Wie der gebürtige Potsdamer Kevin Schade Fußball-Nationalspieler wurde | ABC-Z

Fußball-Nationalspieler Kevin Schade
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Aus der Tiefe der Daten
Kevin Schade wechselte einst für eine Rekordablöse nach England, ohne ein Bundesligaspiel über 90 Minuten absolviert zu haben. Weil seine Daten besonders zu sein scheinen. Und weil er seltsame Eigenschaften mitbringt für einen Stürmer. Von Ilja Behnisch
Gut möglich, dass nicht jeder der rund 80 Millionen deutschen Bundestrainer sofort etwas mit diesem Namen anzufangen wusste, als der tatsächliche Bundestrainer Julian Nagelsmann ihn für die derzeit anstehenden WM-Qualifikationsspiele gegen Luxemburg und Nordirland (nach-)nominierte: Kevin Schade.
Dabei ist der gebürtige Potsdamer in gewisser Weise sogar weiter als Florian Wirtz, das goldene Kalb des deutschen Fußballs, das im Sommer für die Fantasie-Summe von 125 Millionen Euro zum FC Liverpool wechselte und aber – noch ohne Torbeteiligung – einfach nicht anzukommen scheint in der Premier League. Dort, wo Schade schon seit Januar 2023 spielt, wenn auch beim deutlich weniger bekannten FC Brentford. Aber längst umso erfolgreicher.
Über Babelsberg und Cottbus nach Freiburg
Dem Klub aus dem Westen Londons war er immerhin 25 Millionen Euro Ablöse wert, was zu diesem Zeitpunkt die höchste Summe war, die Brentford jemals für einen Spieler bezahlt hatte. Und das für einen damals 21-Jährigen, der seine Karriere beim SV Babelsberg 03 begann, dann zu Energie Cottbus und anschließend zum SC Freiburg wechselte. Für die Breisgauer spielte er in der Folge gerade einmal 29 Bundesliga-Partien, ehe es in die Premier League ging. Wobei er keines dieser 29 Bundesliga-Spiele über die vollen 90 Minuten absolvierte.
Doch in Brentford vertraut man bei Transfers seit einigen Jahren auf Datenmodelle. Und offenbar war man sich beim Stürmer made in Brandenburg sehr sicher, einen Roh-Diamanten entdeckt zu haben. Nur, was haben die Analysten von Klub-Eigner Matthew Benham, einem ehemaligen Bänker, der mit Statistik-Modellen Millionen auf dem asiatischen Wettmarkt verdiente, in Schade gesehen, dass sie bereit waren, so viel Geld hinzulegen?
Vielseitig einsetzbar
Die Antwort darauf bleibt natürlich Betriebsgeheimnis. Manches jedoch scheint offensichtlich. In der Bundesliga zählte Schade zu den drei schnellsten Spielern überhaupt. Zudem läuft er insgesamt viel – auch nach hinten – und scheut sich nicht vor Zweikämpfen. Nicht gerade die Parade-Disziplinen vieler Offensivspieler, aber umso wertvoller für das Mannschaftsgefüge, insbesondere bei Teams, die auf Pressing-Momente setzen. Dazu verfügt der 1,85 Meter-Mann über eine starke Physis und kann auf nahezu jeder Position spielen. So mauserte sich Schade in Brentford vom reinen Flügelspieler zur zentralen Figur und Anspielstation auch für lange Anspiele, etwa durch den Torwart.
Als Torschütze in illustrer Gesellschaft
In der vergangenen Saison kam Schade auch deshalb auf bemerkenswerte elf Saisontore in der Premier League. Die Liste deutscher Spieler, denen ebenfalls eine zweistellige Toranzahl in der wohl besten Liga der Welt gelungen ist, ist dabei so illuster wie kurz: Uwe Rösler, Jürgen Klinsmann, Lukas Podolski, Leroy Sané, Ilkay Gündogan, Kai Havertz. Wobei bis auf Uwe Rösler allesamt auch Nationalspieler sind oder waren.
Inzwischen auch wieder – Kevin Schade. Der schon im März 2023 für die DFB-Elf debütierte, damals noch unter Bundestrainer Hansi Flick. Der auch im September 2023 auf ihn setzte, ehe sich Schade mit Adduktorenproblemen in den Krankenstand verabschiedete. Zu diesem Zeitpunkt hatte er gerade einmal ein Tor in 23 Premier League-Spielen erzielt und dabei eine einzige Begegnung über die vollen 90 Minuten gespielt. Doch Schade kehrte zurück – nach 201 Tagen und 36 verpassten Partien. Auch in die Nationalmannschaft, nun unter der Leitung von Julian Nagelsmann.
Tiefenläufe, die die Statik des Spiels verändern können
Die britische BBC attestierte Schade für die Saison 2024/25 einer der Spieler der Premier League gewesen zu sein, die sich am meisten entwickelt hätten. Überhaupt sei er ein “brillianter, instinktiver” Spieler, der am besten sei, wenn er keine Zeit zum Nachdenken habe. Tatsächlich braucht man nicht mehr nach Datensätzen zu fragen, wenn man Schade dieser Tage Fußball spielen sieht. Der inzwischen 23-Jährige schafft es dank seines Tempos, Tiefenläufe anzusetzen, die an sich nicht vorgesehen sind und somit große Löcher in einen eben noch wie zementiert wirkenden Abwehrverbund reißen.
In seinen besten Momenten kann Schade so die Statik eines ganzen Spiels verändern, eine Mannschaft und ein ganzes Stadion aus der Lethargie reißen. Es gibt schlechtere Eigenschaften, um sich ins Gedächtnis von bis zu 80 Millionen Bundestrainern zu bringen.
Sendung: rbb24 Inforadio, 10.10.2025, 22:15 Uhr














