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CEO Peter Gerber: Wie Condor nach der Krise wieder expandieren möchte | ABC-Z

Der weltweite Luftverkehr gewinnt immer mehr an Bedeutung. Deutschland aber wird abgehängt. Dass Deutschland abgehängt wird, liegt vor allem an falschen Rahmenbedingungen, also an politischen Entscheidungen. Das sind die beiden zentralen Botschaften, die Peter Gerber, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Fluggesellschaft Condor, bei den 122. Wirtschaftsgesprächen am Main im Gespräch mit F.A.Z.-Herausgeber Carsten Knop formuliert.

Die Branche allgemein (Pandemie) und Condor im Speziellen (Thomas-Cook-Insolvenz, Hilfen vom Bund, Einstieg des Investors Attestor) haben eine aufregende Zeit hinter sich. Während allerdings Flughäfen im Ausland bei den Passagierzahlen durchschnittlich wieder besser dastehen als vor Corona, sieht die Lage hierzulande und damit mittelbar auch für deutsche Fluggesellschaften anders aus. Condor will hier gegensteuern, von Frankfurt aus, mit neuer Flotte und neuem Selbstbewusstsein.

Gerber ist dem hiesigen Standort seit Jahren verbunden. Der studierte Jurist und Betriebswirt ist in Gießen geboren. 1992 begann er bei der Lufthansa, verantwortete dort von 2001 an ein konzernübergreifendes Ergebnissicherungsprogramm, später die strategische Konzernentwicklung und die Tarifpolitik, wurde dann Finanz- und Personalvorstand bei der Lufthansa Cargo AG und führte von 2014 an Lufthansa Cargo. Sieben Jahre später wechselte er als Vorstandsvorsitzender zur Lufthansa-Tochter Brussels Airlines – und kehrte 2024 als Condor-Chef zurück nach Frankfurt.

Condor hat eine „Erholung mit Hindernissen“ hinter sich

Condor hat in Frankfurt eine lange Geschichte: Aus der vor mehr als 70 Jahren gegründeten Deutschen Flugdienst GmbH hervorgegangen, war Frankfurt von Beginn an Heimat. Dass die Airline heute wieder expansive Pläne schmiedet, war vor einigen Jahren nicht abzusehen. 2019 war die Muttergesellschaft Thomas Cook pleitegegangen, die Übernahme durch die polnische Fluglinie LOT scheiterte Anfang 2020. Also sprangen das Land Hessen und die KfW ein, übernahmen die Anteile, seit 2021 gehören 51 Prozent dem Investor Attestor, die restlichen Prozente verwaltet treuhänderisch die SG Luftfahrtgesellschaft im Auftrag von Bund und Land. Mittlerweile ist Condor aber wieder auf gutem Weg. Die Kredite, die mit der Rettung verbunden waren, sollen noch in diesem Jahr abgelöst werden. „Erholung mit Hindernissen“ hat Gerber seinen Vortrag also folgerichtig überschrieben.

Der Standort macht es Condor Gerber zufolge aber schwer. Frankfurt, einmal „der Flughafen der Welt bei Konnektivität“, drohe den Anschluss zu verlieren. Umsteigeströme von Langstreckenflügen verschöben sich. „Früher sind mal 65 bis 70 Prozent der Langstreckenpassagiere in Europa umgestiegen. Das verschiebt sich mehr und mehr in die Türkei oder an den Golf“, sagt Gerber. Dadurch komme es zu einem langfristigen Bedeutungsverlust Deutschlands und der Region.

Als Ursache nennt Gerber eine „praktisch ungebremste Kostenentwicklung“ – und zwar staatlich induziert. Die Kosten eines Flugs ließen sich grob auf drei Blöcke aufteilen: 40 Prozent seien interne Kosten, 30 Prozent mache das Kerosin aus, und 30 Prozent des Ticketpreises entfielen auf Standortkosten wie Luftsicherheits- und Flugsicherungsgebühren sowie die Luftverkehrssteuer. Letztere hätten sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Deutschland erhebe eine der höchsten Luftverkehrssteuern in Europa. Seit 2019 seien rund 60 Flugzeuge und 10.000 Arbeitsplätze aus Deutschland verlagert worden. „Das sind vier Milliarden Euro Wertschöpfung“, sagt Gerber.

Condor hat viel Geld investiert

Dabei hat die Gesellschaft jüngst stark investiert: Die Flotte der Langstreckenflugzeuge ist mit 18 A330-neo-Fliegern komplett erneuert worden, zu einem damals coronabedingt günstigen Preis, wie Gerber sagt.  Bei der Kurz- und Mittelstrecke läuft die Umstellung auf 41 neue Flugzeuge der A320-Reihe. Die Boeing 757 ist seit dem vergangenen Herbst ausgemustert. Zudem stehe der Umzug in das Gewerbegebiet Gateway Gardens am Flughafen unmittelbar bevor.

Auch in Innenräume habe man investiert: Die Condor-Businessclass müsse sich nicht vor der von der Lufthansa verstecken. „Wir sind stolz auf die Langstrecke, haben die beste Businessclass Europas und die modernsten Flugzeuge Deutschlands“, sagt Gerber vollmundig nicht ohne Seitenhieb an den großen Konkurrenten.

Strategisch erweitert die Gesellschaft ihr Profil. Früher als Urlaubsflieger bekannt, setzt man nun auch auf die Langstrecke, Inlandsflüge und Geschäftsreisen. „Bleisure“, eine Kombination aus „Business“ und „Leisure“ nannte Gerber das vor Kurzem. Weil die Langstrecke nicht ohne Zubringersystem funktioniert, baut Condor ein eigenes Citynetz auf – die Kündigung des entsprechenden Lufthansa-Vertrags im Zuge der Positionierung von Discover, die derzeit noch in einem Rechtsstreit diskutiert wird, habe die Entscheidung beschleunigt. Parallel wächst das Netz an Partnergesellschaften für Langstrecken, bisher ohne sich auf eine Allianz festzulegen.

Dass die Koalition in Berlin in Aussicht gestellt hat, die jüngste Erhöhung der Luftverkehrssteuer zurückzunehmen, bewertet Gerber positiv. Die Bürokratie erschwere jedoch Reformen: Flughäfen sind Ländersache, die Zuständigkeit für die Luftverkehrswirtschaft verteilt sich auf vier Ministerien. Für wirksame Verbesserungen der Rahmenbedingungen brauche es daher klare Mehrheiten „jenseits der fünfzig Prozent“.

Die dünne Marge der Fluggesellschaften bleibt laut Gerber herausfordernd. Je Passagier verdiene man unter dem Strich fünf bis zehn Euro. Kleine Erhöhungen staatlich induzierter Kosten könnten da schnell gefährlich sein.

Die Größe einer Gesellschaft sei ein strategischer Vorteil, sagt Gerber, weil über ein größeres Einkaufsvolumen, etwa bei den Anschaffungen neuer Flugzeuge, Preise gesenkt werden könnten. Zentral blieben die „willkürlichen staatlichen Kosten“. Fielen diese weg oder wären spürbar geringer, sei man international ohne Frage konkurrenzfähig. Denn Wachstumschancen sieht Gerber in allen Segmenten: im Tourismusgeschäft, auf der Langstrecke, bei Geschäftsreisen gerade mit Blick auf Asien und auch bei den Inlandsverbindungen.

Die „Wirtschaftsgespräche am Main“ sind eine Veranstaltung des Hotels Steigenberger Frankfurter Hof, der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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