind es von der Re­zeption sogar nur sechzig Meter – macht eine knappe Minute Fußweg. Dass das „Amigo“ sich als Partner des „Musée de la Mode et de la Dentelle“ und der Brüsseler Modeszene engagiert, lag daher für Hoteldirektor Carlo Ferrigno auf der Hand, und dies nicht nur wegen der räumlichen Nähe.

„Unsere Gäste verkörpern Neugier, Stil und Weltoffenheit“, betont Ferrigno, „wir laden sie dazu ein, die Modestadt Brüssel auf einer Privatführung durchs Museum und durch das Modeviertel an der Rue Dansaert kennenzulernen“. Nicht zu vergessen, Diane von Fürstenberg, gebürtige Brüsselerin aus dem hippen Stadtteil Ixelles, hat eine Suite für das Hotel entworfen.

Kometenhafter Aufstieg der belgischen Mode

Hinter Glas gerahmte Foulards mit dem von Andy Warhol gemachten Porträt der zwischen New York, Paris, Los Angeles und Venedig pendelnden Modeschöpferin und Titelbilder einschlägiger Glamourmagazine zieren die Wände. Einige Kunstgegenstände sowie ein Teppich im Pop-Art-Design stammen aus dem persönlichen Besitz von Diane von Fürstenberg. Und im Schrank hängen zum Anprobieren ikonische Wickelkleider aus der aktuellen Kollektion ihres Labels, geliefert von der Boutique des Labels gleich um die Ecke.

Ferrigno gelang zudem ein Coup. Für die Modeführungen konnte er mit Linda Van Waesberge eine Brüsseler Fashion- Aktivistin der ersten Stunde gewinnen. Die Zweiundsiebzigjährige, hanfdicker grauer Pony, luftiges schwarzes Baumwollkleid von Sofie D’Hoore, asphalttaugliche Ballerinas, hat über drei Jahrzehnte schräg gegenüber der ikonischen Boutique „STIJL“ an der Rue Dansaert gewohnt, deren Gründerin Sonia Noël wie keine andere die belgische Avant­garde-Mode international positioniert hat. Als Style Consult und Mitarbeiterin des zur Promotion belgischer Mode gegründeten Instituts Modo Bruxellae konnte die Flämin den kometenhaften Aufstieg der belgischen Mode seit dem Durchbruch der Antwerp Six Mitte der Achtzigerjahre beobachten und begleiten.

Große Auswahl: Der Stijl Women’S Fashion StoreMauritius

Wir treffen uns zum gut zweistündigen Fashion Walk in der mit Magritte-Mo­tiven ausgemalten Hotelbar. Der von Linda ausgearbeitete Parcours de Force durchs Dansaert-Viertel führt an legendär gebliebenen Boutiquen wie die der ehemaligen Brüsseler Fashion Queen Annemie Verbeke oder die des öffentlichkeitsscheuen Exzentrikers Martin Margiela vorbei. Linda nennt Jahreszahlen, erinnert an Kollektionspremieren, ordnet die belgische Mode als zugleich avantgardistisch und stark kunsthandwerklich geprägt ein. In der Rue du Lombard schließt Serkan Cura gerade auf. Der belgische Modist mit türkischen Wurzeln hat lange in Paris für Jean-Paul Gaultier gearbeitet. Der Traum von einer eigenen Boutique im Brüsseler Fashion District um die Rue Dansaert aber blieb – und wurde wahr, als Cura das über hundertjährige Hutgeschäft „Gillis“ in der Rue du Lombard übernehmen konnte. Cura bittet hinein, platziert Strohhüte und Filzkappen auf unseren Köpfen. Seine Botschaft ist klar: „Einen Hut zu entwerfen, bedeutet, ein Kunstwerk zu schaffen.“

Der nächste Blitzbesuch führt in die tresorraumgroße Schmuck- und Accessoires-Boutique von Dries Van Noten, die der erfolgreichste aller belgischen Modedesigner in einem ehemaligen Schuhladen mit originalen Art-Déco-Elementen eröffnet hat. Blattgold bedeckt die Wände eines schmalen Zwischengeschosses. Halsschmuck ist prächtig und wiegt schwer. Weiter geht es in die Atelier-Boutique von Connie Ka­mins­ki. Mit ihren dekonstruktivistischen und asymmetrischen Schnitten be­hauptet sich die jugendlich wirkende Vier­undfünfzigjährige als eine der we­nigen Deutschen in der belgischen Mode. Wie ihr das gelang? „Ich entwerfe tragbare Avantgarde-Mode, die sich die Normalverbraucherin leisten kann“, ant­wortet die gebürtige Hannoveranerin.

Die Mode-Tour endet unweigerlich in der Rue Dansaert 74, wo die Boutique „STIJL“ nach dem Umzug aus einem ersten Ladenlokal ein paar Hausnummern entfernt seit 1994 beheimatet ist. Nackte Wände und schnörkellose Eisengestelle erinnern eher an eine Galerie als eine Modeboutique. Ein gläsernes Atelierdach taucht die nach Designern in Kojen präsentieren Kollektionen in Tageslicht. Mehr Minimalismus geht kaum. Nur die Glasbausteinwände der frühen Jahre sind verschwunden. Geblieben sind dafür viele Namen aus den Anfangstagen wie Stephan Schneider, Ann Demeulemeester oder Marina Yee. Neue Namen wie Marie Adam-Leenaerdt oder Toos Franken sind hinzugekommen. Sie alle verbindet Sonja Noëls bedingungsloses Bekenntnis zur Avantgarde.

Das Musée Mode & Dentelle zeigt Jules François Crahay.
Das Musée Mode & Dentelle zeigt Jules François Crahay.Le Musée Mode & Dentelle / Marc Detiffe

„Sonja kuratiert ihre Boutique wie eine Galerie“ erklärt eine Mittagspause später Caroline Esgain im „Musée de la Mode et de la Dentelle“. Die Konservatorin des Mode- und Spitzenmuseums hat das Konzept für die im vergangenen Jahr ge­zeigten Ausstellung „40+ years of STIJL“ daher vertrauensvoll der Gründerin der Boutique überlassen, die für die Bestückung der Jubiläumsschau auf die Kundendatei der Boutique zurückgreifen konnte.

Bei der kommenden großen Jahres­ausstellung „Simplicities“, die im Juni eröffnet wird und deren Thema der Pu­rismus in der Mode ist, vertraut Esgain auf die reichen museumseigenen Bestände. Das „Musée de la Mode et de la Dentelle“ verfügt über einen Fundus von 20.000 Stücken, mit Schwerpunkt auf belgischer Couture. Die Sammlung umfasst eine Zeitspanne vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Auf eine ungefähr ebenso lange Geschichte kann das benachbarte Hotel „Amigo“ zurückblicken. Das gewaltige Eckgebäude, das erst 1950 zum Hotel umgebaut wurde, war ab 1522 städtisches Gefängnis. Im 19. Jahr­hundert haben hier prominente Zeit­genossen wie Karl Marx oder Paul Verlaine eingesessen – im unverwüst­lichen Streifenlook, wie wir annehmen dürfen.

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