Kultur

Bibliothek von Dichter Bert Papenfuß: Mit ihm war kein Staat zu machen | ABC-Z

„Er hat den sichersten Platz im ganzen Gebäude“, sagt Katja Strauß. Die Bibliothekarin spricht über den als Undergrounddichter prominent gewordenen Bert Papenfuß. 2013 hat er der Akademie der Künste einen ersten Vorlass von 300 Büchern und Zeitschriften vermacht, zu dem nach dem frühen Tod des Anarchisten 2023 noch einmal 1.000 Titel gekommen sind. Am 11. Januar 2026 wäre Bert Papenfuß 70 Jahre alt geworden.

Und da stehen sie nun, vier Stockwerke abwärts unter „der guten Stube Berlins“, neben den torpedoartigen Flaschen der Gaslöschanlage, die im Brandfall den Magazinraum mit Kohlenstoffdioxid fluten und eine schwere Stahltür schließen wird, und erinnern an einen Vielleser mit breiten Interessen und großem Wortschatz. „An diesem Buchbestand – und hier vor allem auch anhand der zahlreichen Widmungen – lassen sich sehr anschaulich die kollegialen und freundschaftlichen Kontakte und Netzwerke ablesen“, sagt die Bibliothekarin Synke Vollring, die mit Katja Strauß durch den Bestand führen wird.

Bücher gehören zur Geschichte ihrer Leser, manchmal erzählen sie diese mit: „Krawarnewall“, ein Sammelband über den Schriftsteller Adolf Endler, der 1955 hoffnungsvoll in die DDR kam, enttäuscht wurde und mit dem Begriff der „Prenzlauer-Berg-Connection“ jene Szene umriss, der Papenfuß bis heute zugerechnet wird, ist ein solches.

Die Präsentation

„Zwischen Anarchie und Kunst – die Bibliothek des Dichters Bert Papenfuß“, Präsentation und Führung durchs Magazin. Akademie der Künste Berlin, 6. Februar, 16 Uhr.

Den Titel „Krawarnewall“, auf dem Cover und Buchrücken mit eingekreistem Anarchie-A, leitet Herausgeber Gerrit-Jan Berendse von einem Graffito her, circa 1989, an der Ecke Dimitroffstraße/Schönhauser Allee in Ost-Berlin, einer Adresse mehr nach Papenfußʼschem Geschmack als Brandenburger Tor und Hotel Adlon. In den neunziger Jahren, als der Schriftzug übertüncht war, meinte Papenfuß in dem Gedichtband „hetze“: „mit mir ist kein Staat zu machen, höchstens ein saustall“. Dem Satz sollte er treu bleiben, mit dem Zusatz wollte er keine Tiere beleidigen.

Ausgewiesener Zusammenarbeiter

Neben Endler finden sich die Bücher der Schriftstellerin Elke Erb, bei der Papenfuß, damit der Asozialen-Paragraf der DDR nicht griff, als Sekretär angestellt war. Dem Recht auf Faulheit stand der einstmalige Theaterbeleuchter, der sich später als literarischer Illuminator vorstellen sollte, übrigens skeptisch gegenüber. Dass Bert Papenfuß ein ausgewiesener Zusammenarbeiter war, verdeutlichen neben Zeitschriftenprojekten und Musikproduktionen seine Künstlerbücher.

Sie finden sich in der öffentlich zugänglichen Akademie-Schatzkammer in großformatigen, schwarzen Archivkästen aus säurefreiem Karton gesammelt. In Kooperationen mit Grafikern und Malern entstanden, lassen sie den Begriff Underground, den der Dichter selbst verwendete, zumindest schwierig erscheinen. Nicht, dass Papenfuß um eine Zote verlegen gewesen wäre, doch sein Affront war kunstvoll, mehrsprachig und multidialektal; und die seit den achtziger Jahren zumeist in Kleinstauflagen edierten Publikationen leben von einer verwegenen, expressiven Schönheit.

Ein Beispiel dafür ist „Spell on!“ mit Zeichnungen des Bühnenbildners Worm Winther und Texten der Dichterin Tone Avenstroup und Bert Papenfuß selbst. Winther und Avenstroup kommen aus Norwegen, mit dem Norden und dem Osten konnte Papenfuß mehr anfangen als mit dem Westen.

Diese Bücher sind auch haptisch eine Wucht: In „Von den ersten Sachen die letzten Dinge“ sind Lithografien des bildenden Künstlers und Malers Ronald Lippok und Texte und Textgrafiken von Bert Papenfuß in einer Holzschatulle kompiliert. „Nebelebene“ mit der Malerin Cornelia Schleime versammelt Aquarelle und Tuschzeichnungen auf Büttenpapier. Damit es nicht zu andächtig wird, steht über einer Figur auf dem Lokus „Meditation“ geschrieben.

Weiterlesen lässt sich in Frank Willmanns für den Herbst angekündigten Bert-Papenfuß-Biografie mit dem Arbeitstitel „Gewachsen auf dem Mist der DDR“. Vorher erscheint in der Edition Rothahndruck das Künstlerbuch „Es ist nicht so wie es bleibt“ mit Zeichnungen von Klaus Theuerkauf. In einem der Texte empfiehlt Bert Papenfuß, der an Frieden und Beschaulichkeit zweifelte und den der Krieg der Herrschenden verzweifeln ließ, anstelle der aus allen Rohren propagierten Resilienz Renitenz.

Am 6. Februar wird eine Präsentation mit anschließender Magazinführung in der AdK exklusive Einblicke in den Bestand der Künstlerbücher geben.

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