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Berlin Tag & Macht: Der Preis für Haltungslosigkeit geht dieses Jahr an die Berlinale | ABC-Z

Berlin Tag & MachtDer Preis für Haltungslosigkeit geht dieses Jahr an die Berlinale

26.02.2026, 08:36 Uhr Eine Kolumne von Marie von den Benken

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Der nach Deutschland geflohene Regisseur Abdallah Al-Khatib (l.) hatte seine Rede schriftlich vorbereitet und posierte anschließend unter Applaus mit der Palästina-Flagge. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die letzten lebenden Holocaust-Überlebenden mahnen uns, was wir den Millionen Opfern des Völkermords noch immer schuldig sind. Tova Friedman ist eine von ihnen. Derweil bietet die Berlinale blindem Israelhass eine steuerfinanzierte Plattform, was für ein Desaster.

Einer der bewegendsten Tage meines Lebens war der 29. Januar dieses Jahres. Ich nahm an einem Dinner in der israelischen Botschaft teil, bei dem auf Einladung von Botschafter Ron Prosor im Verlauf des Abends auch die Holocaust-Überlebende Tova Friedman vorbeischaute. Wenige Stunden zuvor hatte sie anlässlich des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust im Deutschen Bundestag eine bemerkenswerte Rede gehalten.

Nachdem ich ein Jahr zuvor, ironischerweise im Rahmen der Berlinale, bereits Margot Friedländer die Hand schütteln durfte, ein weiterer Augenblick, der mir ein gleichsam bedrückendes wie hoffnungsvolles Gefühl gab. Hoffnungsvoll, weil eine Frau wie Tova Friedman trotz deutscher Historie und ihrer persönlichen Erfahrungen nach Deutschland kam, um ihre Geschichte zu erzählen. Ausgerechnet in das Land, das ihr im Zuge des Holocaust 150 Familienmitglieder genommen und sechs Millionen Juden ermordet hatte, darunter 1,5 Millionen Kinder. Eine Zahl, so bizarr und ungeheuerlich, dass sie jede Vorstellungskraft sprengt.

Betrüblich jedoch, weil Tova Friedman mich daran erinnerte, dass Antisemitismus nie verschwunden war. Ein Antisemitismus, der in diesen Tagen leider eine Renaissance erlebt. Ausgerechnet in einer Zeit, kurz nachdem am 7. Oktober 2023 ein bestialischer Terrorakt den tödlichsten Angriff auf jüdisches Leben seit der Shoah markierte und damit ein ganzes Volk in Schockstarre versetzte. Ich glaube nicht, dass Deutschland sich einen Gefallen damit tut, eine solche Entwicklung politisch wie gesellschaftlich einfach lethargisch über sich ergehen zu lassen.

Show-Aktivismus hilft nicht

Mit 16 Jahren war ich das erste Mal in Auschwitz. Später besuchte ich Treblinka und andere Vernichtungslager aus Hitlers Völkermord-Industrie. Meine erste eigene Wohnung in Hamburg lag in Gehweite zur Talmud-Thora-Schule. Schon damals konnten jüdische Kinder ihre Schule im Herzen der angeblich weltoffensten Stadt Europas nur unter Polizeischutz besuchen.

Als ich Auschwitz damals nach nur wenigen Stunden verließ, war es sonnig. Ich lebte in einem der sichersten und freiesten Länder der Welt, wurde aus meiner Komfortzone gezerrt und weinte mich im Hotelbett in den Schlaf. Ich versprach der hilflosen Fassungslosigkeit in mir, ich würde alles, was in meiner begrenzten Macht stehen würde, dafür tun, dass so etwas nie mehr passiert. Ein vermeintlich heroischer Akt der Erinnerungskultur, von dem jedoch nicht viel mehr blieb als ein selbstberauschender Augenblick des verblassenden Show-Aktivismus. Denn was habe ich seither erreicht, außer große Pläne zu formulieren und ein paar Tweets auf Twitter?

Die Berlinale und die Ritualmordlüge

Auch Tova Friedman hatte Auschwitz verlassen. Ziemlich genau 60 Jahre zuvor, mit sechseinhalb Jahren. Welche traumatischen Erinnerungen sie begleiteten, das kann sich niemand vorstellen. Umso beschämender für mich, für uns alle, dass Tova Friedman mehr als 80 Jahre später im Bundestag diese Worte sagen wird: “Ich verließ Auschwitz mit dem Gedanken, dass ich nie wieder Angst haben müsste, weil ich Jüdin bin. Nie mehr! Aber die Zeiten haben sich geändert.”

Diese Angst, die keinen Demokraten, insbesondere keinen Deutschen, kaltlassen sollte, ist unverzeihlich. Unsere Mitschuld daran hat der Journalist Jörg Thadeusz zuletzt recht eindringlich beschrieben: “Wir hatten einen Job, nämlich zu sagen: Auschwitz, Judenverfolgung, Antisemitismus, das machen wir bitteschön nicht wieder, und diesen Job haben wir nicht so fabelhaft erfüllt.”

Zu diesen nicht so fabelhaften Momenten gehört aktuell auch die Berlinale. Wie eine Blaupause des vergangenen Jahres endet das größte Publikumsfestival der Welt auch 2026 mit einer Gala, auf der unbehelligt von Genozid fantasiert wird. Und damit die ewig antisemitische Ritualmordlüge von jüdischen Brunnenvergiftern genährt. Das Ganze vor einem Auditorium, das vornehmlich aus der deutschen Kulturelite besteht und berauscht applaudiert.

Der Berlinale-Gewinner Abdallah Al-Khatib, soeben für seinen Film “Chronicles from the Siege” ausgezeichnet, erscheint in Kufiya, der Uniform passionierter “Israelkritiker”, auf dem Podium. Der Filmemacher ignoriert die dringende Empfehlung von Ricky Gervais, sich bei seinem Agenten und seinem Gott zu bedanken und dann besser wieder den Mund zu halten – und bezeichnet die Regierung des Landes, das ihn 2019 als Geflüchteten aufgenommen hatte, als “Partner des Völkermords im Gazastreifen”.

Nun gibt es einige renommierte Experten, die tatsächlich Genozid-Kriterien als erfüllt betrachten. Deutlich mehr Experten sehen keinen Völkermord. Auch die entscheidenden Regierungen, etwa die USA, Deutschland oder England, dazu die EU-Kommission und der Europäische Rat, aber auch juristische Fachorganisationen wie das Washington Institute, die FDD (Foundation for Defense of Democracies) oder das International Legal Forum sehen den Genozid-Vorwurf als nicht belegbar an.

“Wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war”

Die sogenannte Kirsche auf dem antisemitischen Sahnehäubchen liefert Abdallah Al-Khatib dann allerdings mit seiner unmissverständlichen Drohung an alle Israel-Unterstützer: “Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.” Wenn man so will, auch eine Art Erinnerungskultur. Eine allerdings, die nicht nur in Tova Friedman zu Recht ein unbehagliches Gefühl hervorruft. Was wird mit denen, “die gegen uns waren”, geschehen? Wird man sie behandeln, wie die Hamas ihre Gegner im Gazastreifen behandelt? Und was geht in Künstlern, Journalisten und Politikern vor, darunter wohl auch Felix Banaszak, Katrin Göring-Eckardt und Claudia Roth, die einen solchen Satz auf einer deutschen Bühne hören und dann in euphorischen Jubel ausbrechen oder ihn zumindest kommentarlos tolerieren?

Einzig Umweltminister Schneider hielt es da nicht in seinem Sitz – und der ist von der SPD! Der Partei von Ralf Stegner, Rolf Mützenich und Aydan Özoğuz, denen man ausgeprägte Sympathien für das Konzept Staatsräson nicht unbedingt nachsagen kann. Schneider jedoch verlässt bei der Siegerrede aus Protest den Saal und lässt später erklären, die von Abdallah Al-Khatib getätigten Aussagen seien nicht akzeptabel.

Ich finde, er hat recht. Man kann, ja man muss sogar kritisch auf den Nahostkonflikt blicken. Viele Geschehnisse sind weiterhin nicht ausreichend dokumentiert, über andere sollte man ergebnisoffen diskutieren dürfen. Drohungen jedoch sind das Gegenteil von Debatte. So wie Ideologie das Gegenteil von Aufklärung ist. Kunstfreiheit endet dort, wo Terror verharmlost oder verschwiegen wird. Wenigstens das sollte wohl Konsens sein.

Immerhin: es gibt Konsequenzen

Wie tragbar ist es also in einer derartig komplexen Gesamtlage wie dem Nahostkonflikt, dem Völkermord-Narrativ auf der Hauptbühne seines Festivals ohne jegliche Einordnung ein Forum zu bieten? Immerhin steuert der Bund fast die Hälfte des Gesamtbudgets der Berlinale, etwa 13 Millionen Euro, aus Steuergeldern bei. Was zunächst eine gute Nachricht ist. Kulturförderung ist wichtig, sie darf keinesfalls grundsätzlich infrage gestellt werden. Kulturförderung allerdings, die eine Kultur der Drohung, Ausgrenzung, Feindmarkierung und Holocaust-Verharmlosung fördert, muss nicht nur infrage gestellt, sondern komplett eingestellt werden.

Das ist übrigens keine Meinung, Anregung oder Vorschlag. Es wäre nachvollziehbare Konsequenz. Immerhin ist im Koalitionsvertrag klar festgelegt, dass keine kulturellen Institutionen gefördert werden, die antisemitische oder extremistische Ziele verfolgen.

Erste Anzeichen gibt es, dass die antisemitische Folklore auf der Berlinale – anders als im vergangenen Jahr – nicht ohne spürbare Nachwirkungen bleiben wird. Wolfram Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, wird wohl die Berlinale-Chefin Tricia Tuttle abberufen. Es wird spannend sein, zu beobachten, wer Tuttles Nachfolge antreten wird, wie hoch das Berlinale-Budget 2027 ausfallen und von wem es zur Verfügung gestellt wird. Und natürlich, wie viele offene Briefe bis dahin verfasst werden.

Quelle: ntv.de

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