Dachau: Gymnasten erforschen Biografien ehemaliger KZ-Häftlinge – Dachau | ABC-Z

Wer kennt noch die Namen Max und Albert Grünzeug oder Walerian Krzymiński? Alois Hundhammer ist dagegen fest in der bayerischen Geschichte verwurzelt und daher kein Unbekannter. Was diese drei Menschen verbindet: Sie waren Häftlinge im Konzentrationslager Dachau. Ihr Schicksal haben Schülerinnen und Schüler des Theodolinden-Gymnasiums München (TLG) mehr als ein Jahr lang für das „Gedächtnisbuch für die KZ-Gedenkstätte Dachau“ im Rahmen ihres W-Seminars erforscht.
Weitere ehemalige Gefangene des Nazi-Regimes, mit denen sie sich befasst haben, sind der nach dem Krieg in die USA emigrierte Ukrainer Nick Hope, der Schlosser und Sozialpolitiker Richard Piper, der sudetendeutsche Sozialdemokrat Franz Meissel, der jüdische Gymnasiallehrer Ludwig Frank, der kommunistische Möbelpolierer Emil Meier, der österreichische Gewerkschafter Karl Knapp und der jüdische Mediziner Max Moritz Klar. In wissenschaftlicher Arbeitsweise seien so „Gedächtnisblätter“ entstanden, erklärt die Projektleiterin und Lehrerin für Geschichte, Politik und Gesellschaft sowie Deutsch, Silke Bergau. Sie hätten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern klar vor Augen geführt, dass „schon 1933 Schindluder mit der Demokratie getrieben wurde, das war schon eine astreine Diktatur“.
Die Jugendlichen haben die von ihnen recherchierten Biografien in der Kirche des Karmelklosters auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte so eindringlich präsentiert, dass sie das Publikum in diese Welt des Schreckens, der Folter, der Ungerechtigkeit, aber auch des Überlebens, Weitermachens und der Hoffnung versetzten. Bereits seit 1999 gibt es jährlich am 22. März diese Fortschreibung des Gedächtnisbuchs mit dem Titel „Namen statt Nummern“. Es ist der Tag, an dem 1933 die ersten Gefangenen ins KZ Dachau eingeliefert wurden.
Eigentlich sei es ja eine Pflichtaufgabe gewesen, an diesem Projekt mitzuwirken, erzählen einige TLG-Schülerinnen und -Schüler im Klosterinnenhof vor dem offiziellen Veranstaltungsbeginn. „Aber aus der Pflichtaufgabe ist eine Verpflichtung geworden“, sagt eine von ihnen. Jakob von Borries ergänzt: „Unsere Generation muss eine neue Erinnerungskultur schaffen, weil die meisten Zeitzeugen nicht mehr leben.“
Leni Messutat hat sich mit den Brüdern Max und Albert Grünzeug auseinandergesetzt, „auch weil ich FC-Bayern-Fan bin und dessen Geschichte kennenlernen wollte“. Die Brüder waren Kaufleute in München und Mitglieder des FC Bayern. Max, der Ältere, konvertierte vom Judentum zu den Sieben-Tage-Adventisten. Beide gehörten zu den unzähligen Verfolgten des Nazi-Regimes, beide waren im KZ-Dachau inhaftiert. Beide emigrierten – jedoch nicht gemeinsam – nach Venezuela und später in die USA, nach Florida. „Wussten sie voneinander, waren sie in Kontakt?“, fragt Leni Messutat, die diese Lücken in den Biografien umtreiben, weil sie außer spärlichen Erinnerungen von Verwandten „nichts Persönliches“ über die Brüder Grünzeug gefunden hat. Für sie war diese Arbeit „so ein cooles und wichtiges Projekt“, sagt sie. „Das bleibt für immer.“
Veronika Stuckenberger hat diese Arbeit sogar dazu bewegt, ihre Studienpläne zu ändern. Sie will nun Jura studieren, „damit Recht auch weiterhin Recht bleibt“. Auslöser war die Recherche über den bayerischen Politiker Alois Hundhammer, der nach dem Zweiten Weltkrieg einer der Gründer der CSU, Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung und Minister in verschiedenen Ressorts wurde. „Es war mir zunächst unbegreiflich, wie ein konservativer Politiker ins KZ kommen konnte“, sagt die Schülerin. „Doch ich habe gelernt, dass nicht jeder, der konservativ ist, auch rechts ist.“ Dass Hundhammer trotz oder gerade wegen seiner katholisch-konservativen Überzeugungen ein entschiedener Gegner der NSDAP war und daher im KZ-Dachau in sogenannte Schutzhaft kam, dass er ein leidenschaftlicher Verfechter für die Errichtung der KZ-Gedenkstätte war und diese 1967 eröffnete, erfülle sie mit großem Respekt, sagt die junge Frau.

Ganz anders ist die Beziehung von Mila Ruchatz zu ihrem Urgroßonkel, dem polnischen Priester Walerian Krzymiński. Weil ihre Familie nur wenig über dessen Leben wusste, sei es ihr wichtig gewesen, „ihm eine Stimme zu geben und über das zu berichten, was beinahe in Vergessenheit geraten wäre“. Fast fünf Jahre musste der katholische Geistliche im Priesterblock des KZ Dachau verbringen; musste wie seine Leidensgenossen die unmenschliche Behandlung der SS-Leute ertragen. Dennoch sei er „eine Art Vermittler zwischen den Häftlingsgruppen“ geworden, sagt Mila Ruchatz.
Für die Familie sei er nach Kriegsende der Ehrengast bei ihren Zusammenkünften gewesen. Er habe als Feinschmecker gegolten – und unbekannte Köstlichkeiten von seinen Reisen mitgebracht. Aber er habe fast nie über den Krieg gesprochen. Seine Verwandten, darunter ihre Mutter, erinnerten sich eher an Anekdotisches. Was Mila mit Bewunderung und Respekt erfüllt: „Er hielt trotz seiner Leiden an seinem Glauben fest.“
Im Gesprächsraum der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte gibt es einen Lesetisch mit allen bisher erschienen Gedenkblättern. Weitere ausführliche Informationen gibt es online unter www.gedaechtnisbuch.org





















