Kultur

Berliner Ausstellung zum Holocaust: Woher das eigene Familiensilber wohl stammen mag | ABC-Z

Ganz am Anfang hängt da eine Zeitung. Es ist die Münchner Illustrierte vom 16. Juli 1933. „Die Wahrheit über Dachau“, ist ein doppelseitiger Text überschrieben. Der Titel könnte den Eindruck vermitteln, als handle es sich um ein Flugblatt von Nazi-Gegnern aus dem Untergrund. Das wird bei einer Lektüre rasch korrigiert. Die Inhaftierten würden „zu brauchbaren Mitgliedern des nationalsozialistischen Staates erzogen“, heißt es unter einem Foto, auf dem Männer mit Schaufeln zu sehen sind. Die Folter und die Qualen in einem der ersten KZs werden als „Greuelmeldungen“ abgetan.

Ganz am Anfang: Das bezieht sich auf den Herrschaftsbeginn des NS-Regimes 1933. Das Münchner Blatt steht repräsentativ für eine erstaunlich breite Berichterstattung über Konzentrationslager in der NS-gelenkten Presse. Die Zeitungsausgabe steht aber auch ganz am Anfang einer Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors: „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“, lautet der Titel. Die Ausstellung greift damit ein Thema auf, über das bis heute Halbwahrheiten, Beschönigungen und glatte Lügen im Umlauf sind.

Noch lange nach dem Ende der NS-Herrschaft behaupteten viele Deutsche, vom Massenmord an den Juden nichts gewusst zu haben. Diese Erklärung diente dem eigenen Schutz, erklärte man sich damit doch für unschuldig an fehlendem Widerstand gegen das Regime und an der geringen Hilfe, die den Verfolgten zuteilwurde. Heute glauben erstaunlich viele Nachgeborene, ihre Familien hätten im Nationalsozialismus am Widerstand teilgenommen oder doch zumindest das Regime verabscheut. Auch diese Behauptung nährt das Bild von der Unschuld.

Die Ausstellung

„Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“: Topographie des Terrors, Berlin, bis 31. Januar 2027. Katalog: 18 Euro.

Schon vor rund 20 Jahren nahmen zwei deutsche Historiker die These vom Unwissen der Deutschen unter die Lupe. In getrennten Studien konnten Bernward Dörner und Peter Longerich überzeugend nachweisen, dass sowohl durch Veröffentlichungen in den nationalsozialistisch geprägten Medien als auch durch persönliche Kontakte und Beobachtungen nahezu jeder erwachsener Deutsche über Informationen zum Holocaust verfügte – wenn auch nicht unbedingt über Details. Aber viele wollten offenbar nicht mehr wissen.

Ausstellung lässt Fakten sprechen

Von daher kann man gar nicht genug loben, dass die Frage nach dem Wissen nun endlich auch einem breiteren Publikum unterbreitet wird. Die Berliner Ausstellung hält sich dabei mit einem Urteil zurück. Sie lässt Fakten sprechen, auf dass sich jeder Besucher sein eigenes Urteil bilden kann. Untergliedert ist sie in drei Teile. Der Text über Dachau in der Münchner Illustrierten steht für die offizielle Propaganda des Regimes, das sich wenige Schranken der Berichterstattung auferlegte, wenn es um die Verächtlichmachung von Juden ging. Davon zeugt etwa eine Radiosendung über die Brandschatzung einer Wiener Synagoge im Novemberpogrom 1938, in der Reporter wie die Interviewten mit ihrer Freude über die Zerstörung des Gotteshauses nicht hinterm Berg halten.

Der 1941 beginnende Holocaust an den europäischen Juden war dagegen eine „geheime Reichssache“, über die in offiziellen Kanälen nicht informiert wurde. Allein die indirekten Hinweise darauf, dass in Osteuropa etwas Ungeheuerliches gegen die Juden geschah, waren aber mannigfaltig. Da waren die Briefe von Soldaten an ihre Lieben in der Heimat, die bisweilen auf die Massenmorde eingingen.

Aber auch viele deutsche Zivilisten ließen sich anwerben. „Für Osteinsatz. Aufsichtspersonal gesucht“, heißt es in einer Kleinanzeige im Solinger Tageblatt von 1941. Auch ihre Berichte sickerten trotz Zensur nach Deutschland durch. Die „Euthanasie“-Morde an Behinderten fanden gar mitten im Reich statt, sodass ein Augenzeuge eine Bilderserie zur Tötungsanstalt Hadamar herstellen konnte. „Hinweise im Alltag“ ist dieses Kapitel überschrieben.

Viele Deutschen wussten oder ahnten nicht nur vom Holocaust, sie profitierten direkt davon. In einer Vitrine stehen Suppentasse und Teller mit dezentem Muster. Sie waren einmal Eigentum des Mainzer jüdischen Ehepaars Erna und Felix Ganz, die 1942 deportiert wurden. Ihr Geschirr – Teil eines Services für zwölf Personen – geriet wie überall in Deutschland mit dem Hausrat der Verschleppten geschehen – in eine öffentliche Auktion. Dort erwarb es der Gymnasiallehrer Karl Held, seit 1933 Mitglied der NSDAP. Das Ehepaar Ganz wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Woher das eigene Familiensilber wohl stammen mag, mögen sich da manche Ausstellungsbesucher fragen.

Der Massenmord war geheim, die Deportationen der Jüdinnen und Juden aus deutschen Städten waren es nicht. Sie geschahen unter aller Augen. Die Initiative „last seen“ hat in jüngster Zeit eine ganze Reihe Fotos von solchen Deportationen zu Tage befördert, auf denen auch das Vergnügen der Zuschauenden kenntlich ist. Das ist in der Ausstellung seltsamerweise kein großes Thema, obwohl doch gerade diese Bilder beweisen, wie offen diese Austreibungen vonstattengingen.

Briefe und Kartengrüße

Mehr Raum ist den Briefen gewidmet. Darunter befinden sich auch Kartengrüße einer deportierten Jüdin aus dem KZ Majdanek. Hier hätte man sich gewünscht, dass die Aussteller deutlicher machen, dass dies eine Ausnahme darstellt und im Gegenteil das Schreiben von Briefen aus Konzentrationslagern fast immer strikt verboten war.

Trotz Geheimhaltung machte das NS-Regime doch bisweilen Andeutungen über das, was den Juden in Osteuropa geschah. „Aussiedlung der restlichen 40.000 geplant“ lautet der Untertitel eines Textes über die Deportation slowakischer Juden in der Parteipublikation Der Angriff. Die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ beschwor 1941 ein Wochenspruch der NSDAP und zugleich Zitat Hitlers, das öffentlich ausgehängt wurde.

So mancher machte sich da seine Gedanken, darunter drei Zeitzeugen, die systematisch damit begannen, Lügen, Halbwahrheiten und Wahrheiten über die Verbrechen zu sammeln. Ihnen ist nun der dritte Teil mit dem Titel „Vom Puzzleteil zum Bild“ gewidmet.

Was wussten die Deutschen? „Das Unaussprechliche, das in Rußland, das mit den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wißt ihr, wollt es aber lieber nicht wissen“: So sprach Thomas Mann in seiner Radiosendung der britischen BBC im November 1941.

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