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Venezuela und die USA: “Ein Balanceakt für Rodríguez” | ABC-Z


interview

Stand: 05.01.2026 13:13 Uhr

Venezuelas Interimspräsidentin Rodríguez muss lavieren, sagt die Lateinamerikaexpertin Sabine Kurtenbach – zwischen der alten Elite in Venezuela und den USA. Für das bisherige System Maduro gehe es nun um Machterhalt und Straffreiheit.

tagesschau24: Delcy Rodríguez ist Übergangspräsidentin in Venezuela, hält aber gleichzeitig öffentlich an Nicolás Maduro fest und verurteilt auch die US-Aktion. Welche Rolle nimmt sie gerade ein, und wie viel Macht hat sie wirklich?

Sabine Kurtenbach: Das lässt sich im Moment noch schwer sagen. Wenn es ihr Ziel ist – was ich unterstellen würde -, dass die Machtstruktur der Maduro-Regierung erhalten bleibt, dann muss sie natürlich lavieren. Einerseits zwischen Kritik an der US-Aktion für die eigene Basis in Venezuela und andererseits einem konzilianteren Ton gegenüber den USA, weil Donald Trump gedroht hat, dass sonst andere Schritte folgen. Von daher ist sie in einer sehr schwierigen Situation, und die nächsten Tage oder Wochen werden zeigen, in welche Richtung dieser Balanceakt geht und ob er funktioniert oder nicht.

Zur Person: Sabine Kurtenbach

Sabine Kurtenbach ist Lateinamerikaexpertin und Präsidentin des Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien.

“Offensichtlich kann man mit Rodríguez reden”

tagesschau24: Wer ist Rodríguez eigentlich politisch und worin unterscheidet sie sich gegebenenfalls von Maduro?

Kurtenbach: Rodríguez war lange Zeit die rechte Hand von Nicolás Maduro. Sie kommt aus dem System. Sie war Außenministerin, sie ist Vizepräsidentin. Sie ist auch Ölministerin. Das ist wahrscheinlich das, was sie für Trump sehr attraktiv macht. Sie galt immer als eine konziliantere Person, die eher auf Gespräche setzt.

Sie soll im Dezember schon mit der US-Regierung gesprochen haben und sich als Alternative zu Maduro angeboten haben. Und insofern ist sie offensichtlich jemand, mit der man reden kann. Aber sie muss eben auch gleichzeitig sehen, dass sie die eigenen Leute bei der Stange hält. Das Militär hat sich gestern hinter sie gestellt. Auch die anderen drei starken Personen aus der Führungsriege stehen hinter ihr.

Das ist ihr Bruder Jorge Rodríguez, das ist Verteidigungsminister Padrino López und Innenminister Diosdado Cabello. Aber die Frage ist, wie lange das hält. Und das ist für Rodríguez schon ein Balanceakt.

“Für die Opposition ein Schlag ins Gesicht”

tagesschau24: Viele Venezolanerinnen und Venezolaner haben mit der Absetzung Maduros erst mal vielleicht Hoffnung verbunden. Inwiefern muss Rodríguez diese Erwartungen dämpfen beziehungsweise vielleicht sogar unterdrücken, um Ruhe und Ordnung zu sichern?

Kurtenbach: Salopp formuliert muss sie da gar nichts machen, das hat Trump für sie gemacht. Er hat das Wort Demokratie am Samstag bei seiner Pressekonferenz ja überhaupt nicht in den Mund genommen. Er hat lediglich gesagt, es werde irgendwann, wenn die Lage oder die Zeit reif ist, eine Transition geben, hat aber nicht gesagt, wohin. Das ist natürlich für die Opposition und insbesondere für María Corina Machado ein Schlag ins Gesicht.

“Machtpoker kann sich für beide Seiten auszahlen”

tagesschau24: Trump spricht von einer möglichen Zusammenarbeit mit Rodríguez. Sie selbst lehnt aber die US-amerikanische Militäraktion klar ab. Wie realistisch ist diese Zusammenarbeit überhaupt?

Kurtenbach: Die Frage ist, ob sich der Pragmatismus auf beiden Seiten durchsetzt. Trump geht es um den Zugriff auf die Ressourcen, insbesondere aufs Öl. Das hat er sehr klargemacht mittlerweile. Und wenn das für Rodríguez und den Rest der Maduro-Machtelite dazu führt, dass sie entweder an der Macht bleiben oder aber dass sie zumindest Garantien kriegen, dass sie für das Vergangene nicht vor Gericht gezerrt werden oder nicht bestraft werden, kann es durchaus sein, dass sich da der Machtpoker für beide auszahlt.

“Für Demokratie und Menschenrechte nicht zuträglich”

tagesschau24: Was bedeutet das Ganze für die Region insgesamt, zum Beispiel auch für Kolumbien? Wie groß ist die Gefahr, dass sich die USA da künftig stärker in Lateinamerika einmischen?

Kurtenbach: Für die Region ist es eine nackte Katastrophe, weil es zum einen die Polarisierung zwischen “rechten” und “linken” Regierungen verstärkt. Die regionale Integration und Kooperation werden dadurch sehr stark gefährdet. Zum anderen ist es eine Rückkehr in die Vergangenheit, wo eigentlich niemand hinwollte: dass die USA sagen, wo es langgeht, Regierungen nach Gusto absetzen oder fördern oder nicht fördern.

Wir haben es ja schon gesehen: In Honduras hat sich Trump massiv eingemischt, ebenso bei den Wahlen in Argentinien. Und er wird das wahrscheinlich auch in Kolumbien tun. Das ist für das Thema Demokratie und Menschenrechte in der ganzen Region nicht zuträglich, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Das Gespräch führte Tim Berendonk, tagesschau24. Für die schriftliche Form wurde das Interview leicht angepasst.

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