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“Das fehlt den meisten Politikern im Rathaus”: Ehemaliger TV-Star will in den Stadtrat | ABC-Z

Seine Garderobe in den Münchner Kammerspielen ist für den Schauspieler Erwin Aljukic ein zweites Zuhause. Ein schmales Holzbett steht da, in der Spüle steht ein Teller. An einem Spiegel hängen Postkarten, “Toi, toi, toi” steht auf einigen. Es sind Erinnerungen an seine Premieren, an das Shakespeare-Stück “Was ihr wollt”, zum Beispiel.

Da sagt er zum Publikum, dass er eigentlich eine andere Rolle haben wollte. “Aber ich werde oft übersehen.”

Aljukic ist 1,14 Meter groß, hat die Glasknochenkrankheit, sitzt im Rollstuhl. Und so muss er “den Parasiten des Hauses” spielen.

Später sieht man ihn in der Inszenierung zärtlich mit einem anderen Mann tanzen. Und der Zuschauer begreift: Dieser Mann ist viel mehr als sein Rollstuhl, mehr als jemand, mit dem man Mitleid haben müsste. Er ist ein Künstler.

Niemand im Stadtrat sitzt im Rollstuhl

Jetzt will Aljukic für Die Linke in den Stadtrat. Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, ist dort heute nicht vertreten. Aljukic kandidiert auf Platz acht. 2020 sind für Die Linke drei Personen in den Stadtrat eingezogen. Bei dieser Wahl werden es aller Voraussicht nach mehr. Wiederholt Die Linke ihr Ergebnis der Bundestagswahl (8,9 Prozent der Zweitstimmen), könnten es sechs bis acht Stadträte werden.

Und Aljukic könnte noch ein paar Plätze gut machen. Denn einige dürften ihn noch aus dem Fernsehen kennen: Elf Jahre spielte er in der ARD-Vorabendserie “Marienhof” den EDV-Techniker Frederik Neuhaus. Ende der 90er waren kaum Menschen mit einer Behinderung im Fernsehen zu sehen. “Ich habe die Sicht der Gesellschaft verändert”, sagt er.

Doch es gehe ihm lange nicht nur um Inklusion. “Ich bin ein Mensch mit unterschiedlichen Identitäten”, sagt der 48-Jährige.

Aljukic ist in Ulm geboren, seine Eltern sind Muslime, stammen aus Bosnien und sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Mit Kontakten konnten sie ihm nicht helfen. Trotzdem wurde Aljukic ein Fernsehstar.

Seine Geschichte erzählt Aljukic in der Kantine der Münchner Kammerspiele. Er hat sich einen Kräutertee und einen Mandarinenkuchen bestellt, den er erst anrührt, als das Gespräch vorüber ist. “Ich musste in meinem Leben oft große Ängste überwinden und viel kämpfen”, sagt er.

An eine Schauspielschule zu gehen, sei damals undenkbar gewesen. Nicht nur, weil die Gebäude nicht barrierefrei waren. “Fechten standen damals zum Beispiel fest im Lehrplan. Die Strukturen hätten sich anpassen müssen”, sagt Aljukic. Beworben habe er sich deshalb nie auf einer Schauspielschule.

Mit 22 ist Aljukic von Ulm nach München gezogen, um sein Fachabi zu machen. Er sei damals in eine Wohngruppe der Pfennigparade gezogen. “München war für mich das Paradies”, sagt er. In Ulm habe er nirgendwo alleine über die Straße gehen können, überall seien die Bordsteine zu hoch gewesen. Immer habe ihn seine Mutter oder ein Taxi fahren müssen. “In München konnte ich mich zum ersten Mal alleine bewegen. Das war so eine Befreiung”, sagt Aljukic.

“Wie ein Sprung vom Zehn-Meter-Brett”

Gleichzeitig suchten die Produzenten von Marienhof nach einem Schauspieler mit einer sichtbaren Behinderung. Sie riefen in der Pfennigparade an, fragten nach einem Kontakt und der Sekretärin fiel ein, dass Aljukic mal bei einer Theater-AG mitgemacht hatte.

“Ich stand noch nie vor der Kamera und meine ganze Vorbereitung auf die Rolle war, dass ich zwei Tage am Set zuschauen durfte. Eigentlich fühlte sich das für mich alles ein paar Nummern zu groß an – wie ein Sprung vom Zehn-Meter-Brett, ohne dass man schwimmen kann”, erzählt er.

Seit 2020 spielt Erwin Aljukic an den Münchner Kammerspielen.
© Daniel Loeper
Seit 2020 spielt Erwin Aljukic an den Münchner Kammerspielen.

von Daniel Loeper

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Elf Jahre lang war Aljukic jeden Abend im Fernsehen zu sehen. Und dann war es plötzlich vorbei. Am 15. Juni 2011 wurde die Serie eingestellt. Und für Aljukic begannen vier, wie er sagt, schreckliche, von Existenzangst geprägte Jahre, in denen er durch ganz Europa reiste und versuchte, als Tänzer Fuß zu fassen. Dann sah ein Schauspiel-Direktor in Darmstadt ein Tanz-Video von ihm und engagierte ihn. Seit 2020 arbeitet er an den Münchner Kammerspielen.

“Mein Beruf ist Schauspieler”, sagt Aljukic. “Ich bin kein Berufspolitiker, aber ich weiß wo die Probleme in dieser Stadt liegen. Ich kann die Stadt von unten her denken. Etwas, das den meisten Politikern im Rathaus fehlt.”

Er kenne die Perspektiven von Menschen mit Einschränkungen, von Künstlern, Migranten und der queeren Community. Aljukic ist homosexuell. Doch so ganz genau kann er nicht beantworten, welche Projekte er im Stadtrat gerne anstoßen würde.

“Erwin hat das Herz am rechten Fleck.”

Bei der Linken ist er erst seit August dabei. Linken-Chef Stefan Jagel erzählt, dass seine Co-Vorsitzende Aljukic eine Postkarte geschrieben und eingeladen habe, weil sie gehört hatte, dass er der Partei nahestehe. “Erwin hat das Herz am rechten Fleck und deshalb passt er gut in unsere Partei”, sagt Jagel.

Doch im Wahlkampf kann Aljukic nicht viel helfen. Gerade laufen an den Kammerspielen die Proben für sein neues Stück “Meister und Margarita”. Am 6. März, zwei Tage vor der Kommunalwahl, ist Premiere.

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