Missbrauch im Frauenfußball: “Total schockiert” – Spielerinnen jahrelang heimlich gefilmt | ABC-Z

Ein Funktionär des österreichischen Bundesligisten SCR Altach filmt über viele Jahre heimlich Spielerinnen in der Kabine. Auch deutsche Fußballerinnen sind betroffen.
Er wirkt smart und freundlich auf den meisten Fotos, die von dem 34-Jährigen im Netz kursieren. “Ich hatte sehr großes Vertrauen zu ihm”, berichtet Charlotte Voll. Die Karlsruherin, aktuell beim deutschen Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen unter Vertrag, stand 2022/23 im Tor in Altach. Voll berichtet von einer “familiären Atmosphäre” in dem Vorarlberger Klub. Der langjährige Sportchef des Frauenteams des österreichischen Bundesligisten war immer präsent, brachte sogar Frau und Kinder zu Festen mit.
Sarah-Lisa Dübel, 27, hat ähnliche Erinnerungen an den Ex-Funktionär. Die Torfrau des SC Freiburg, die bis zum Sommer 2025 beim SCR Altach spielte, sagt: “Er war ein herzlicher, fröhlicher Familienvater.” Dann ergänzt sie nachdenklich: “Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ausgerechnet er so etwas macht.”
Versteckte Kamera in der Umkleide
Dieses “so etwas” ist eine bedrückende Geschichte von sexualisierter Gewalt und von der Verletzung der Intimsphäre. Niemand ahnte die voyeuristische Sucht des Schweizer Staatsbürgers. Der Ex-Sportchef, der seit 2019 im Amt war, missbrauchte seine Position und seinen direkten Zugang zu den Räumlichkeiten der Fußballerinnen. Er galt als “Mädchen für alles”, führte sogar handwerkliche Tätigkeiten auf dem Campus aus. “Er war immer da und hat viel investiert”, erinnert Lara Rädler, die zwei Jahre in Altach spielte. Viele Jahre lang filmte er heimlich Spielerinnen, darunter Minderjährige, mit einer versteckt platzierten Smartphone-Kamera in der Umkleidekabine oder durch Schlüssellöcher.
Im Herbst 2025 kamen ihm die Ermittler beinahe zufällig auf die Schliche. Eigentlich suchten die Kriminalbeamten auf seinem Computer nach illegalen pornografischen Inhalten. Dabei stießen sie nicht nur auf entsprechendes Videomaterial aus dem Darknet, sie fanden auch die heimlich gefilmten Aufnahmen aus der Altacher Umkleidekabine. 30 Spielerinnen wurden später auf den Videos identifiziert.
Die Reaktionen der Betroffenen
Der SCR Altach erfuhr im Oktober 2025 den Namen des Beschuldigten. Der Verein verhängte unverzüglich ein “umfassendes Betretungsverbot” sämtlicher Vereinsräume für den potenziellen Straftäter. Auf Anweisung der Beamten und aufgrund ermittlungstaktischer Erwägungen wurden die Spielerinnen und deren Eltern erst knapp zwei Wochen später über die Vorfälle aufgeklärt.
Lena Rädler als Spielerin in Altach
Die Allgäuerin Lena Rädler war 2019 nach Altach gekommen. Dort spielte sie zwei Jahre. Gegenüber SWR Sport erzählt sie, sie sei “total schockiert” gewesen, als sie die Nachricht erfahren habe. Sofort schossen ihr Gedanken durch den Kopf: Bin ich selbst betroffen? Bin ich auf den Aufnahmen zu sehen?
Von den Ermittlungsbehörden wurde sie nicht kontaktiert. Für sie ein gutes Zeichen. Denn die Polizei meldete sich nur bei solchen Spielerinnen, die auf den Aufnahmen zu sehen waren. “Ich weiß aber nicht, ob ich irgendwo im Hintergrund zu sehen bin”, sagt die 25-Jährige. “Eigentlich kann es gar nicht sein, dass ich da nicht drauf bin”, grübelt sie.
Charlotte Voll: “Ich hoffte, dass sich niemand meldet”
Charlotte Voll, 26, erfuhr das Unfassbare aus der Zeitung. “Ich hatte sofort das Bild des Täters vor Augen. Das passte im ersten Moment alles nicht zusammen. Ich dachte, ich kenne ihn. Es war surreal.” Ihre ersten Überlegungen: Wo hat er die Kameras versteckt? Meldet sich die Polizei auch bei mir? “Ich saß einfach nur da, habe gewartet und hoffte, dass sich niemand meldet.” Der Anruf aus Österreich blieb aus.
Charlotte Voll als Spielerin des SCR Altach
Sarah-Lisa Dübel erhielt die schockierende Nachricht von ehemaligen Mitspielerinnen aus Altach. “Ich konnte das gar nicht glauben. Nach einigen Tagen war mir die ganze Zeit schlecht. Ich hatte etwas Panik: Was passiert jetzt? Was ist da alles vorgefallen?” Zwar hatte sie vom SCR Altach eine Mail mit Kontaktdaten von Psychologen, Rechtsanwalt und Landeskriminalamt erhalten, doch “wir bekamen keine Updates.”
Claudia Reidick, eine ehemalige Weltklasse-Leichtathletin, arbeitet als Sportpsychologin. Im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des 1. FC Kaiserslautern bietet sie sportpsychologische Begleitung für junge Talente an. Sie weiß, dass Vorfälle wie in Altach “auf keinen Fall” heruntergespielt werden dürfen.
Die Betroffenen sind zutiefst verunsichert. Sie fühlen sich beschmutzt. Eine solche Tat hinterlässt viele Spuren.
Dr. Claudia Reidick, Sportpsychologin
Paranoide Züge bei manchen Spielerinnen
Der Verein bedauerte die Vorfälle in einer schriftlichen Mitteilung zutiefst und sprach “aufrichtiges Mitgefühl” aus. Bei Charlotte Voll kam das aber nicht an. “Ich habe von niemandem gehört, dass er sich entschuldigt oder Reue gezeigt hätte”, sagt sie.
Auch Lena Rädler wartete vergeblich auf ein persönliches Zeichen der Anteilnahme. “Man hätte ja wenigstens mal schreiben können: ‘Wir, die Altach-Familie, sind da, falls Hilfe benötigt wird.’ Aber es kam nichts.”
Sarah-Lisa Dübel erzählt von einigen Spielerinnen, mit denen sie in Altach zusammengespielt hat. Diese wollten aus ihren Wohnungen, die der Verein angemietet hatte, raus, weil der Täter noch Zweitschlüssel hatte. Der Klub hatte angeboten, dass die Spielerinnen aus ihren Wohnungen in ein Hotel ziehen könnten. “Doch die dafür zuständige Person vom Verein war nicht erreichbar.”
Sarah-Lisa Dübel (SC Freiburg) spielte bis 2025 in Altach
Dübel berichtet auch von Ex-Mitspielerinnen, deren Verhalten nach Bekanntwerden der Vorfälle paranoide Züge bekamen. “Sie suchten die Wohnungen nach Kameras ab und hatten Angst, zu Hause zu sein, weil sie sich nicht sicher sein konnten, dass sie nicht beobachtet werden.“
Sarah-Lisa Dübel: “Ich bin misstrauischer geworden”
Auch mit ihr selbst hätten die Vorfälle von Altach etwas gemacht, erzählt die Torfrau. “Ich bin misstrauischer und vorsichtiger geworden”, sagt Dübel. Sie überlege sich nun gut, wem sie ihr Vertrauen schenke und auf welcher Basis das passiere.
Charlotte Voll ist zwar froh, dass sie nicht direkt betroffen ist von den Aufnahmen. Trotzdem sei jetzt in ihrem Unterbewusstsein gespeichert, “es könnte immer jemand filmen oder spannen.” Ihr Grundvertrauen zu den Menschen sei zum Glück nicht beschädigt. “Ich denke aber, wenn ich betroffen wäre, wäre das anders.” Von einer ehemaligen Altach-Mitspielerin habe sie gehört, diese könne nirgendwo mehr hingehen, ohne das Gefühl zu haben, beobachtet zu werden.
Betroffene sollten sich professionelle Hilfe holen
Lena Rädler hat das Gefühl, die Sache weitestgehend verarbeitet zu haben. “Natürlich ist es erschreckend, aber ich fühle mich nicht nachhaltig emotional geschädigt”, sagt die Allgäuerin. Trotzdem stellt sie fest: “Wenn ich in eine Umkleide gehe, denke ich: Ist da eine Kamera?” Das sei ein komisches Gefühl.
Claudia Reidick, die als Sportpsychologin u.a. an einer Eliteschule des Sports arbeitet, hält es für wichtig, dass die ehemaligen, vor allem aber die betroffenen aktiven Spielerinnen in Altach professionelle Hilfe bekommen. “Ich denke, bei vielen ist ein Trauma da, das bearbeitet werden muss”, sagt die 63-Jährige. Es sei nicht einfach, zu irgendeinem Psychologen oder Psychiater zu gehen. Man müsse schließlich ein Vertrauensverhältnis aufbauen. “Da wäre es hilfreich, wenn jemand vor Ort wäre, zu dem man bereits Kontakt hat.”
Ex-Funktionär werkelte häufig in der Kabine herum
Im Nachhinein fragen sich viele Spielerinnen, warum sie bei manchen Verhaltensweisen des Funktionärs nicht stutzig geworden waren. Der Mann soll sich verdächtig oft in der Nähe der Frauenkabine aufgehalten haben. Beim Eisbad und rund um die Dusche habe der Ex-Sportchef “oft etwas herumgeschraubt”, erzählte die ehemalige Spielerin Eleni Rittmann der Wienerzeitung.
“Er war immer nett, aber 100 Prozent vertraut habe ich ihm nicht”, berichtet Lena Rädler. “Ich hatte immer das Gefühl, da ist irgendwas falsch.” Sarah-Lisa Dübel hingegen vertraute dem Mann: “Wenn ich die Kameras in der Kabine entdeckt hätte, wäre er wahrscheinlich die erste Person gewesen, zu der ich gegangen wäre, um ihm davon zu erzählen.”
Voll: “Es geht vielen Betroffenen immer noch schlecht”
Bis heute, erzählt Charlotte Voll, seien alle Altach-Spielerinnen nachhaltig geschockt. “Es geht vielen Betroffenen immer noch schlecht,” weiß sie. SWR Sport fragte bei zwei aktuellen Altach-Spielerinnen an, ob sie über ihre Situation sprechen möchten. Es kam keine Antwort. “Ich verstehe einerseits, dass sie sich zurückhalten”, sagt Lena Rädler. “Andererseits sollten sie rauslassen, was ihnen am Herzen liegt.”
Nach Schilderung Rittmanns sollen Verein und Polizei die Spielerinnen bei einem Treffen darum gebeten haben, “nicht an die Öffentlichkeit zu gehen”. Dies würde für Unruhe sorgen und weiteres Öl ins Feuer gießen. Nach SWR-Informationen soll diese Botschaft auch von Trainerseite transportiert worden sein. Immer wieder soll im internen Mannschaftschat darauf hingewiesen worden sein, dass die Spielerinnen nicht mit den Medien sprechen sollten. Letztlich aber, heißt es vom SCR Altach, habe man den Frauen “keinen Maulkorb” verhängt.
Was wurde aus den Videos und Fotos?
Der ehemalige Funktionär, der vom Verein nach Bekanntwerden der Vorfälle unverzüglich suspendiert worden war, saß Ende Februar 2026 im Landesgericht Feldkirch auf der Anklagebank. Aus der Anklageschrift ging hervor, dass die heimlichen Filmaufnahmen bis ins Jahr 2018 zurückgingen. Sie sollen nicht nur in der Damenumkleide des SCR Altach entstanden sein, sondern auch in einem Fitnessstudio und an “unbekannten Orten in Vorarlberg”.
Der Verteidiger des Angeklagten sagte, sein Mandant sei sich seiner voyeuristischen Neigung bewusst und habe sich in Therapie begeben. Außerdem teilte er mit: “Wir können zur Beruhigung der Opfer ausschließen, dass ihre Fotos an Dritte weitergegeben wurden.” Die Daten seien vernichtet worden. Der teilweise geständige Angeklagte entschuldigte sich bei den Opfern.
Das Strafmaß erscheint vielen Betroffenen als zu milde
Am Ende stand das Urteil: sieben Monate auf Bewährung, 1.200 Euro Geldstrafe und 625 Euro Entschädigung für 15 Opfer. Viele Opfer erhalten diesen Betrag allerdings nicht. Das liegt daran, dass das Gesetz, nach dem der Funktionär verurteilt wurde, erst 2021 in Kraft trat. 15 von 30 Frauen, die vor 2021 gefilmt wurden und auf Aufnahmen zu sehen sind, erhalten also keinen Cent. Ins Gefängnis muss der Mann nicht. Dabei lag der mögliche Strafrahmen in diesem Fall zwischen sechs Monaten und drei Jahren Freiheitsstrafe. Die Richterin betonte, Sinn des Strafverfahrens sei nicht die Vergeltung, sondern primär die Prävention, dass so etwas nicht mehr passiere.
Vielen Betroffenen erscheint das Strafmaß als zu gering. “Dieses milde Urteil hat mich geschockt”, sagt Charlotte Voll. “An der Stelle des Täters würde ich mir ins Fäustchen lachen.” Auch Lena Rädler findet, “das Strafmaß ist mit Sicherheit zu gering. Es steht in keinem Verhältnis zu dem, was passiert ist.” Vor allem sei das Urteil nicht abschreckend für mögliche andere Täter.
Sportpsychologin Reidick: “Letztlich auch eine Frage der Wertschätzung”
Sportpsychologin Reidick glaubt: “Die Spielerinnen haben offenbar den Eindruck, das Ganze wird als Straftat nicht ernst genommen. Es wird nicht wahrgenommen, dass es eine große Verletzung der Persönlichkeit ist. Das tut weh. Letztlich ist es auch eine Frage der Wertschätzung.”
Vor wenigen Tagen trauten sich einige aktuelle Altach-Spielerinnen aus der Deckung und gaben dem ORF ein Interview. Tenor des Gesprächs: Trotz der Verurteilung des Straftäters fühlen sie sich schlechter als vor der Verhandlung.
Bei vielen ehemaligen und aktiven Spielerinnen bleiben Ungewissheiten: Wo sind die Videoaufnahmen tatsächlich? Wurden sie, wie behauptet, wirklich gelöscht? Wofür wurde das Material verwendet? Wer versichert, dass die Aufnahmen nicht kopiert und gesichert wurden? Was, wenn sie bereits im Netz kursieren?
Zu wenig Präventionsmaßnahmen durch den Verein?
Beim SCR Altach will man aus dem Erlebten lernen und Schlüsse ziehen. Der Verein teilte mit, es werde an einem Schutzkonzept gearbeitet, es solle zwei Schutzbeauftragte geben. Das Trainerteam der Mannschaft soll weiblicher werden, zudem will man sogenannte “Kummerkästen” einführen. An den Türen wurden mittlerweile Schlösser ohne Schlüssellöcher verbaut.
Sarah-Lisa Dübel hingegen hat den Eindruck, der Verein sei mit der Situation überfordert gewesen. “Sie waren einfach nicht vorbereitet. Es wurden zu wenig Vorsichts- und Präventionsmaßnahmen getroffen.”
Claudia Reidick würde dem Verein raten, sich – wie die Spielerinnen – professionelle Hilfe zu holen. Es gebe für solche Fälle gut ausgebildete Leute, die wüssten, was auf den Verein zukomme. Im Mittelpunkt stehe die Frage, wie der Verein das Vertrauen der Spielerinnen zurückgewinnen könne.
Auf Dauer ist ein Team nicht erfolgreich, wenn Misstrauen vorherrscht und ein Stück weit der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
Sportpsychologin Dr. Claudia Reidick
Dann ergänzt die Sportpsychologin: “Wenn ich möchte, dass meine Spielerinnen erfolgreich sind, geht das nicht immer nur über Gewinnen und Verlieren. Dazu gehört auch, dass sich die Spielerinnen zu Hause fühlen.”
Claudia Reidick betont, dass eine solche Situation immer eine große Krise für ein Team sei. Manche Spielerinnen wollen über die Lage sprechen, anderen ziehen sich eher ins Schneckenhaus zurück und hüllen sich in Schweigen. Immer wieder, weiß Reidick, komme es nach solchen Vorfällen zu einer Täter-Opfer-Umkehrung. “Dies kann dazu führen, dass es in einer Mannschaft richtig abgeht.” Die einen hätten eher Mitleid mit dem Täter, die anderen hingegen sähen klar sein Fehlverhalten. “Es ist eine ganz schwierige Situation.”
Welche Lehren ziehen die Spielerinnen für sich aus dem Erlebten?
Charlotte Voll plädiert dafür, als mündige Spielerin – auch gegenüber Vorgesetzten – “skeptisch” zu sein und Dinge zu hinterfragen. Sie verweist auf die Jugendschutzregelungen, die in deutschen Nachwuchsleistungszentren streng seien. “Man sollte diese in den Profibereich hochziehen”, schlägt sie vor. “Schließlich spielen hier oft auch schon 16- oder 17-Jährige, also Minderjährige.”
Sarah-Lisa Dübel fühlt sich beim SC Freiburg, ihrem aktuellen Verein, sicher. Das Freiburger Schutzkonzept überzeugt sie. Sie nennt ein Beispiel. “Am Anfang der Saison wurde klargestellt, dass keine Fotos oder Videos in der Kabine bzw. in unserem Trakt gemacht werden dürfen.” Das habe sie zunächst gewundert, sagt sie, “aber es macht Sinn.”
Lena Rädlers Gedanken gehen immer wieder zu ihren ehemaligen Teamkolleginnen in Altach und zum Tatort. “Sie ziehen sich nach wie vor in derselben Kabine um. Sie duschen weiterhin in derselben Dusche. Ich könnte das nicht mehr.”





















