Kultur

Chloé Zhao und Jessie Buckley: Nach der Tophäe ist vor der Trophäe | ABC-Z

Als die Regisseurin Chloé Zhao vor fünf Jahren schon einmal auf der Oscar-Bühne stand und in die wenigen, mit Coronamasken bedeckten Gesichter schaute, zitierte sie die ersten Worte des auf den Konfuzianismus beruhenden, chinesischen Lehrgedichts „Drei-Zeichen-Klassiker“: „Am Anfang ist der Mensch gut.“

Sie hatte soeben, als zweite (und erste Frau mit asiatischen Wurzeln) überhaupt, die Trophäe für die „Beste Regie“ für ihren dritten Langfilm, das sozialkritische, dokumentarisch anmutende Independent-Drama „Nomadland“ verliehen bekommen. Ein kleiner Trailer, mit dem die US-amerikanische Oscar-Academy sie eingeführt hatte, porträtierte die damals 38-jährige als Künstlerin, für die Film das ultimative „walking in another one’s shoes“ bedeutet.

Apropos Schuhe: Bei der Entgegennahme der vielfachen Auszeichnungen in Hermès-Kleid und Sneakern (!) und mit langen geflochtenen Zöpfen, wirkte die in Peking geborene, mit 18 nach Los Angeles gezogene Regisseurin, die sich selbst als „neurodivergent“ bezeichnet, zurückhaltend, ungläubig, und überwältigt. Das Spotlight überließ sie nach den Dankesworten schnell ihrer stacheligen Hauptdarstellerin Frances McDormand, die vor Freude wie ein Wolf, besser: wie eine Wölfin heulte.

Sonntagnacht könnte Zhao, die nach dem Erfolg von „Nomadland“ 2021 mit „Eternals“ als zweite Frau eine mythisch und visuell ungewöhnlich eigenständige Marvel-Großproduktion verantworten durfte, ein weiteres Mal Oscar-Historie mitschreiben.

Mit ihrem in acht Kategorien nominierten letzten Werk „Hamnet“ beweist Zhao nicht nur, dass ihr Talent zum „Worldbuilding“ für jede Welt funktioniert: Die nach einem Roman adaptierte Geschichte über die Trauer von William Shakespeare und seiner Frau Agnes über den Tod ihres Sohnes „Hamnet“, der drei Jahre vor der Entstehung von „Hamlet“ verstarb, spielt im 16. Jahrhundert, und zieht Zu­schaue­r:in­nen mit seinen immersiven, wie Gemälde wirkenden Bildern vom ersten Augenblick an in den Bann. Vor allem erzählt sie jedoch das universale Gefühl des Verlusts – und schickt sowohl das Publikum als auch die Eltern über einen Schmerz-Parcours.

Jessie Buckley als Agnes Shakespeare

Berührend, und damit überhaupt aushaltbar wird dieser Parcours durch die Hauptdarstellerin: Mit der irischen Schauspielerin Jessie Buckley als Agnes Shakespeare hat Zhao eine empathische Künstlerin gefunden, die aus der wenig erforschten Agnes (oder Anne) eine faszinierende und in aller zeitlichen Entrücktheit nahbare Figur macht. Buckley wurde dafür für einen „Best Actress“-Oscar nominiert.

Der 36-jährigen, die ihr Handwerk klassisch auf der Londoner „Royal Academy of Dramatic Art“ erlernte, und nach vielen Theater- und Filmproduktionen bereits 2019 im kalt-düsteren 19. Jahrhundert-Seriendrama „Taboo“ neben Tom Hardy brillierte, quillt das Talent aus allen Poren. Momentan bewahrt sie Maggie Gyllenhaals eklektisches Horror-Remake „The Bride!“ vor der Lächerlichkeit, der sich der Film ohne sie preisgeben müsste.

Und ihre aktuelle Produktion verspricht ebenfalls visuelle und storytechnische Extreme: Neben Dakota Johnson, Saoirse Ronan und Josh O’Connor spielt Buckley in einer von Alice Rohrwacher inszenierten filmischen Adaption des Bilderbuchs „Drei Schwestern“ (das im Original etwas aufmerksamkeitsträchtiger „Three incestuous sisters“ heißt).

Buckley, soviel steht fest, ist ebenso furchtlos gegenüber Gefühlen, Abgründen und deren Wechselwirkungen wie ihre „Hamnet“-Regisseurin. Mindestens einer von beiden Frauen wird Sonntagnacht ziemlich sicher große Anerkennung zuteil. Vielleicht heult ja gar wieder jemand wie eine Wölfin.

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