Australien verbietet Social Media für Unter-16-Jährige – und plötzlich ist wieder Zeit | ABC-Z

Es ist ein Bild, das sich Astrid Lindgren nicht schöner hätte ausmalen können: Zwei Mädchen im besten Social-Media-Verbotsalter stehen auf einer Brücke über den pittoresken Huon River im Süden Tasmaniens und angeln, Forellen wahrscheinlich.
Sie tun es mit der Geduld und Genauigkeit, die diese Beschäftigung verlangt, werfen die Angeln mit präzisem Schwung aus, kontrollieren immer wieder die Köder und scheinen gerade mit nichts zufriedener zu sein als mit ihren Fischen und ihren Ruten. Es ist ein Bild, wie man es pausenlos in Australien sieht – dem ersten Land der Erde, das ein kategorisches Verbot der Social-Media-Nutzung für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren beschlossen hat. Im Dezember war das.
Auch ohne Selfie kann man sich selbst genug sein
Noch sei es zu früh, über Sinn und Nutzen dieses radikalen Schritts zu urteilen, noch könne niemand die Auswirkungen auf die Psyche der Kinder abschließend beurteilen, heißt es im Australien dieser Tage immer wieder, man müsse erst die wissenschaftlichen Studien abwarten. Und oft ist auch die Rede davon, wie leicht das Verbot zu umgehen sei und dass ein Fünftel der Heranwachsenden heimlich Instagram, Snapchat oder Tiktok nutzten.
Die Wissenschaft produziert Zahlen, das Leben Wirklichkeiten, und das, was man auf einer Reise durch Australien sieht, spricht die klarste Sprache der Vernunft: Am Flughafen von Melbourne wartet eine Familie auf den Abflug, und die Kinder spielen am Gate so ausdauernd Fangen und Verstecken, dass sie gar nicht mitbekommen, wie die Zeit vergeht.
In den Parkanlagen, die das Zentrum von Adelaide wie ein grüner Wall umschließen, verwandeln Hunderte von Jungs am Sonntagvormittag den Rasen in improvisierte Fußball- und Cricket-Felder und denken am Spielfeldrand an nichts anderes, als ihre Mannschaft anzufeuern. In den Straßen und Cafés der Innenstadt sieht man lauter Gruppen schnatternder Mädchen, die sich auch ohne Selfie selbst genug sind.
In den Weingütern des Barossa Valley toben Väter übermütig mit ihrem Nachwuchs, die einen beschwingt vom Shiraz, die anderen von ihrer neu gewonnenen Freiheit. Wir sehen junge Menschen beim Lesen von Büchern in der Öffentlichkeit, ein Anblick, der uns groteskerweise seltsam unvertraut erscheint. Und bei unserem Bootsausflug zu den sturmumtosten Klippen im äußersten Süden von Bruny Island sind die jugendlichen Besucher die einzigen an Bord, die nie ihr Handy zücken – ganz so, als hätten sie sich schon von ihm entwöhnt.
Die Erwachsenen hingegen, uns eingeschlossen, hängen ständig an dem Ding und beschämen sich selbst. Irgendwann tun wir es den Kindern und Jugendlichen gleich, legen die lästige Verführung beiseite, schauen ihnen beim Angeln, Spielen, Toben zu, denken an die triste Handy-Tyrannei deutscher Schulhofpausen, an diese freiwillige Versenkung der kindlichen Phantasie im digitalen Abgrund, und fragen uns kopfschüttelnd das Offensichtliche, das Selbstverständlichste. Felix Australia!





















