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Chatbots und Einsamkeit: eine neue Art sozialer Beziehungen – Wissen | ABC-Z

Los werden wir sie ohnehin nicht mehr, eher noch könnte man die Stadtratten der Erde verweisen. Mehr als 30 Millionen Nutzer hat der in Europa und USA angesagte soziale Chatbot Replika, knapp 160 Millionen Menschen das chinesische Pendant Doubao. Weltweit 810 Millionen Menschen kommunizieren bereits wöchentlich mit Chat-GPT. Nachdem Open AI jetzt die Erotiksperre abgeschaltet hat, werden die Zahlen weiter steigen. Die Frage ist: Was machen diese Bots mit uns und wie sollten wir darauf reagieren?

Sie stellt sich auch im Zusammenhang mit der Epidemie der Einsamkeit, die zu den Jahresendfeierlichkeiten gern thematisiert wird. So berichten etwa britische Psychologen in der Christmas-Ausgabe des British Medical Journals  (BMJ), dass zunehmend mehr Menschen mit Chatbots ihre Isolation bekämpfen. Demnach nutzen bereits ein Drittel aller Teenager KI für den sozialen Austausch, von denen wiederum ein Drittel sagt, dass sie lieber mit KI-Freunden ernste Gespräche führen als mit Menschen. Ist das ein Grund zur Sorge? Nur, wenn man sich die richtigen Sorgen macht.

Wenig hilft es, wenn Kritiker darauf hinweisen, dass die Chatbots längst nicht die kognitiven Fähigkeiten von Menschen haben und ihnen Empathie und warme Gedanken fehlen. Natürlich haben sie diese nicht, obwohl noch nicht entschieden ist, ob Bewusstsein tatsächlich nur in nassen Säugetiergehirnen emergieren kann oder auch in künstlich geschaffenen Strukturen. Das wird sich, menschheitsgeschichtlich gesehen, bald entscheiden, spätestens in ein paar Jahrtausenden.

Wir schätzen ja auch die herzerwärmende Wirkung von Schwanzwedeln und Streichelfähigkeit

Doch darum geht es derzeit eben nicht. Zum einen reichen die Fähigkeiten der großen Sprachmodelle bereits heute immerhin so weit, dass sie bereits für den Einsatz als Psychotherapeuten vorbereitet werden, was anspruchsvoller ist, als einsamen Menschen etwas Gesellschaft zu leisten. Zum anderen sind wir auch sonst nicht so kritisch. Viele empfehlen sogar die kognitiv unterkomplexen Hunde als beste Freunde. Sie schätzen die therapeutische Wirkung von treuem Blick und Streichelfähigkeit, vielleicht sogar die typisch hündische Servilität, die an Chat-GPT erinnert. Auch bei der herzerwärmenden Wirkung von konservierter Musik käme niemand auf die Idee, fehlende Echtzeit-Musiker zu bemängeln und deshalb die von ihr bewirkten Gefühle als unnütz zu denunzieren.

Chatbots sind zumindest auf absehbare Zeiten in ihrem Inneren nur kalte Rechenmaschinen, doch erfüllen sie für viele Menschen reale soziale Bedürfnisse, zumindest ein bisschen. Es ist eine gute Idee etwa der Philosophin Eva Weber-Gurska, KI-Bots als eine neue Art von Mitgliedern in der Gesellschaft zu betrachten. Sie spricht von transsozialen Beziehungen.

Es ist mehr als ein Spiel um Worte. Der Name bedeutet auch, dass man KI-Chatbots in ihren Wirkungen ernster nehmen sollte als doofe Hunde und Music-Player, ohne sie deshalb menschlich zu überhöhen. Die größte Gefahr liegt nämlich darin, dass insbesondere unreife Kinder und Jugendliche sich an die auf Ja-Sagen und Freundlichkeit getrimmten Chatbots gewöhnen und sich zunehmend mit realen Menschen schwertun, die widerborstiger sind.

Die Frage ist nicht, ob Chatbots Einsamkeit vertreiben. Das tun sie offensichtlich in einem gewissen Maße. Die Frage ist vielmehr, welche persönlichen und gesellschaftlichen Folgen das hat. Diese gilt es zu erforschen und einzuhegen, etwa beim Jugendschutz. Dabei geht es auch um andere Themen, die noch zu wenig diskutiert werden: Darf es sein, dass allein Tech-Konzerne darüber entscheiden, nach welchen Algorithmen die transsozialen Wesen mit Menschen aus Fleisch und Bio-Hirn interagieren?

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