Borussia Mönchengladbach: Der Karnevalsverein dieser Bundesligasaison – Sport | ABC-Z

Den Karnevalsorden von Borussia Mönchengladbach muss man nicht unbedingt verliehen bekommen. Er wäre auch für 19,95 Euro im Fanshop zu erwerben gewesen, ist mittlerweile aber ausverkauft. Auf dem Orden steht angemessen gereimt: „Gladbach ist als jecke Welt / allerbestens aufgestellt.“
Gemäß Duden heißt jeck: närrisch, bekloppt, verrückt. Auf ihren Fußball in dieser Saison wollen die Borussen derlei Adjektive zwar eigentlich nicht bezogen wissen, trotzdem sind die Gladbacher schon auch spielerisch jeck. Sie sind mit acht sieglosen Spielen in die Saison gestartet und haben früh den Trainer Gerardo Seoane gefeuert sowie mit etwas Verzögerung auch den Sportchef Roland Virkus hinauskomplimentiert. Daraufhin haben sie unter dem neuen Trainer Eugen Polanski und dem neuen Sportchef Rouven Schröder von acht Spielen fünf gewonnen. Doch dann verpuffte der Aufschwung bereits wieder mit fünf Spielen ohne Sieg. Überhaupt ist es eine Saison voller närrisch anmutender Ergebnisse: 0:4 gegen Werder Bremen, 4:6 gegen Eintracht Frankfurt, 4:0 auf St. Pauli, 4:0 gegen den FC Augsburg und 1:5 bei der TSG Hoffenheim. Gladbach, wie es hinkt und kracht.
Unmittelbar vor dem 1:1 gegen Bayer Leverkusen vergangene Woche hat Polanski die Mannschaft in der Kabine mit einer besonders emotionalen Ansprache aufrütteln wollen. Daraufhin zeigte sie gegen den Champions-League-Teilnehmer eine der besten Halbzeiten der Saison und warf damit die Frage auf, warum sie solche Leistungen nicht häufiger zeigt. Aber die Mannschaft wirkt mental extrem instabil.
Die aktuelle Saison steht markant im Zeichen von Borussias Jubiläum „125 Jahre“. Doch die Leistungen sind der Feierlichkeiten kaum würdig. So schlecht wie mit seinen 22 Punkten und 25:34 Toren war Gladbach an einem 21. Spieltag seit 15 Jahren nicht mehr. Mit im Schnitt bloß zehn Torschüssen pro Spiel ist die Borussia in dieser Statistik die schlechteste Mannschaft der Liga. Der Ertrag aus den jüngsten fünf Spielen: drei Punkte und 3:10 Tore. Vor dem Gastspiel bei Eintracht Frankfurt sagte Polanski nun: „Wir üben im Training Abschlüsse und brauchen Spieler, die Tore schießen.“
Unser Blick geht immer auch nach unten.
Sportchef Rouven Schröder
Der monatelange Ausfall des Nationalspielers, Torjägers und Kapitäns Tim Kleindienst ist ein relevanter Faktor für Gladbachs Sturmflaute. Seine Knieprobleme ziehen sich hin, das prognostizierte Comeback wurde von Februar auf März verschoben. Vielleicht klappt nicht mal das. Kleindiensts Ersatz Haris Tabakovic kommt zwar bislang auf respektable zehn Treffer, war in den jüngsten fünf sieglosen Spielen aber nur noch ein Mal erfolgreich. Mit Robin Hack, Giovanni Reyna und Nathan Ngoumou fallen derzeit weitere Angreifer verletzt aus. In der offensiven Welt ist Gladbach nicht gut aufgestellt.
Die Abstiegsgefahr ist inzwischen allgegenwärtig. „Unser Blick geht immer auch nach unten“, sagt seit Wochen in stets ähnlichem Wortlaut der neue Sportchef Schröder. Er wiederholt das explizit als Warnung. Ein Abstieg ausgerechnet in der Jubiläumssaison? Das wäre eine Katastrophe.
Mögliche Identifikationsschwierigkeiten und Auflösungserscheinungen im Kader machen sich auch an Spekulationen um einen Wechsel des Gladbacher Eigengewächses Rocco Reitz im kommenden Sommer zu RB Leipzig fest. Um die 20 Millionen Euro per Ausstiegsklausel könnte das der Borussia dem Vernehmen nach einbringen, Geld, dass sie gut gebrauchen könnte. Inzwischen wird medial sogar ein noch lukrativeres Interesse von Manchester United kolportiert. Doch Reitz ist für Gladbach nicht irgendein Spieler.
Der 23-Jährige war am Tag seiner Geburt vom Patenonkel als Vereinsmitglied angemeldet worden, war als Kind mit dem Vater Dauerkarteninhaber, spielt seit dem siebten Lebensjahr für Gladbach, ist der Schwiegersohn der Borussia-Legende Karlheinz Pflipsen und hat mal gesagt: „Die Liebe zu diesem Verein ist genauso groß wie die Liebe zum Fußball – größer geht’s gar nicht.“ Sollte ausgerechnet Reitz seine große Liebe jetzt verlassen, verriete dies viel über den aktuellen Zustand dieses Vereins.
Die Renovierungsarbeiten obliegen dem Fußballmanager Schröder. Vor vier Monaten von RB Salzburg gekommen, muss der 50 Jahre alte Sauerländer den künftigen Kader planen und dabei die in den vergangenen Jahren ausgeuferte Gehaltsstruktur senken. Das macht Transfers umso schwieriger. In diesem Zusammenhang holt sich Schröder zum 1. März vom FC Bayern den Scout André Hechelmann zu Hilfe. Beide haben schon in Mainz und auf Schalke zusammengearbeitet – bei letzterem Verein in jener Saison 2022/23, in der Schröder zwar schon im Herbst zurücktrat, an deren Ende Schalke aber in die zweite Liga abgestiegen ist. Ein Abstieg, wie er auch in Gladbach zumindest nicht ausgeschlossen ist.





















