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Bodø/Glimt wirft Inter Mailand aus der Champions League: Der Blitz schlägt ein | ABC-Z

Außenseitersiege gibt es im Fußball immer mal wieder, aber was sich am Dienstagabend im Stadion von San Siro ereignete, als die Mannschaft von Bodø/Glimt das Heimteam Inter Mailand schlug und damit ins Achtelfinale der Champions League einzog, hatte eine andere Dimension.

Das nordnorwegischen Städtchen Bodø ist so klein, dass seine gesamte Bevölkerung von rund 53.000 Bewohnern locker in die Mailänder Arena gepasst hätte. Und die Wirtschaftskraft der norwegischen Profiliga ist so gering, dass alle ihre Spieler zusammen nicht einmal auf die Hälfte des Marktwerts kommen, den die einschlägigen Portale dem Kader von Inter Mailand, im Vorjahr im Finale der Champions League, allein bescheinigen. Die Kräfteverhältnisse mit dem biblischen Kampf von David gegen Goliath zu vergleichen, wäre eine Untertreibung. Trotzdem hieß beim Schlusspfiff das Ergebnis, nachdem Inter schon das Hinspiel in Norwegen 1:3 verloren hatte, 2:1 für Glimt.

Die Frage, die sich nun der an Fußball interessierte Teil Europas stellt, hatte Jürgen Klopp, der frühere Meistertrainer von Dortmund und Liverpool, vor dem Spiel in Mailand formuliert: Wie machen die Norweger das bloß? Mit Glück allein lässt sich der Erfolg von Glimt – der Name bedeutet übersetzt „Funke“ oder „Blitz“ – nämlich nicht erklären.

Der Verein vom Polarkreis hat sich in den zehn vergangenen Jahren vielmehr systematisch zu Norwegens führendem Fußballstandort entwickelt. Das zeigt, was im Profifußball mit Kontinuität und Seriosität auch heute möglich ist. Vier Meisterschaften seit dem Jahr 2020 sprechen für sich, auch wenn Bodø in der vergangenen Saison ausnahmsweise nur Zweiter hinter Viking Stavanger wurde. So dominant war in Norwegen zuletzt Rosenborg Trondheim, der Serienmeister vergangener Jahrzehnte; und selbst außerhalb Norwegens sorgten Siege gegen AS Rom in der Conference League (2021) und Lazio Rom in der Europa League (2025) für Aufsehen.

Gelbe Horde“ in San Siro: Jens Petter Hauge (Mitte) und Bodø/Glimt gewinnen auch das Rückspiel in Mailand – es ist nicht ihr erster Coup.Picture Alliance

Dass nun zum dritten Mal ein italienischer Topverein an den Norwegern gescheitert ist, lässt die Kommentatoren dort von einem „Albtraum“ reden. Doch der Favoritenschreck aus dem Norden ist nicht auf eine bestimmte Nation spezialisiert. In der laufenden Champions League gelang Glimt sowohl gegen Tottenham als auch gegen Dortmund ein Unentschieden, es folgten Siege über Manchester City und Atlético Madrid.

Auch die Vermutung, die Norweger in ihren quietschgelben Trikots seien nur daheim eine Macht, auf Kunstrasen in ihrem 8200 Zuschauer fassenden Ministadion, geht fehl. Sowohl Atlético als auch Inter wurden auswärts besiegt – in Stadien, die etwa zehnmal so groß sind wie das eigene.

Einst war der Aufstieg in die erste Liga nicht erlaubt

Dabei war Glimt vor nicht allzu langer Zeit noch ein Fahrstuhlklub, der zwischen der ersten und zweiten norwegischen Liga hin und her wechselte. Noch früher war dem Verein das Oberhaus des norwegischen Fußballs sogar komplett verschlossen: Nordnorwegen kam dafür wegen der widrigen Bedingungen nicht in Frage, fanden die Funktionäre. Erst in den 1970er Jahren entfiel diese Beschränkung.

Bis heute geblieben ist die dem Wetter geschuldete Besonderheit, dass die norwegische Liga ihren Meister stets Ende November kürt, dann eine lange Winterpause einlegt und im März die neue Saison aufnimmt. Der Triumph von Mailand fiel für Glimt also in die spielfreie Periode zwischen der alten und der neuen Spielzeit. In so einer Phase antreten zu müssen, würden Großvereine als Affront werten, für die Norweger ist es ganz normal.

Hier verlor auch Manchester City: das Bodø/Glimt-Stadion in Nordnorwegen
Hier verlor auch Manchester City: das Bodø/Glimt-Stadion in NordnorwegenReuters

Die Person, die den Aufstieg von Glimt wie keine andere verkörpert, steht an der Seitenlinie: Kjetil Knutsen ist seit 2018 Cheftrainer. Vorher hatte er nur Amateurteams angeleitet. In der Geschichte des 1916 gegründeten Vereins sind zwei weit zurückliegende Pokalsiege die einzigen Titel aus der Ära vor Knutsen. Er lässt einen schnörkellosen Fußball spielen, für Ablenkungen und Allüren hat er keinen Sinn.

Mit Knutsen haben die Nordnorweger aus ihrer Not, selbst in der heimischen Liga nicht über dieselben Finanzmittel zu verfügen wie die Klubs aus den Großstädten im Süden, eine Tugend gemacht. Sie setzen beharrlich auf Spieler aus der eigenen Jugend, schicken ihre Talentspäher zudem öfter auf die abgelegenen Fußballplätze Nordnorwegens als auf ferne Kontinente.

Der Erfolg trägt auch seinen Namen: Trainer Kjetil Knutsen
Der Erfolg trägt auch seinen Namen: Trainer Kjetil KnutsenAFP

Der Linksaußen Jens Petter Hauge, der in Mailand das erste Tor für Glimt erzielte, ist ein Beispiel für die Bindekraft, die auf diese Weise entstehen kann. In Bodø geboren und als Jugendspieler ausgebildet, wechselte er zur AC Mailand und dann zur Frankfurter Eintracht, wo er die in ihn gesetzten Erwartungen indes nicht erfüllte. Er kehrte zurück zur „gelben Horde“, wie die Glimt-Fans sich und ihr Team wegen der Vereinsfarben nennen, und fand dort seine Treffsicherheit wieder.

Das klingt romantisch, doch dahinter steht ein professionell durchdachtes Fußballprojekt. Allerdings ohne einen Mäzen mit tiefen Taschen, auch ohne einen Großkonzern, der mit dem Klub eine Marketingstrategie verfolgen würde. Stattdessen hat eine Gruppe von örtlichen Wirtschaftsgrößen Glimt vor einigen Jahren mit Ach und Krach vor der Insolvenz bewahrt. Sie achten seitdem auf kaufmännische Vernunft – und auf Transferüberschüsse. Für die Ein- und Verkäufe von Spielern haben sie eine Firma gegründet, an die 60 Prozent der Erlöse gehen.

Im Dezember hat die Vereinsführung das größte Investitionsprojekt seit der Gründung von Glimt vorgestellt. Ein neues Stadion mit allem zeitgemäßen Komfort für 10.000 Zuschauer soll in Bodø entstehen, für umgerechnet etwas mehr als 100 Millionen Euro. Das ist bei einem Etat von rund 25 Millionen Euro eine Menge. Ein Zehntel der Summe soll mit einem sogenannten „Crowdfunding“ von der örtlichen Bevölkerung eingeworben werden. Der Rest, sagt das Management, sei durchfinanziert. Die Sache werde sich schon mit einem Zuschauerschnitt von 9000 lohnen. Der Klub müsse sich in den kommenden 25 Jahren bloß immer wieder für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren, also zu den besten Drei in Norwegen gehören. Darin erkannte die Mitgliederversammlung kein allzu großes Risiko. Es gab genau eine Gegenstimme.

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