Besuch im neuen Mailänder Luxushotel “The Carlton Milan” | ABC-Z

Aus alten Traditionen etwas Neues zu kreieren, ist nicht nur ein Grundzug der Mailänder Mode. Die Idee gilt auch für Mailänder Hotels, die sich im Modeviertel der Stadt befinden. So hat unlängst das im Sommer 2020 geschlossene Baglioni Hotel unter neuem Eigentümer seine Türen geöffnet. Das Luxushaus heißt nun The Carlton und gehört zur Rocco-Forte-Gruppe, die in Rom das Hotel de Russie und in Berlin das Hotel de Rome betreibt – Luxushotels mit exquisiter Ausstattung. Die Umgestaltung des neuen Hauses hat fünf Jahre gedauert und mehr als 50 Millionen Euro gekostet – das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Als wir an einem kühlen Tag in der Via Senato vorfahren – die Taxifahrt vom Flughafen Linate bis vor die Drehtüren des Hotels dauert bei gemächlichem Verkehr zwanzig Minuten –, empfängt das Carlton mit zurückgenommener Eleganz. Cremefarbener Marmor durchzieht die Lobby, durchbrochen von dunkelbraunen und beigefarbenen geometrischen Linien wie ein Mondriangemälde.
Eingerichtet für Ästhetikliebhaber
Das Muster wiederholt sich auf den Teppichen der großzügigen Zimmer und Suiten, wo sattes Bordeauxrot und helles Schilfgrün die Farbpalette ins gemütliche Wohnzimmerambiente erweitern. Als die Designer Philip Vergeylen, Paolo Moschino und Olga Polizzi sich an die Neugestaltung der Inneneinrichtung machten, war ihnen klar, dass sie das Hotel für Ästhetikliebhaber einrichten mussten.
Erstmals eröffnet in den frühen Sechzigerjahren, profitierte das Haus vom Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit in Mailand. Als sich gut zehn Jahre später die Modewoche in der Stadt etablierte und sich als viertes großes Modespektakel nach London, New York und Paris einen Namen machte, zog das Hotel schnell auch die internationalen Modeleute an.
Sie kommen nicht nur, um während der zweimal jährlich stattfindenden Fashion Weeks neueste Entwürfe zu betrachten. Wer sich ein Zimmer in der Via Senato bucht, hat auch das Budget, in den Boutiquen rechts und links des Hotels shoppen zu gehen. Vivienne Westwood, MiuMiu oder das italienische Luxushaus Tod’s liegen direkt um die Ecke. Auch die Kunst kommt nicht zu kurz: Der Mailänder Dom ist fünfzehn Minuten Fußweg entfernt, ebenso das Teatro della Scala und das Kunstmuseum Pinacoteca Ambrosiana, mit Gemälden Leonardo da Vincis – im Carlton ist man nun findig genug, nicht nur private Termine für die umliegenden Modehäuser zu vermitteln, sondern auch private Führungen durch die Kunstsammlungen zu arrangieren. Und wenn es während der hektischen Modewochen schnell gehen muss, bietet das Hotel sogar einen versteckten zweiten Eingang über die Via della Spiga, durch den Blumenladen von Vincenzo Dascanio.

Die Modeleute kamen aber nicht nur zum Shoppen hierher – im Restaurant und an der Hotelbar des Baglioni traf der Jetset auf Modekritiker und Designer. Sie träume davon, Anna Wintour hier wieder begrüßen zu können, erzählt Carlton-Pressefrau Vittoria Scotto Di Carlo. In Rom arbeitete sie bei Valentino, kennt die Szene und hat Ideen, wen die neue Bar und das Restaurant „Spiga“ begeistern könnte: „Ich würde gern die Sciura hier sehen.“ Wer das ist? Di Carlo erklärt den lombardischen Begriff: „eine elegante ältere Dame, wie man sie nur hier in Mailand zu sehen bekommt“. Und dann nickt sie beim Spaziergang um den Hotelblock begeistert mit dem Kopf in Richtung einer älteren Dame mit toupierten Haaren, Leopardenmantel und großen Perlenketten, die mit der Grazie einer Fürstin durch die Straßen schreitet.
Wir schauen der Dame noch ein wenig hinterher und nehmen dann, wahrscheinlich deutlich weniger elegant, die Stufen des Blumenladens. Der Geruch von frischen weißen Blüten geht auf den Hotelfluren in den weichen, leicht holzigen Duft eines eigens fürs Carlton gefertigten Raumparfüms über, den die Mailänder Manufaktur Campomarzio70 komponiert hat.

Di Carlo drückt im Fahrstuhl auf die oberste Etage und schließt die Türen der großen Suiten auf. Zwei obere Etagen hat man während der Renovierungsarbeiten ergänzt. Die Zimmerzahl insgesamt aber auf 71 verkleinert, um den Gästen mehr Raum zu bieten. Die Bäder aller Zimmerkategorien sind in Marmor gehalten, die Kopfteile der Betten mit Leder bezogen und in der Minibar findet sich eine Aperitifmischung für Aperol Spritz. Für die eigentliche Bar hat sich Mixologe Salvatore Calabrese Drinks einfallen lassen, die von den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren in der Stadt inspiriert sind. Einer erinnert an das Rot der Mailänder U-Bahn, ein anderer an den Moderummel.
Auch die Inneneinrichtung der Suiten schlägt den Bogen zu italienischer Designtradition: Lampen so dünn wie Giacometti-Beine, Tischchen im Stil von Gio Ponti, Bilder von Mailänder Künstlern. Der zur Suite gehörende Balkon hat die Größe einer japanischen Einzimmerwohnung. Mit klappbaren Wänden lässt sich diese Terrasse in der Größe für verschiedene Events anpassen.
Über den Dächern der umliegenden Häuser leuchtet die Kuppel des Mailänder Doms. Beim Blick nach unten in den Innenhof wölbt sich ähnlich rund das Glasdach des Restaurants „Floretta“. Der Optik eines Gewächshauses aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden, beherbergt das Restaurant unter schwarzen Eisengitterbögen immergrüne Pflanzen. Zum Frühstück serviert das aufmerksame Personal hier nicht nur die üblichen internationalen Klassiker, sondern auch allerlei lokale Spezialitäten. Der lombardische Reispudding mit Vanille und Kirschen ist exzellent. Das könnte sogar den eleganten Mailänder Ladies schmecken.





















