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Clankriminalität in Berlin: Haftstrafen wegen Brandstiftung an Autos von JVA-Beamten – Panorama | ABC-Z

Bekümmert sehen sie nicht gerade aus. Ein Angeklagter winkt vergnügt ins Publikum. Er wird auch nach der Urteilsverkündung noch strahlen. Denn Unterstützer der Familie R. sind ins Kriminalgericht Berlin gekommen, um Solidarität zu zeigen mit den Männern, die hier in Kästen aus Sicherheitsglas sitzen. Sie sind angeklagt wegen Brandstiftung, einer wegen Anstiftung.

Eine Geschichte Organisierter Kriminalität ist das in einem bekannten Familienverband, der vor Jahrzehnten aus Libanon nach Berlin eingewandert ist, um dort ein Vermögen anzuhäufen durch Straftaten. Der Raub der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bodemuseum gehörte dazu, auch der Juwelendiebstahl aus dem Grünen Gewölbe in Dresden. Raubüberfälle, Drogenhandel, tödliche Unfälle mit Fahrerflucht, das Repertoire der Straftaten ist breit gefächert in Familie R. Und wer schon im Gefängnis sitzt, lässt bisweilen den Bruder weitermachen, draußen.

Bei Asies R. war das so, er ist 28 Jahre alt, ein Mann mit langem Fusselbart, der ihn älter aussehen lässt, als er ist. Am Montag sitzt er mit zwei Mitangeklagten im Landgericht Berlin I, sein Zuhause wird bis auf Weiteres eine Justizvollzugsanstalt in Brandenburg bleiben.

Asies R. ärgerte sich über einen JVA-Beamten – und ließ dessen Auto anzünden

Asies R., ältestes von 14 Geschwistern der Familie R., ist einer, der seinen Verteidiger erklären lässt, er habe als Kind ADHS gehabt, die Schule abgebrochen, als Reinigungskraft gearbeitet. Dann hat er, das sagen andere, eine Jugendhaftstrafe wegen versuchten Totschlags und gemeinschaftlicher Körperverletzung verbüßt. Später wurde er erneut zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln. Mit Straftaten war trotzdem nicht Schluss.

Denn Asies R. hat sich geärgert, im Februar 2024 war das. Ein Justizvollzugsbeamter hatte in seiner Zelle ein Mobiltelefon beschlagnahmt. Der Häftling beauftragte also andere, das Auto des Beamten anzuzünden. Er hat das vor Gericht zugegeben, auch seine Mittäter haben gestanden. 21 Autos von Mitarbeitern in drei Gefängnissen wurden der Anklage zufolge von März bis Juni 2024 auf Betreiben von Asies R. zum Teil schwer beschädigt.

Zwei Taten hat der Angeklagte eingeräumt. 50 000 Euro hat er gezahlt, um den Schaden auszugleichen. Dazu hat er seinen jüngeren Bruder Abdallah R. als Mittäter belastet und Oskar K., einen damals 22-Jährigen, der auf Weisung aus der Haftanstalt tat, was mal die Masche militanter Linksautonomer war: Grillanzünder auf Reifen geparkter Autos anzünden. Oft brannten die Wagen binnen Minuten. Vor Gericht in Berlin sagt ein betroffener Beamter, er habe die Tat als „Bedrohungssituation“ für die ganze Familie empfunden.

Viele Justizbeamte sind es gewohnt, angefeindet zu werden

Nun sind Justizbedienstete einige Anfeindungen gewohnt. Mal werden sie von Prozessbeobachtern gestalkt, dann im Netz beschimpft. Zwei Kammern des Landgerichts Berlin erhielten über Monate Polizeischutz, weil Richterinnen und Richter bedroht wurden, auch deren Familien. Am Verwaltungsgericht Berlin ist eine Kammer in einen Wutsturm von rechts geraten, weil sie Zurückweisungen von Asylbewerbern an deutschen Grenzen für rechtswidrig erklärt hatte.

Vielerorts steht die Justiz unter Druck, auch weil im digitalen Dorf ein jeder eine große Reichweite haben kann. Im Verfahren gegen Asies R. und seine Mitstreiter aber zeigt sich nicht nur der Wunsch, gehört zu werden. Es eröffnet sich da auch ein Panoptikum aus frühem Scheitern, Abhängigkeiten und einem Lebensgefühl der Unverwundbarkeit im kriminellen Milieu.

Das zeigt sich etwa bei Abdallah R., dem jüngeren Bruder von Asies R. und zweiten Angeklagten in diesem Prozess. Als Kind war er in der „Lernschwachenschule“, so nennt er das, später habe er Pizza ausgefahren, Einzelhandelskaufmann gelernt. Da flog er raus, wegen Diebstahls, sagt der 23-Jährige. Dann waren da Drogen, Straftaten, eingestellte Verfahren. Ob er Arbeit hat, fragt die Vorsitzende Richterin. „Nee“, antwortet Abdallah R. „Ich hab’ immer Anträge geschrieben, aber die haben mich nicht arbeiten lassen.“

2025 kam ein Fall von bandenmäßigem Handel mit Betäubungsmitteln vor Gericht. Abdallah R. soll da mit Oskar K., mit dem er später Autos anzündete, einen professionellen Kokstaxi-Service aufgezogen haben. Abdallah R. koordinierte, Oskar K. belieferte die Kundschaft. In einer Bunkerwohnung fand man später Drogen im Wert von mehr als 15 000 Euro. Oskar K. wurde dafür im Dezember zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Weil er auf Revision verzichtet, wird ihm das im Prozess wegen Brandstiftung angerechnet.

Eine Strafe wird mit der nächsten verrechnet. Für Anstifter Asies R. kommt so am Montag unter Berücksichtigung seiner bisherigen Strafen eine Gesamtstrafe von drei Jahren und drei Monaten Haft zusammen. Abdallah R. erhält insgesamt zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe. Oskar K. aber, der unter Anleitung der Familie R. mal Kokstaxis fuhr und mal Feuer legte, erhält die längste Gesamtstrafe: sechs Jahre und drei Monate Gefängnis.

Die Angeklagten hätten „Ignoranz und Arroganz gegenüber unseren Regeln und unserem Rechtsstaat“ gezeigt, sagt die Vorsitzende Richterin noch. Die Angeklagten bedauern, dann wendet Abdallah R. sich zum Publikum. Seine Miene ist vergnügt. Er wirft Kusshände.

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