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Colonia Dignidad: Chiles Regierung stoppt Gedenkstätte für Opfer | ABC-Z

Stand: 30.03.2026 • 15:20 Uhr

Auf dem ehemaligen Gelände der deutschen Sekte Colonia Dignidad in Chile wurden schreckliche Taten begangen. Daher sollte dort ein Erinnerungsort enstehen. Nun will die neue, rechte chilenische Regierung dies verhindern.

Chiles rechtsgerichtete Regierung von Präsident José Antonio Kast will die geplante Enteignung für eine Gedenkstätte auf dem Gelände der früheren deutschen Sekte Colonia Dignidad stoppen. Mit dem Projekt sollte an die Opfer schwerer Verbrechen erinnert werden. Wohnungsbauminister Iván Poduje sagte, die Entscheidung solle rückgängig gemacht werden.

Auf der Plattform X begründete er den Schritt unter anderem mit mutmaßlichen Unregelmäßigkeiten im bisherigen Verfahren, hinzu kämen “enorme finanzielle Kosten”. Aktivisten und Angehörige der Opfer kritisieren den Schritt.

Folter während der Pinochet-Diktatur

Die Colonia Dignidad liegt mehr als 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile. Der deutsche Laienprediger Paul Schäfer gründete dort 1961 eine abgeschottete Siedlung, in der Mitglieder ausgebeutet, Familien auseinandergerissen und Kinder missbraucht wurden.

Während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet (1973 – 1990) wurden dort zudem Regimegegner gefoltert und ermordet. Im Jahr 2005 stellte die Regierung die Siedlung unter Zwangsverwaltung. Heute wird das als Villa Baviera bekannte Areal auch touristisch genutzt.

“Colonia Dignidad” in Chile

Die “Colonia Dignidad” war eine Siedlung deutscher Auswanderer in Chile. Einstige Mitglieder berichten von jahrzehntelangem systematischem Kindesmissbrauch und Folterungen auf dem hermetisch abgeriegelten Areal, das sich rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago befand. Der Bonner Paul Schäfer gründete die Sekte im Jahr 1961. Er stammte aus einem freikirchlichen Umfeld. In der Sekte führte er ein diktatorisches Regime. Das Leben war geprägt von Abschottung von der Außenwelt. Das landwirtschaftliche Anwesen bot den Armen der Region medizinische Versorgung und Schulbildung. Bauern schickten ihre Kinder in die angebliche “Kolonie der Würde” – doch die Kinder wurden zu Hunderten misshandelt und missbraucht. Während der 17-jährigen Militärdiktatur in Chile ab 1973 stand die Colonia unter besonderem Schutz des Junta-Chefs Augusto Pinochet. Nach dem Ende der Diktatur im Jahr 1990 begann die chilenische Justiz, gegen die Siedlung vorzugehen.

Einst ein Ort von Folter und Missbrauch der Sekte: heute ist das Villa Baviera bekannte Gebiet ein Ausflugsziel.

Keine Ideologie, nur Prioritäten?

Wohnungsbauminister Poduje sagte dem Fernsehsender T13, sein Ministerium habe “keine Befugnisse” und “nicht die Mittel” für die Umsetzung der Pläne. Ideologische Motive wies er in der Zeitung La Tercera zurück: Es gehe ausschließlich “um soziale Prioritäten”. Die Kosten bezifferte er auf rund 47 Milliarden Pesos, mit dem Geld könnten Wohnungen oder Sportanlagen saniert werden. Sollten die Mittel da sein, könnten andere Ministerien das Vorhaben fortführen.

Kritiker sehen darin jedoch eine politische Entscheidung zulasten der Aufarbeitung. Seit Jahren wird über eine Gedenkstätte gestritten, 2025 hatte das Justizministerium angekündigt, dafür rund 116 Hektar zu enteignen.

Ein Stein begrüßt Gäste der heutigen Siedlung, die bis 1988 Colonia Dignidad hieß.

Vater des neuen Präsidenten Kast war NSDAP-Mitglied

Der frühere Justizminister Jaime Gajardo bezeichnete die Kehrtwende laut Medien als “Schlag ins Gesicht für das Gedenken an die Opfer schwerer Menschenrechtsverletzungen”. Zwar sei eine vorübergehende Aussetzung aus Haushaltsgründen nachvollziehbar, die Rücknahme der Entscheidung jedoch nicht.

Präsident Kast ist seit 11. März im Amt – sein Vater, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier und NSDAP-Mitglied, war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile ausgewandert. Neben Argentinien wurde nach 1945 vor allem Chile ein neues Zuhause für Altnazis. Nach neuesten Erkenntnissen waren sie 1973 aktiv am Putsch gegen den gewählten sozialistischen Präsidenten Allende – und am darauffolgenden Aufbau des Unterdrückungsapparats des Militärregimes von Augusto Pinochet beteiligt.

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