Böhmermann warnt vor Influencer-Fehler – und macht ihn selbst | ABC-Z

Eine Woche nach dem Angriff der USA und Israel auf den Iran dominiert der Krieg in Nahost weltweit die Medienwelt. Dabei sind die Epstein-Files in den Hintergrund gerückt. Jan Böhmermann will diese Medienlogik nicht mitgehen: „Auch wenn gerade viel los ist in der Welt, wir dürfen uns nicht ablenken lassen“, appelliert er.
Denn von diesem Thema abzulenken, könnte für Trump bei seiner Entscheidung tatsächlich eine Rolle gespielt haben. Wir wissen es nicht. Klar ist nur: Die USA haben bislang zwar viele, aber noch keine schlüssigen Begründungen für den Krieg geliefert.
Und wenn der Krieg für Trump bislang eines gebracht hat, dann, die Epstein-Files aus den Nachrichten zu verdrängen: „Endlich ein Kriegsgrund, für den man gerne sein Leben lässt“, kommentiert Böhmermann in der neuesten Ausgabe seiner Late-Night-Show „ZDF Magazin Royale“ gewohnt bissig.
Jan Böhmermann: Witze über Dubai-Influencer ziehen immer
Doch bevor sich der Satiriker in den „Kaninchenbau“ der Epstein-Akten begibt, sammelt er noch ein paar einfache Punkte: „Nichts bringt die Menschen in diesen dunklen Zeiten so zusammen, wie die ehrliche gemeinsame Verachtung von Dubai-Influencern“, sagt er.
Die Witze über Influencer, die wegen des Krieges den „Launch“ ihres neuen Produktes absagen müssen, sind natürlich naheliegend. Doch in die Tiefe geht die Sendung hier nicht – es wird nicht mal erwähnt, dass alle Influencer in Dubai von den Emiraten dasselbe Briefing bekommen haben sollen, in dem gestanden habe, wie sie über den Krieg zu berichten hätten.
Viel Voyeurismus und Falschinformationen zu den Files
Aber Stopp: Wir sollten uns ja nicht ablenken lassen. Der Großteil der Sendung dreht sich schließlich um die Epstein-Files, bzw. um den Umgang der Öffentlichkeit mit den Epstein-Files, den Böhmermann sehr kritisch sieht. Da wäre zum einen der Voyeurismus und das Ausschlachten der Dokumente für Klicks, exemplarisch dargestellt durch den Rapper KC Rebel: „Epstein-Files will ich mir auf jeden Fall gerne reinziehen mit euch, hab‘ ich Bock drauf.“
Danach geht es um die hohe Dichte an absurden Falschinformationen rund um die Dokumente, wie etwa die Erzählung, Epstein habe auf seiner Insel auch Geschäfte mit Kannibalismus betrieben. Dazu steht nämlich nichts in den Files.
Der Vorzeige-„Schwurbler“ Xavier Naidoo
Einer derjenigen, die diese absurden Geschichten verbreiten, ist Xavier Naidoo, ein alter Bekannter der Sendung. Wer geglaubt hatte, Naidoo wäre auch nur ansatzweise wieder in der Realität angekommen, wird von Böhmermann eines Besseren belehrt. Dieser sei nämlich nun der Überzeugung, dass auf bestimmte Chips ein „embryonales Gewürzmittel“ gestreut werde, was die Chips besonders gut schmecken lasse. So weit, so absurd.
Doch was Böhmermann bei der ganzen Sache übersieht, ist Folgendes: Der Umgang vieler Journalisten und Satiriker mit Verschwörungstheorien wird durch die Epstein-Files infrage gestellt. Denn auch diese Files interessierten bis auf ein paar Ausnahmen lange Zeit nur „Schwurbler“.

Verschwörung und Verschwörungstheorien
Die meisten Verschwörungstheorien sind zwar genau das: Geschwurbel. Aber die reflexartige Gleichsetzung von „Verschwörungsbehauptung“ mit „Irrationalität“ hat viele blind gemacht für reale Machtmissbräuche, die im Verborgenen stattfinden.
Epstein ist der Beweis, dass Mächtige sich tatsächlich miteinander „verschwören“ können. Die Mauer des Schweigens rund um alles, was auf Epsteins Insel passierte, ist kein Zufall gewesen, sondern das Produkt eines gut funktionierenden Netzwerks. Böhmermann versucht dem anhand eines Beispiels näherzukommen. Er beleuchtet den deutschen Unternehmer David Stern und dessen enge Beziehung zu Epstein genauer und zeigt so in Ansätzen, wie das System funktionierte.

Stern eng verbandelt mit Epstein und Andrew
Wie aus den Files hervorgeht, hat Stern tausende E-Mails an Epstein gesendet, und das nach dessen erster Verhaftung wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und der Anstiftung zur Prostitution.
Stern habe Epstein demnach immer wieder nach „Ps“ gefragt (Abkürzung für das englische Wort „Pussy“), eine herabwürdigende Bezeichnung für Frauen, die in Epsteins Netzwerk üblich gewesen sein dürfte. Dabei sei es Stern offenbar wichtig gewesen, dass die Ps noch „vor Ablauf des Verfallsdatums“ seien. Stern habe anscheinend auch eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Mädchen an PA – also Prinz Andrew – gespielt.
Besonders perfide sei auch Sterns und Andrews Umgang mit Opfern, die den Mut hatten, an die Öffentlichkeit zu gehen. Mithilfe von Anwälten habe man gezielt deren „Mangel an Glaubwürdigkeit“ aufzeigen wollen. Mit dieser Strategie seien die Täter jahrelang davongekommen, heißt es in der Sendung.

Böhmermann hat Fragen, der Zuschauer auch
Am Ende stellt Böhmermann dann einige berechtigte Fragen: „Wie sehr können wir uns auf die Ermittlungsarbeit der USA verlassen? Warum ist es möglich, dass reiche „Arschlöcher“ sich Privatinseln kaufen, auf denen sie jahrelang unbeobachtet tun und lassen können, was sie wollen?“
Er zieht daraus den Schluss: „Um solche Verbrechen zukünftig zu verhindern, bräuchten wir staatliche und gesellschaftliche Instanzen, die dafür sorgen, dass nicht zu viel Macht bei kleinen Gruppen überreicher, mächtiger Arschlöcher liegt.“
So recht Böhmermann damit hat, so vage ist diese Forderung bei genauem Hinsehen. Dem Zuschauer bleiben so ein paar Fragen: Welche Instanzen meint Böhmermann? Und was sollen staatliche Instanzen ausrichten, wenn der Staat bereits von solchen Cliquen durchsetzt ist, wie in den USA? Diese Punkte hätte Böhmermann weiter ausbauen können, doch die Sendezeit war da schon abgelaufen. Hätte sich Böhmermann doch nur nicht so von Influencern und Xavier Naidoo ablenken lassen.





















