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Brandkatastrophe von Crans-Montana: Wenn das Stammhirn übernimmt | ABC-Z

V or zehn Jahren machte ich zum ersten Mal die Bekanntschaft mit einem unkontrollierten Feuer. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch und bereitete Mittagessen zu. Beim Vorheizen des Ofens übersah ich, dass darin noch ein Backblech mit altem Backpapier und ordentlich Öl lag.

Als ich die Ofentür öffnete, blitzte eine kleine Flamme auf, sofort wurde sie größer, aus dem Inneren schlugen Flammen gegen die Drehknöpfe des Gasherds. „Hilfe!“, schrie ich. „Feuer!“ Und als sich für mein Gefühl im Haus nichts schnell genug regte, noch mal: „Es brennt. Schnell!“ Ansonsten stand ich nur entsetzt da und beobachtete, was vor mir passierte.

Das brennende Backpapier knüllte sich zu einem kleinen Feuerball zusammen, der sich vom Backblech erhob und durch die Küche flog. Und dann verpuffte er in null Komma nichts, Asche sank zu Boden. Als meine Eltern in die Küche stürzten, war das Feuer weg. Alles hatte sich innerhalb ein paar Sekunden abgespielt.

Unnormal war mein Verhalten nicht. Denn wenn wir Menschen mit unkontrolliertem Feuer konfrontiert sind, können wir nicht mehr rational denken. In einer Gefahrensituation schüttet der Körper die Stresshormone Adrenalin und Cortisol aus. Im Gehirn wird die Aktivität des Neokortex, dem jüngsten und größten Teil der Großhirnrinde, den wir für logisches Denken, Planen, Verhaltensreflexion, soziale Interaktion und komplexe Entscheidungsfindung benutzen, heruntergefahren. Das Stammhirn übernimmt, ein evolutionäres Stressverhalten zum Zweck des Überlebens: Kämpfen (Fight), Fliehen (Flight) oder Erstarren (Freeze). In der Küche war ich im Freeze-Modus.

Routine für rationales Verhalten

Damit so etwas nicht passiert, gibt es Brandschutztrainings. Dabei geht es darum, Routinen zu erlernen, um unsere instinktiven Impulse auszubremsen und so wieder für rationales Verhalten zu sorgen.

In meiner Grundschule wurde deswegen genau geprobt, was im Brandfall zu tun ist: in Ruhe aufstehen, alles liegenlassen, die Jacke bleibt über der Stuhllehne hängen, ja, auch im Winter, jedes Kind nimmt sei­n:e Sitz­nach­ba­r:in an die Hand, dann gehen alle in einer ordentlichen Reihe zum Klassenzimmer hinaus, rechts den Flur entlang zur Fluchttür, draußen sammeln.

Im Erwachsenenalter begegnen einem dagegen nur noch selten Probealarme. Vielleicht, weil sie zu sehr als (Arbeits-)Zeitfresser und Kostentreiber gesehen werden?

Arbeitszeit vor Sicherheit

Dass Arbeitszeit bisweilen vor Sicherheit geht, zeigte sich bei einem Feueralarm bei einem früheren Arbeitgeber. Es war kurz vor Redaktionsschluss, als das Alarmzeichen ertönte, und es herrschte Ratlosigkeit. War das ein unangekündigter Probealarm? Sollten wir rausgehen? Oder lieber weiterarbeiten angesichts der Deadline? Letztlich verließen die meisten Kol­le­g:in­nen das Gebäude, aber nicht alle.

Dieses Verhalten zeigt den Nachteil, den zahlreiche Probealarme zu Übungszwecken paradoxerweise nach sich ziehen: Wenn ein Alarm ertönt, denkt man zunächst, dass dies eine Probe oder ein Fehlalarm sei – weil es schlicht in den meisten Fällen so ist, man also ihre Irrelevanz gelernt hat. Dies wird von dem Psychologen Shlomo Breznitz als Heulender-Wolf-Syndrom bezeichnet.

Erstmal umschauen

Ein paar Jahre später in einem Berliner Hotel: Es war kurz nach Mitternacht und ich im Halbschlaf, als ein Alarm ertönte. War das ein Feueralarm? Sollte ich das Zimmer verlassen? Was taten die übrigen Hotelgäste? Ich lugte in den Hotelflur.

Dieses Verhalten bezeichnen Psy­cho­lo­g:in­nen als Bystander-Effekt (zu Deutsch: Zuschauereffekt), ein Gruppenphänomen, das in Gefahrensituationen häufig auftritt und fatal werden kann. Konkret beschreibt der Effekt: Menschen wissen nicht, was sie tun sollen – und ob sie überhaupt etwas tun sollen. Daher gucken sie, was die anderen machen. Nur: Die anderen denken genauso und warten erst mal ab. Die Konsequenz: Niemand tut etwas.

All meine Begegnungen mit dem Feuer haben gemeinsam, dass letztendlich nichts Ernstes passiert ist. Doch wenn zufällig oder fahrlässig mehrere Umstände zusammenkommen, sind schlimme Katastrophen wie an Silvester im schweizerischen Crans-Montana die Folge. Bilder zeigen, dass viele der Feiernden die Gefahr wohl nicht sofort erkannt haben. Wir Menschen sind der Welt nicht so überlegen, wie wir gerne denken. Schon gar nicht, wenn es plötzlich brennt.

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