Benfica Lissabon gegen Real Madrid in der Champions League: José Mourinho gesucht – Sport | ABC-Z

Vor gut einer Woche noch war José Mourinho voller Vorfreude. Seit 2013 hatte er auf die Gelegenheit gewartet, ins Bernabéu-Stadion zurückzukehren, wo er von 2010 bis 2013 Trainer gewesen war, und plötzlich schien sie nah: zum Playoff-Rückspiel in der Champions Leauge mit Benfica Lissabon an diesem Mittwoch. Weil aber das Hinspiel in Portugal (1:0 für Real Madrid) aus dem Ruder lief, (unter anderem) Mourinho Gelb-Rot sah und darob automatisch gesperrt wurde, war klar: Er wird nicht am Spielfeldrand des Bernabéu stehen dürfen.
Eine Ahnung davon, was für ein Spektakel der Welt entgangen ist, konnte man am Dienstag bekommen, als Mourinho vor dem Hotel Intercontinental von Madrid aus dem Mannschaftsbus stieg, unter strahlend blauem Himmel und bei frühlingshaften Temperaturen. „Komm zurück! Wir lieben dich“, riefen ihm Madrid-Fans zu. Wie sein Parcours am Mittwoch aussehen wird, ist offen. Mourinho darf sich trotz der Sperre im Stadion aufhalten und auch die Pressekonferenzen abhalten. Die Begegnung mit den Medien am Vorabend der Partie überantwortete er allerdings seinem Assistenten João Tralhão, der gut ein halbes Jahr bei Borussia Dortmund angestellt war, als Assistent von Nuri Sahin. In der Vergangenheit hat sich Mourinho bei Sperren alle möglichen Dinge einfallen lassen.
:Der nächste atemberaubende Eklat
Vinícius erzielt ein Traumtor, gerät mit dem Publikum aneinander und wird von einem Gegenspieler beleidigt, den Kylian Mbappé danach einen „verdammten Rassisten“ nennt: Reals 1:0 bei Benfica verkommt zur Randgeschichte eines denkwürdigen Abends.
Unvergessen, wie er sich 2005 bei einem Duell zwischen dem FC Chelsea und dem FC Bayern in einem Container für schmutzige Wäsche versteckte – und nach eigenen Angaben fast erstickt wäre, weil die Angestellten Chelseas die Box luftdicht verschlossen. Zu anderen Gelegenheiten blieb er im Hotel und hielt mit seinem Trainerteam fernmündlich Kontakt, ein anderes Mal blieb er im Mannschaftsbus sitzen. Eine Option wäre auch, dass er es macht wie Hansi Flick beim Clásico vom Oktober 2025 – und sich in eine Radioreporter-Kabine unter dem Dach setzt. Oder er macht etwas völlig anderes: Für Überraschungen ist Mourinho allemal gut. Nein, er wisse auch nicht, wo Mourinho während des Spiels sein werde, sagte sein Vertreter Tralhão am Dienstagnachmittag in der Pressekonferenz. Zu Beginn dieser Veranstaltung verbat sich Benficas Pressesprecher alle Fragen zum Thema Prestianni.
Neben der spontanen Anschuldigung durch Vinicius zählt Kylian Mbappé zu den Hauptbelastungszeugen
Dass Mourinho darauf verzichtete, vor die Presse zu treten, lässt eine Reihe von Spekulationen zu. Zu Real Madrids Präsidenten Florentino Pérez hat er immer ein vorzügliches Verhältnis gepflegt; womöglich wollte er ihm die Bude nicht anzünden. Die Gelegenheit dazu wäre ja günstig. Denn das Rückspiel steht unter dem Eindruck des Eklats um Benfica-Stürmer Gianluca Prestianni. Der 20-jährige Argentinier soll Real-Madrid-Stürmer Vinícius Júnior nach dessen Siegtreffer aus dem Hinspiel rassistisch beleidigt haben. Noch auf dem Spielfeld erklärte Vinícius dem Schiedsrichter, von Prestianni als „Affe“ beschimpft worden zu sein. Der Referee löste das sogenannte „Anti-Rassismus“-Protokoll aus, die Partie war für einen Zeitraum von zehn Minuten unterbrochen.
Dass Prestianni dem Vorwurf vehement widersprach, half ihm nichts. Am Montag sperrte ihn die europäische Fußballunion Uefa wegen „diskriminierenden Verhaltens“ – vorläufig für ein Spiel. Der Verband zog dafür offenkundig ein Rechtsprinzip namens „Prima facie“ heran. Das bedeutet, dass Prestianni sich „dem ersten Anschein nach“ – und ungeachtet fortlaufender Ermittlungen sowie einem noch zu ergehenden, endgültigen Urteil – schuldig gemacht hat. Denn einen wasserdichten Nachweis zu führen, war (und ist) nahezu unmöglich: Prestianni hatte sein Gesicht unter dem Trikot verborgen, als er sich vor Vinícius aufgebaut hatte, Lippenleser hatten keine Chance.
Das mindestens in Spanien vorherrschende Gefühl (und das Dilemma der Uefa-Juroren) brachte der argentinische Fußballphilosoph Jorge Valdano in einer Kolumne für El País auf den Punkt: „Ich habe keinen Zweifel, aber keinen Beweis.“ Der spanische Strafrechtsprofessor Emilio Cortés sieht es als problematisch an, Prestianni zu verurteilen. Die vorläufige Strafe scheine nicht darauf abzuzielen, eine Wiederholungstat abzuwenden oder einen anderen, objektiven Zweck zu haben, sondern unter Beschneidung von Rechten eines Individuums – das Recht auf Arbeit von Prestianni – das Image und die Marketing-Maschine der Uefa zu schützen. Dafür werde das „Recht prostituiert“, meinte Cortés.

In der Theorie existiert zudem die Möglichkeit, dass Prestianni für unschuldig erklärt wird. Prestianni hat nicht nur den Vorwurf Vinícius’ bestritten – sondern auch die erst von Real-Profi Aurélian Tchouaméni vorgetragene und dann von portugiesischen Medien kolportierte Version, Prestianni habe Vinícius als „Schwuchtel“ beschimpft.
Unbekannt ist, was der Spieler gegenüber der Uefa erklärt hat, Anfragen bei Benfica laufen ins Leere. Möglich, dass er ins Feld geführt hat, von Vinícius provoziert worden zu sein. Auf den TV-Bildern ist unzweifelhaft zu erkennen, dass Prestianni von Vinícius mehrfach als „Scheißer“ tituliert wurde, ehe er das Hemd über den Mund zog. „Nichts rechtfertigt einen rassistischen Akt“, sagte Real Madrids Trainer Álvaro Arbeloa am Dienstag. Genau das aber hatte Mourinho latent getan, als er Vinícius unterstellte, durch den Jubel bei seinem Treffer provoziert zu haben. Das hatte unter anderem zu massiver Kritik durch Bayern-Trainer Vincent Kompany geführt. „Mou ist Mou, und als Trainer wirst du immer deinen Klub verteidigen“, sagte Courtois am Dienstag über Mourinho: „Aber mich stört, dass Vinicius’ Jubel benutzt wird.“
Neben der spontanen Anschuldigung durch Vinicius zählt Kylian Mbappé zu den Hauptbelastungszeugen. Mbappé hatte noch in Lissabon erklärt, gehört zu haben, dass Prestianni Vinícius nicht bloß einmal, sondern fünfmal „Affe“ genannt habe. Prestianni gehöre deshalb nicht in die Champions League, er sehe ihn auch nicht mehr als Kollegen an. In Portugal wird diese Darstellung bestritten – die Bilder legten den Schluss nahe, dass Mbappé gar nichts gehört haben könne.
Benfica hatte Einspruch gegen die Sperre eingelegt. Offen ist allerdings, ob der Einspruch noch vor der Partie vom Mittwoch behandelt wird
Unabhängig davon stehen die Chancen Prestiannis, einer schweren Strafe zu entgehen, eher schlecht. Bei einem ähnlich gelagerten Fall aus der Europa-League-Saison 2020/2021 griff die Uefa mit aller Härte durch. Seinerzeit wurde Slavia Prags Ondrej Kudela erst vorläufig für eine Partie gesperrt, dann für zehn Spiele aus dem Verkehr gezogen. Er soll Rangers-Profi Glen Kamara eine rassistische Beleidigung ins Ohr gesagt haben; Kudela bestritt dies vergeblich und verpasste die 2021 ausgetragene Europameisterschaft. Blüht Prestianni eine ähnlich drakonische Strafe?
Benfica kämpft dagegen an, am Dienstag vor allem durch den Präsidenten Ruí Costa. Man habe den Fall intern eingehend aufgearbeitet, die Schlussfolgerung sei: „Wir glauben dem Wort unseres Spielers“, sagte der frühere Weltklasse-Mittelfeldspieler vor dem Abflug nach Madrid. „Er wird als Rassist gekreuzigt. Ich garantiere, er ist es nicht“, fügte er hinzu. Wäre es anders, „so wäre er nicht mehr Spieler von Benfica“, denn sein Klub schätze sich dafür, den in Mosambik geborenen Eusébio als größtes Idol der Vereinsgeschichte zu haben. Tage zuvor hatte sich Luisão, eine brasilianische Benfica-Legende, über den Vorfall „beschämt“ gezeigt und den Stab über Prestianni gebrochen. Der Argentinier sei nicht würdig, das Benfica-Trikot zu tragen. Vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung mit Rassismus im Fußball wage er zu sagen: „Ich kenne die Wahrheit.“
Sie dürfte dem nahekommen, was Mbappé dem Argentinier auf dem Feld zurief – und Prestianni auch am Dienstag nach der Ankunft in Madrid zu Ohren bekam: „Du verdammter Rassist.“ Denn ja, trotz allem flog Prestianni am Dienstag nach Madrid.
Zuvor hatte Benfica Einspruch gegen die Sperre eingelegt. Offen ist allerdings, ob der Einspruch noch vor der Partie vom Mittwoch behandelt wird – oder nicht. Sollte Prestianni auflaufen, werde man sehen, ob Reals Spieler ihm die Hand reichen oder nicht, „das entscheiden wir als Mannschaft“, sagte Reals Torwart Thibaut Courtois.
Ob mit oder ohne Prestianni, danach wird Fußball gespielt werden – und was sich Real Madrid nach dem Pokal-Aus und dem Verlust der Tabellenführung in Spanien nicht leisten kann, ist ein Aus gegen Benfica. Denn dann könnten im Bernabéu-Stadion sogar Rufe nach Mourinho laut werden, die der portugiesische Trainer selbst in einem versiegelten Wäschecontainer hören würde.




















