Ausstellung in Albertina Wien über Care: Sie schrubbten sich in den kunsthistorischen Kanon hinein | ABC-Z

Neun Reinigungskräfte, die sich um die Sauberkeit im Bürogebäude des Energieunternehmens Verbund sorgen, waren zur Eröffnung der Ausstellung „Care Matters“ eingeladen. Sie und ihre Instandhaltungsarbeit, ohne die große Umsätze ebenso wenig zu machen wären wie große Kunst, werden selten wirklich wahrgenommen. Es ist eine nette Geste, die inhaltlichen Auseinandersetzungen aus den künstlerischen Arbeiten, die derzeit in der Wiener Albertina, einem der renommiertesten Kunstmuseen in Österreich, zu sehen sind, zumindest symbolisch auch in den Sozialraum zu transferieren und sichtbar zu machen.
Dass die Arbeiterinnen dadurch nicht mehr Lohn erhalten oder sozial besser gestellt werden, ist der Kuratorin selbstverständlich klar. Seit 2004 leitet die Kunsthistorikerin Gabriele Schor die Sammlung Verbund, die wie keine andere für die Aufarbeitung und Repräsentation feministischer Kunst steht. Der Ausstellung „Care Matters“, die im Wesentlichen aus Arbeiten von Schors Sammlung besteht, gelingt es sehr gut, die Thematisierung der Care-Frage in der bildenden Kunst über fünf Jahrzehnte hinweg nachvollziehbar zu machen.
Mit diesem Fokus auf Care in der Kunst unterscheidet sich die Albertina-Schau auch von inhaltich verwandten Ausstellungen wie „Care! Wenn aus Liebe Arbeit wird“ im Hamburger Museum der Arbeit (bis 3. 5. 2026), die eher sozialhistorisch und gegenwartsanalytisch vorgeht und in der die Kunstwerke nur am Rande eingestreut werden. Die Fokussierung auf Kunst in der Albertina führt ihrerseits dazu, dass partizipative Bezugnahmen auf kollektive Kämpfe sowie auf queerfeministische Debatten der Gegenwart eher randständig sind.
„CARE MATTERS“. Albertina Wien, bis 28. Juni
Am Anfang war die Küche
Schon seit den 1960er Jahren thematisierten feministische Künstlerinnen die gesellschaftliche Bedeutung der Reproduktionsarbeit. Care in seiner Doppelbedeutung von Sich-Sorgen-Machen und Sorgetragen, also mental-affektiver und praktischer Tätigkeit, wurde häufig ins Bild und mit dem Kunstschaffen selbst in Beziehung gesetzt.
Im ersten Raum der Ausstellung steht die Küche als Ort im Vordergrund, auf den Frauen in patriarchalen Verhältnissen immer wieder verwiesen werden. Dass hier die „Hausfrauen-Küchenschürze“ (1975) von Birgit Jürgensen (1949–2003) den Anfang macht, in der das Haushaltsgerät Ofen gleich an den Körper montiert wird, und die Ausstellung unter anderem mit einer Fotoserie von Marlene Haring endet, die 2006 mit dem Birgit-Jürgensen-Preis ausgezeichnet wurde, ist eine schöne Klammer. In Harings Fotos ist eine Küche zu sehen, in der niemand mehr feststeckt und bloß massenhaft Spaghetti aus allen Schränken und Laden quillen.
Überhaupt arbeitet die Ausstellung viel mit noch direkteren Bezügen zwischen den 1970er Jahren und heute: Vor dem kleinformatigen Schwarzweißfoto namens „Der Hausmeister und sein Schatten“ (1973) von Margot Pilz liegt wuchtig die Frauenskulptur „Liegender weiblicher Akt“ (2024) von Nicole Wermer, die dieses Schattendasein der auf dem Foto kaum sichtbaren Hausmeistersgattin längst hinter sich gelassen hat.
Mierle Laderman Ukeles hat sich 1969 mit ihren Instandhaltungsarbeiten (Maintenance Art), dem Polieren von Vitrinen und Wischen von Museumsböden, längst in den kunsthistorischen Kanon geschrubbt. Man stolpert trotzdem fast über den auf dem Boden platzierten gelben Aufsteller, der hier nicht vor Rutschgefahr warnt, sondern auf „Invisible Worker Here“ („Caution!“, Kelly O’ Brian, 2026) hinweist. Die Ausstellung bietet so die Möglichkeit, bei allen Kontinuitäten der ungleich verteilten Care-Arbeit auch die Brüche in den künstlerischen Bearbeitungen des Themas zu beobachten.
Internationale Arbeitsteilung
Was in den 1970er Jahren in feministischen Arbeiten aus Westeuropa und Nordamerika jedenfalls noch kaum thematisiert wird, dem widmet die Ausstellung jetzt einen ganzen Raum: die internationale Arbeitsteilung der Care-Arbeit. Manchmal müssen Zusammenhänge dann vielleicht auch so plakativ ins Bild gesetzt werden wie in den großformatigen Doppelporträts von Natalia Iguiñiz Boggio („La Otra“, 2001/2026). Sie zeigen je eine indigene Angestellte und ihre (weiße) Chefin, um noch einmal deutlich zu machen, dass die Arbeit der einen auf der Arbeit der anderen beruht.
Auch mit dem Foto(selbst)porträt einer Schwarzen Frau in der Dienstkleidung einer Hausangestellten, die ein Superman-Kostüm näht, verbindet die südafrikanische Künstlerin Mary Sibande ziemlich deutlich die Kritik am Geschlechterregime mit jener am Fortleben von rassistischen Apartheidstrukturen.
Hausarbeiterin und Hausherrin, „Charo y Rosario“ von Natalia Iguiñiz Boggio, aus der Serie „La Otra“, 2001
Foto:
© Natalia Iguiñiz Boggio; Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien
Dass ethnische Zuschreibung und Geschlecht ineinander verwoben sind, kommt bei den Themenkomplexen Elternschaft, Alter und Widerstand, denen ebenfalls einzelne Räume gewidmet sind, vielleicht manchmal etwas kurz. Eine Themenausstellung allerdings, die sehr unterschiedliche künstlerischen Ansätze unter einem gemeinsamen Motto wie Care vereint, kann auch nicht alles leisten.
Der Anspruch jedenfalls, verschiedene Facetten feministischer Beschäftigung mit der Reproduktionsarbeit in der Kunst zu zeigen, wird zweifellos sehr anschaulich erfüllt. Dabei wird es für das nicht unbedingt als hyperfeministisch verschriene Albertina-Publikum sicherlich noch mehr Irritationsmöglichkeiten geben als das gelbe Caution!-Schild auf dem Museumsparkett.





















