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Blasmusik in Bayern: Geschichte und Bedeutung in Schwaben – Bayern | ABC-Z

Blasmusik passt in Bayern zu so gut wie jedem Anlass. „Der Ministerpräsident“, sagt Simon Kotter, Leiter des Museums Oberschönenfeld, „kann, glaube ich, kein Zelt betreten ohne den bayerischen Defiliermarsch.“ Und so zeigt eine Art runder Tisch im zweiten Raum der Ausstellung „Mehr als Umtata. Blasmusik in Schwaben“ die Spielanlässe im Jahreslauf, von Maibaumfesten über Fronleichnamsprozessionen und Dorf- und Volksfesten ist in jedem Monat was dabei.

Der Freistaat, nicht nur Schwaben, steht für Blasmusik, auch im Ausland, die neue Ausstellung in Oberschönenfeld zeigt die Geschichte, den Wandel, so manche Eigentümlichkeit – und welche Rolle die Blasmusik im gesellschaftlichen Leben spielt und wie sich vorherrschende Rollenbilder und Machtverhältnisse in ihr spiegeln.

Zunächst aber zeigt die Schau, dass Schwaben sozusagen der Hotspot der Blasmusik in Bayern ist, viel mehr noch als Oberbayern, was gängige Klischees bei dem einen oder anderen Besucher geraderücken dürfte. 40 000 Musikerinnen und Musiker sind in Bayerisch-Schwaben registriert, sie spielen in 649 Musikvereinen, so viele wie nirgendwo sonst im Freistaat. Der Allgäu-Schwäbische Musikbund gilt als ältester Blasmusikverband Deutschlands, die Feierlichkeiten zum 100-jährige Bestehen in diesem Jahr waren der Anlass für die Sonderausstellung. Wobei das Museum gerade nicht nur erfahrene Musiker anlocken möchte – sondern auch Laien.

Das gelingt unter anderem über die vielen Mitmachstationen, etwa im ersten Raum, in dem der Besucher zunächst die Grundlagen erfährt: Wie entsteht ein Ton? Welche Blasinstrumente spielen im Blasorchester? Da sind etwa die mit Sand bestreuten Trommeln, die auf Knopfdruck vibrieren und so die Schwingungen des Schalls sichtbar machen. Da hängt eine ausgerollte Tuba an der Wand, mit einer beeindruckenden Rohrlänge von fünfeinhalb Metern das tiefste Blasmusikinstrument. Und da ist das Tubulum, das nicht nur Kindern großen Spaß machen dürfte: Die Besucher können hier mit den Sohlen von Flipflops auf die unterschiedlich langen Röhren klopfen, um unterschiedliche Töne zu produzieren.

„Was verbindest Du mit Blasmusik?“, fragt die Ausstellung an einer Stelle, und da ist Museumsleiter Kotter ganz froh, dass die Blasmusikfans „Geselligkeit“ und „Gemütlichkeit“ nennen, dass manche Besucher aber auch ganz ehrlich „anstrengend“ und „nicht meins“ auf kleine Zettel geschrieben haben. Denn genau diese Besucher will das Museum ja auch bedienen. „Wir wollen zeigen, was Blasmusik alles kann.“ So dürfen Besucher auf Knopfdruck verschiedene Kostproben hören, von verschiedenen Stilen und aus unterschiedlichen Epochen. Die Kulturgeschichte im zweiten Raum der Ausstellung verdeutlicht, wo die Blasmusik herkommt und wie sie sich gewandelt hat.

Auf Blasinstrumenten, erläutert Kotter, haben die Menschen schon vor langer Zeit gespielt. Von Blasmusik aber kann man erst frühestens mit Beginn des 19. Jahrhunderts sprechen, als die Menschen die Instrumente weiterentwickelten. Beim Militär und die Posthörner hatten zunächst die Aufgabe, Signale zu übermitteln. Die Entwicklung der Blasmusik, wie wir sie heute kennen, beginnt mit den Bürgermilizen, die Maximilian I. Joseph nach französischem Vorbild im noch jungen Königreich Bayern bilden ließ – jede Landwehr war mit einer eigenen Blaskapelle ausgestattet.

Eine Sitzecke, Pokale von Wettbewerben – die Geselligkeit gehört im Blasmusikverein dazu.
Eine Sitzecke, Pokale von Wettbewerben – die Geselligkeit gehört im Blasmusikverein dazu. Foto: Mira Hörter/Museum Oberschönenfeld

Und auch die Faszination für das Osmanische Reich beeinflusste hiesige Musiker: Die Janitscharen, Elitekämpfer des Sultans, führten Militärkapellen mit sich. „Armeen in ganz Europa versuchten solche Janitscharen-Kapellen nachzuahmen, ohne aber die orientalische Klangsprache zu übernehmen“, heißt es auf einer Schautafel. So fand etwa der Schellenbaum, ein prächtiges Exemplar aus Oberstdorf ist in einer Vitrine zu begutachten, Eingang in schwäbische Blaskapellen.

Die Musiker in Bayern spielten da noch auf alten Instrumenten wie einem Serpent oder einer Ophikleide, die als Bassinstrumente jedoch nicht praktikabel waren. Der Durchbruch gelang erst mit der Erfindung von Ventilen, mit denen erstmals vollwertige chromatische Bassinstrumente wie das Bombardon gefertigt werden konnten. Von Mitte des 19. Jahrhunderts dann hatte sich die Tuba in Blaskapellen fest etabliert.

Eine ausgerollte Tuba, fünfeinhalb Meter lang.
Eine ausgerollte Tuba, fünfeinhalb Meter lang. Foto: Mira Hörter/Museum Oberschönenfeld

Dass die Blasmusik in Bayern solch durchschlagenden Erfolg hatte, lag vor allem an Militärkapellen, die ein positives Bild der Armee bei der Bevölkerung erzeugen sollten und ein breites Musikrepertoire im Angebot hatten: „Die spielten damals alles“, sagt Kotter, von Opernmelodien bis zu populärer Tanzmusik und Walzern. Und abends verdienten sie sich im Biergarten noch was dazu.

Die Ausstellung zeigt die Geschichte von Militärmusikern wie Alois Humpl vom 4. königlich-bayerischen Feldartillerieregiments in Augsburg, sie zeigt handgeschriebene Notenhefte und wie sich die Blasmusik nach dem Zweiten Weltkrieg aufgesplittet hat, weg von der typischen neunstimmigen Blechmusik hin zu verschiedenen kleinen Combos und großen Gruppen. Und wie die Sudetendeutschen Einfluss hatten auf die Musikkultur, allen voran Ernst Mosch, der lange im Allgäu beheimatete „König der Blasmusik“, mit seinen „Original Egerländer Musikanten“.

Im Museum ist auch ein typischer Probenraum nachgestellt.
Im Museum ist auch ein typischer Probenraum nachgestellt. Foto: Mira Hörter/Museum Oberschönenfeld

Sie zeigt aber auch die vorherrschenden Rollenbilder, die sich in der Blasmusik widerspiegeln, in der Frauen lange keine Rolle spielten. Heute ist es normal, dass Mädchen und Frauen mitspielen. Dirigentinnen aber, sagt Kotter, sind noch deutlich unterrepräsentiert. Immerhin leitet Verena Mösenbichler-Bryant das renommierte Schwäbische Jugendblasorchester des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes. Besucher der Ausstellung dürfen ihre Arbeit bei einer Probe auf einer großen Leinwand verfolgen – und können gleichzeitig auf einer gegenüberliegenden Leinwand sehen, wie das Orchester auf die Anweisungen reagiert.

Die Kuratoren haben im dritten großen Raum der Ausstellung einen Probenraum nachgestellt, sie haben zwölf Proberäume aus Schwaben fotografieren lassen, so stehen Besucher plötzlich mitten im Vereinsleben: mit Stammtisch und Bar – und auch mit einem großen Drucker, der bei einem Musikverein nicht fehlen darf: für die Notenblätter, nach denen die Musiker spielen.

Museum Oberschönenfeld: „Mehr als Umtata! Blasmusik in Schwaben“; Gessertshausen; bis 11. Oktober 2026; nähere Informationen: mos.bezirk-schwaben.de/

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