Brandschutz in Crans-Montana: Ursachen der Tragödie in der Bar – Panorama | ABC-Z

Die Tragödie von Crans-Montana hinterlässt ein Dorf, einen Kanton, ja ein ganzes Land in Trauer – und wirft viele Fragen auf. Wieso verwandelte sich das Untergeschoss so schnell in eine Feuerhölle? Warum wurde die Bar zu einer Falle, aus der es für viele kein Entkommen gab? Wer kontrollierte die Brandschutzvorschriften? Und vor allem: Wie konnte so etwas geschehen?
Die Fragen sind quälend. 40 Tote, 119 Verletzte hinterlässt die Feuersbrunst von Crans-Montana. Viele von ihnen schweben noch in Lebensgefahr. Abschließende Antworten gibt es noch kaum. Die Behörden informieren zurückhaltend. Doch offizielle Aussagen, Zeugenberichte und Expertenanalysen fügen sich langsam zu einem erschreckenden Bild zusammen.
Als äußerst wahrscheinlich gilt heute, dass kurz nach 1.30 Uhr Wunderkerzen an Champagnerflaschen den Brand ausgelöst haben. So suggerieren es Handy-Videos aus der Bar. Auch die Ermittler verfolgen diese Spur „prioritär“, wie Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud bei einer Pressekonferenz sagte. Dabei soll es sich gemäß Ermittlungsbehörden um im normalen Handel erhältliche Produkte handeln, für die es keine Bewilligung braucht. Doch wie konnte eigentlich harmloses Silvester-Verbrauchsmaterial ein Inferno auslösen?
Der Besitzer der Bar hat den Umbau selber gemacht
Die Ermittler konzentrieren sich derzeit laut Staatsanwältin Pilloud „auf die in der Bar ausgeführten Renovationsarbeiten, die verwendeten Materialien, Bewilligungen und Sicherheitsmaßnahmen“. Damit rückt auch der Besitzer der Bar in den Fokus.
J. M., französischer Staatsbürger aus Korsika, hatte die Bar im Juni 2015 übernommen. In einem Interview mit der Walliser Zeitung Le Nouvelliste sagte er damals, er habe Le Constellation während sechs Monaten eigenhändig umgebaut. „Ich habe praktisch alles selbst gemacht.“ Entsprach die Bar nach dem Umbau den gesetzlichen Vorgaben? Ja, sagt J. M. in einem kurzen Telefonat dem Tagesanzeiger. „Wir wurden in zehn Jahren dreimal kontrolliert.“ Es habe nie Beanstandungen gegeben.
Überprüfen lässt sich diese Aussage derzeit nicht. Zuständig für die Kontrolle sind die Brandschutzbeauftragten der Gemeinde Crans-Montana. Dort will man auf Anfrage keine Stellung nehmen und verweist an die kantonalen Behörden. Gemäß dem zuständigen Staatsrat Stéphane Ganzer sieht das Gesetz eine jährliche Kontrolle vor. „Der Kanton erhält von den Gemeinden einen Rapport, wenn bei Kontrollen Unregelmäßigkeiten festgestellt werden. Im aktuellen Fall hat der Kanton nie einen solchen Rapport erhalten.“ Er könne aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, ob die Gemeinde die vorgesehenen Kontrollen tatsächlich vorgenommen habe.
Generalstaatsanwältin Pilloud hat Barbesitzer M. und seine Frau vorgeladen – als Auskunftspersonen, wie sie betont. Es wurden deshalb auch keine Massnahmen getroffen, um ein Fluchtrisiko zu vermindern. Pilloud erklärt: „Abhängig von den Untersuchungsergebnissen wird geprüft, ob eine strafrechtliche Verantwortlichkeit von Personen vorliegt. Sollte dies der Fall sein und diese Personen noch am Leben sein, wird eine Strafuntersuchung wegen fahrlässiger Verursachung eines Brandes, fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung gegen sie eröffnet.“
Zweifel an professionellem Brandschutz beim Dämmmaterial
Bei der Frage nach einer möglichen Fahrlässigkeit geht es unter anderem auch um die Verwendung eines Schalldämmmaterials an der Decke der Party-Location. Videos zeigen, wie der auffällig geformte Schaumstoff durch die Wunderkerzen Feuer fängt. Der Tagesanzeiger hat die Bilder zwei Experten für Schalldämmung vorgelegt. Sie wollen anonym bleiben. Ihre Analysen kommen unabhängig voneinander zum gleichen Schluss: Die Anbringung des Dämmmaterials erscheint weder fachgerecht noch professionell.
„Wenn man die Art des installierten Produkts kennt und die Installation auf den Fotos sieht, erscheint mir das Brandrisiko ziemlich offensichtlich“, sagt einer der Experten. Beim Material handelt es sich laut ihm um herkömmlichen Polyurethan-Schaumstoff, wie man ihn im Baumarkt oder im Internet findet. Ein solches Produkt sei für einen Ort wie die Bar Le Constellation höchst ungeeignet.
Diese Analyse wird vom zweiten Experten bestätigt. Es gäbe zertifizierte Schaumstoffe, die zwar auch nicht ideal für einen Nachtclub seien, aber zumindest feuerhemmend behandelt wurden. Beim Betrachten der Aufnahmen aus der Bar Le Constellation wird für ihn die „amateurhafte Anbringung“ sofort ersichtlich. Bei einer Kontrolle hätte das Folgen haben müssen: „Einem Inspektor muss eine solche Installation auffallen.“
Ungeeignete Schalldämmung hat schon mehrfach zu tödlichen Bränden in Nachtclubs geführt: 2013 starben im Kiss Nightclub im brasilianischen Santa Maria 242 Menschen, 2016 im Cuba Libre im französischen Rouen 14 Menschen, und 2015 forderte der Brand im Club Colectiv in Bukarest 64 Todesopfer.
Frage nach dem Notausgang in der Bar
Neben der Ausbreitungsgeschwindigkeit ist das Schalldämmungs-Material vor allem wegen der Gase gefürchtet, die es freisetzt. Bei der Verbrennung von Polyurethan entsteht eine dichte Wolke voller giftiger Gase.
Während der Schaumstoff an der Decke wie ein Brandbeschleuniger wirkte, haben die Raumaufteilung und das Evakuierungsmanagement den Vorfall möglicherweise in eine tödliche Falle verwandelt. In den Videos, die die Flucht der Gäste dokumentieren, versuchen viele, in dieselbe Richtung zu gelangen: zum Haupteingang.
Am Freitag versicherten die Behörden auf einer Pressekonferenz, dass der Betrieb über einen weiteren Notausgang verfügte. War er schlecht beschildert, verschlossen oder verstellt? Dazu gaben die Behörden bislang keine Auskunft.
Und darum steht eine quälende Frage nach dem Inferno von Crans-Montana unbeantwortet im Raum: Wieso?





















