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Italiens 3:0 gegen Israel: Ein ungewöhnlicher Abend in Udine – Sport | ABC-Z

Die Pfiffe im Stadion waren bereits verhallt, der Ball rollte zwischen Italien und Israel, da begann in Udine doch noch der Kampf, draußen auf der Straße. Auf der Piazza Primo Maggio war die für zwei Stunden friedliche verlaufene Demonstration unter der Organisation einer örtlichen propalästinensischen Gruppe gerade geendet, dann setzten sich die von der Polizei schon vorab als gefährlich eingestuften „Randgruppen“ durch. Vermummte Demonstranten wollten sich einen Weg durch die Absperrung bahnen, offenbar, um in Richtung Stadion zu gelangen, so berichten es lokale Medien. Die Polizei stellte sich dem entgegen, es flogen Flaschen und Steine, ein Carabiniere und zwei Journalisten wurden getroffen. Einer der beiden liegt weiterhin schwer verletzt im Krankenhaus, schwebt aber nicht in Lebensgefahr. Erst nach 22 Uhr beruhigte sich die Lage in der Stadt zunehmend, die Polizei teilte mit, sie habe die Kontrolle über den Platz zurückerlangt.

Und doch konnte man das Fazit ziehen, dass die Befürchtungen sich bewahrheitet hatten: dass sich dieser Abend nicht nur mit dem Fußball befassen würde, sondern mit dem großen Thema des Konfliktes zwischen Israel und Palästina. Den vielleicht manche als zumindest vorerst gelöst empfinden mögen, nach den Ereignissen der vergangenen Tage. Aber nicht diejenigen, die in Udine zugange waren. Wohlgemerkt: außerhalb des Stadions.

Innerhalb des Stadio Friuli nämlich blieb es bemerkenswert ruhig. Deutlich – auf knapp unter 10 000 Zuschauer – war die Kapazität eingeschränkt worden, unter anderem Sicherheitskräfte des Mossad bewachten die israelische Mannschaft rund um die Uhr. Zwei Demonstranten wollten offenbar auf das Feld gelangen, wurden aber umgehend aufgehalten, ansonsten blieb es bei lautstarken Pfiffen einer Gruppe von Zuschauern während der israelischen Nationalhymne (sowie Applaus vieler anderer). Und einem Fußballspiel, das keinen Anlass für weitere Debatten lieferte.

Auch das ist eine Erkenntnis, die der Dienstagabend in Udine brachte: Der Konflikt zwischen Israel und Palästina, er wird kein Gegenstand der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft werden, da weder das eine noch das andere Land daran teilnehmen wird. Debatten um einen Ausschluss durch die Fifa beendete das italienische Nationalteam mit einem 3:0-Sieg, mit dem feststeht, dass Israel sich nicht für die Endrunde qualifizieren wird.

Gianluca Mancini, rechts, köpft das 3:0 der Italiener gegen Israel.
Gianluca Mancini, rechts, köpft das 3:0 der Italiener gegen Israel. (Foto: Luca Bruno/AP)

Es wurde diesmal kein Wahnsinnsspiel wie noch vor einem knappen Monat, als Italien in letzter Sekunde erst den Siegtreffer zum 5:4 gegen Israel erzielen konnte und sich gerade so rettete. Aber dennoch täuscht das klare Ergebnis ein wenig über den Spielverlauf hinweg: Selbst das 1:0 durch einen Elfmeter von Mateo Retegui wenige Minuten vor der Halbzeitpause brachte kaum Ruhe in die Squadra Azzurra, die einen Gianluigi Donnarumma in Höchstform benötigte, um ohne Gegentor aus dem Spiel zu gehen. „Ich persönlich bin zufrieden“, sagte Trainer Gennaro Gattuso: „Ich habe eine tolle Moral gesehen und bin froh, kein Gegentor kassiert zu haben. Wir haben das Spiel gemacht, das wir spielen mussten, obwohl wir heute alles zu verlieren hatten.“

Das war in der Tat der Fall. Ein Unentschieden oder eine Niederlage hätte Italien in die gefährliche Lage gebracht, im November unbedingt die Partie gegen die zurzeit herausragenden Norweger gewinnen zu müssen, um den zweiten Platz abzusichern, der zur Qualifikation für die Playoffs im kommenden März reicht. Dieser ist den Italienern nun schon sicher, Platz eins ist angesichts des norwegischen Torverhältnisses sehr unwahrscheinlich. Eine Art Mindestanforderung haben Gattuso und seine Mannschaft damit erfüllt. Man sollte sie allerdings kaum mit Euphorie verwechseln.

Italien wird ziemlich sicher in den Playoffs landen

Sicherlich: Unter dem neuen Nationaltrainer kreiert Italien mehr Chancen und schießt mehr Tore, 16 sind es nun aus den vergangenen vier Spielen. Das traumhafte 2:0 durch Reteguis Distanzschuss war zudem Zeugnis dafür, dass auch Einzelcharaktere in der Offensive wieder fähig sind, Spiele zu entscheiden, was in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Der Abschied vom Systemfußball der Ära Luciano Spalletti, die Rückbesinnung auf simplere Prinzipien, das alles hat für Italien vorerst funktioniert. „Wir müssen lernen, zu leiden. Nur wenige Teams auf der Welt können das“, sagte Gattuso.

Die defensive Stabilität allerdings ist weiterhin fragwürdig, erst das Spiel gegen Norwegen dürfte hier Aufschlüsse bringen. Es wird der letzte Härtetest vor einem Playoffturnier, bei dem es zwei K.-o.-Spiele zu gewinnen gilt. Mit dem Rücken zur Wand allerdings können Gattusos Italiener Leistung erbringen, das haben sie nun immerhin bewiesen. In einem Spiel, an das man sich dennoch nicht wegen des Sports erinnern wird.

Nur 1970 schaffte es Israel zur WM, Italien droht immer noch die dritte Absenz nacheinander

Politiker aus dem rechten wie linken Spektrum kritisierten die extremen Proteste noch am Abend. „Was heute Abend passiert ist, ist unannehmbar ernst“, sagte der Bürgermeister von Udine, Alberto Felice De Toni. Luca Ciriani von der Partei Fratelli d’Italia, Minister für die Beziehungen zum Parlament, forderte: „Die Politik soll sich aus dem Sport heraushalten.“ Das war in Italien sicherlich nicht der Fall rund um die Partie: Auch in anderen Teilen des Landes hatte es Protestaktionen gegen die Austragung gegeben, bei einem Sit-in in Ancona, bei einer Aktion in Bologna oder einem Marsch vor die Zentrale des italienischen Fußballverbandes in Mailand.

Die ganz große Debatte allerdings, so darf man hoffen, hat sich mit dem Schlusspfiff in Udine vorerst erledigt. Zumindest auf dem Rasen ist davon auszugehen, angesichts der nun geschaffenen Tatsachen. Die besagen, dass Israel weiterhin nur eine WM-Teilnahme vorzuweisen hat, aus dem Jahr 1970. Und dass Italiens Fußball weiterhin um seine Ehre kämpfen darf – auch wenn gleichzeitig die Sorge nicht ausgeräumt ist, die dritte Weltmeisterschaft nacheinander zu versäumen.

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