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Kreativer Kampf gegen das Ladensterben in der Region München – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Auch der Lichterglanz der Weihnachtsmärkte im Advent konnte nicht darüber hinwegtäuschen: Dem Einzelhandel geht es nicht gerade glänzend. In den Innenstädten sieht man zunehmend leere Schaufenster, weil wieder einmal ein Ladeninhaber aufgegeben hat, dafür steigt gefühlt die Zahl der Nagelstudios, Barbershops und Snackautomaten-Läden. Dieser Eindruck drängt sich bisweilen jedenfalls auf, auch in der Region rund um München. Die Gründe für Geschäftsaufgaben und Leerstand sind vielfältig: Die Einzelhändler stehen in harter Konkurrenz zum Online-Handel, sie müssen hohe Mieten bezahlen, die Betriebskosten sind durch Inflation und Energiekrise gestiegen. Mit diversen Aktionen versucht man in den Kommunen, einer Verödung der Innenstädte entgegenzuwirken.

Im Süden von München gibt es seit zwei Jahren den Innenstadt-Freitag, den Koordinator André Liebe, Gewerbevereine und Wirtschaftsförderer im Oberland ins Leben gerufen haben. Elf Innenstadt-Initiativen aus fünf Landkreisen schlossen sich zusammen, um an jedem ersten Freitag im Monat – von April bis Oktober – einen Aktionstag zu veranstalten: in allen Orten, zur gleichen Zeit, unter dem gleichen Motto.  Die Themen reichen von „das Oberland blüht auf“ über „Urlaubsfeeling dahoam“ bis zur Einstimmung aufs Oktoberfest.

André Liebe ist der Projektkoordinator des Innenstadt-Freitags. (Foto: Klaus Schieder)

Ob dies für die Einzelhändler etwas bringt? Wäre das Ziel, dass sie einfach nur mehr Umsatz machen, würde Andreas Munkert die Frage mit einem klaren Nein beantworten. „So was kann man nicht erfüllen“, sagt der Vorsitzende des Unternehmervereins „Wir für Tölz“. An den billigeren Waren der Online-Anbieter oder den hohen Mieten ändern schließlich auch Aktionstage nichts.

Aber der Innenstadt-Freitag hat für Munkert einen anderen Effekt:  „Wenn es darum geht, Unternehmerinnen und Unternehmer zusammenzubringen, dann war es eines der erfolgreichsten Veranstaltungsformate der letzten Jahrzehnte.“ Immerhin hätten die Aktionstage, die von Garmisch bis nach Bad Wiessee stattfinden, in Bad Tölz etwa 80 Einzelhändler miteinander in Kontakt gebracht, hinzu kämen noch Vereine. „Dass jetzt alle an einem Strang ziehen, das hat sich erfüllt.“

Obwohl die Fußgängerzone in Bad Tölz nicht zuletzt wegen der Tagestouristen gut besucht ist, kommt es immer wieder zu Leerständen.
Obwohl die Fußgängerzone in Bad Tölz nicht zuletzt wegen der Tagestouristen gut besucht ist, kommt es immer wieder zu Leerständen. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Bad Tölz hat einen Vorteil: Die Fußgängerzone mit ihren prächtigen Bürgerhäusern lockt viele Tagestouristen und Wohnmobil-Gäste an, die auch mal einkaufen gehen. Die Zielgruppe des Innenstadt-Freitags ist in der Kurstadt jedoch eine andere: „Da kommen Leute, die sonst eher nicht in die Innenstadt gehen“, sagt Munkert. Ihnen müsse man ein Gesamterlebnis bieten. Der Sporttag, bei dem sich die örtlichen Vereine präsentierten, sei von vielen privaten Kontakten geprägt. Und wenn ein Kinderchor singe, seien auch alle Eltern dabei. „Das sind dann 150 Leute, die sind dann schon mal da.“  Das Angebot müsse also nicht immer etwas Hochkarätiges oder „eine Riesenfeier wie die ‚Weißen Nächte‘“ sein.

Geretsried hat keine historische Fußgängerzone, dafür ein neues Stadtzentrum. „Wir sehen uns nicht als Altstadt, sondern als Neustadt“, sagt Rudi Utzinger vom Gewerbeverein „Procit“. Der neugestaltete Karl-Lederer-Platz ist autofrei, die Kunden können in der Tiefgarage parken, der Weg zu den Geschäften ist kurz. Im Zentrum gebe es derzeit keinen Leerstand, sagt Utzinger. Wohl auch deshalb, weil der Aldi und das Isar-Kaufhaus an der angrenzenden Egerlandstraße für die nötige Kundenfrequenz sorgen. Trotzdem nimmt auch Geretsried am Innenstadt-Freitag teil: „Er hat einen neuen Impuls gebracht“, sagt Utzinger, der seit vielen Jahren ein Sportgeschäft betreibt.

Das Stadtzentrum von Geretsried wurde neu gestaltet. Die Kunden haben kurze Wege von der Tiefgarage zu den Geschäften.
Das Stadtzentrum von Geretsried wurde neu gestaltet. Die Kunden haben kurze Wege von der Tiefgarage zu den Geschäften. (Foto: Hartmut Pöstges)

Anders als Munkert sagt der Vorsitzende des Geretsrieder Gewerbevereins, dass der Aktionstag durchaus mehr Geld in die Kassen der Einzelhändler spüle. Vor allem aber habe man glücklichere Kunden, die sich freuten, wenn sie Rabatte für Blumen im Frühjahr oder ein Wiesn-Herz im Herbst bekämen. Der Gewerbeverein sei mit dem Innenstadt-Freitag zufrieden: „Das ist eine zusätzliche Attraktion.“

Und noch etwas bietet das Projekt den Ladeninhabern: Sie konnten erstmals an einem E-Learning-Seminar teilnehmen und lernen, wie sich ihr Geschäft in den sozialen Medien besser präsentieren könne. Daran hätten sich 15 Geschäfte aus Bad Tölz beteiligt, berichtet Munkert. Auch Einzelhändler aus Geretsried absolvierten die Schulung. Rudi Utzinger selbst betreibt schon fünf Online-Shops. Das sei „das tägliche Brot in der heutigen Zeit“, sagt er. Der Verkauf und die Informationen für die Kunden müssten auch im Internet stattfinden. „Es ist von Vorteil, da sichtbar zu sein.“

„Stiefelabenteuer“ in den Lieblingsläden in Germering

Vernetzung untereinander und bessere Sichtbarkeit durch Werbemaßnahmen, das sind für Katrin Schmidt die größten Vorteile der „Lieblingsläden“ in Germering. Schmidt, Mit-Inhaberin der Buchhandlung „Lesezeichen“, war eine der Initiatorinnen. Sichtbarkeit schaffen viele, über das Jahr verteilte Aktionen. In der Adventszeit gab es das „Stiefelabenteuer“ – 150 Kinder geben am 1. Dezember einen geputzten Stiefel an einer Hütte am Christkindlmarkt ab. Der wird dann gefüllt mit einem Spielzeug und Süßigkeiten, und am Tag vor Nikolaus können sich die Kinder, natürlich samt ihren Eltern, in den teilnehmenden Geschäften auf die Suche nach ihrem Stiefel machen.

Das ganze Jahr über sind Gutscheine für die Lieblingsläden zu haben, die Schmidt zufolge gerne verschenkt werden. Gerade werde ein Kino-Werbefilm erstellt, und es gibt Banner, die an den Ortseingängen auf die Lieblingsläden hinweisen. „Ich bin mir sehr sicher: Als einzelner Laden bekäme man die Reichweite und die Aufmerksamkeit nicht“, sagt Schmidt, und schon gar nicht für den Preis.

Die Germeringer Lieblingsläden sind am stilisierten Herz und dem Schriftzug auf der Eingangstür zu erkennen.
Die Germeringer Lieblingsläden sind am stilisierten Herz und dem Schriftzug auf der Eingangstür zu erkennen. (Foto: Katrin Schmidt)

Sie ist überzeugt, dass das Projekt dem Ladensterben in der Innenstadt entgegenwirkt, und macht das an zwei Tatsachen fest: Zum einen würden immer mehr Gutscheine verkauft, auch weil man die im Internet herunterladen könne, wenn man kurzfristig ein Geschenk brauche. Und zum anderen erhalten die Lieblingsläden als „Leuchtturmprojekt“ auch acht Jahre nach dem Start immer noch Geld von der Städtebauförderung.

„Das freut mich sehr“, sagt Schmidt. Denn es stecke viel ehrenamtliche Arbeit in dem Projekt, aber auch Unterstützung durch das Germeringer Stadtmarketing. „Allein die Implementierung des Gutscheins war ein Riesenkraftakt.“ Die Kooperation begann mit 13 Mitgliedern 2017, einige sind seither dazugekommen, einige auch wieder abgesprungen. Wer mitmacht, zahlt einen Jahresbeitrag. Dabei sind neben der Buchhandlung unter anderem ein Feinkostgeschäft, zwei Metzgereien, ein Wirtshaus, Bekleidungsgeschäfte und sogar eine Apotheke sowie ein Reisebüro.

Mit der Erding-Card wurden Gutscheine im Wert von einer Million Euro verkauft

Eine Erfolgsgeschichte ist auch aus Erding zu vermelden. Die Interessensgemeinschaft Ardeo Netzwerk Erding hat das regionale Gutscheinsystem Erding-Card im August 2023 gestartet und kürzlich darüber informiert, dass mit einer Million Euro an verkauften Gutscheinen ein „neuer Meilenstein“ erreicht wurde. Mehr als 40 Erdinger Geschäfte und Lokale, Apotheken, Friseure und auch das Kino, mehrheitlich in der Innenstadt, akzeptieren die Karte laut Ardeo mittlerweile als Zahlungsmittel. Auf das jeweilige Exemplar kann ein beliebiger Geldbetrag geladen werden. Damit können Kundinnen und Kunden in den Akzeptanzstellen bargeldlos bezahlen. Die lokale Gutschein-Karte gibt es in ausgewählten Betrieben zu kaufen.

Mehr als 40 Geschäfte in Erding beteiligen sich am Gutscheinsystem Erding-Card.
Mehr als 40 Geschäfte in Erding beteiligen sich am Gutscheinsystem Erding-Card. (Foto: Renate Schmidt)

Der große Erfolg liegt laut Sina Hoeffinghoff, die bei Ardeo die Erding-Card verwaltet, auch darin, dass die Karte zunehmend von Arbeitgebern genutzt wird. Die Erding-Card ermöglicht Beschäftigen einen monatlich steuer- und sozialabgabenfreien Betrag von bis zu 50 Euro, der ausschließlich in Erding einlösbar ist. So bleibe das Geld bei lokalen Anbietern in der Stadt, sagt Hoeffinghoff.  Trotz zunehmend schwieriger Rahmenbedingungen sei Erding „eine schöne, attraktive Stadt“, die auch weiterhin beste Perspektiven hat, erklärte erst jüngst Leopold Gruber, Vorsitzender von Ardeo, in der Jahreshauptversammlung. Leerstände gibt es in der von bunten Häuserfassaden gesäumten Innenstadt so gut wie keine.

Der Werbering Grafing organisiert die „Nacht der Tracht“

Auch in Grafing passiert viel, um die Innenstadt attraktiv zu erhalten. Daran hat der Werbering, ein Zusammenschluss von 95 Geschäftsleuten, großen Anteil. 2022 etwa, nach dem Ende der Pandemie, ersann der er die „Nacht in Tracht“, um Leute wieder in die Stadt zu locken und ihnen ein Einkaufserlebnis der besonderen Art zu bieten. Die Innenstadt wurde gesperrt, der Burschenverein baute eine Bar auf, die Stadtkapelle und die Goaßlschnalzer trugen ein zünftiges Unterhaltungsprogramm bei – und die Menschen strömten gerne und in Tracht gewandet zum Shopping. Auch an der Organisation des ersten Grafinger Kinder- und Jugendtags war der Werbering im vergangenen Jahr beteiligt.

Ludwig Bitto ist Vorsitzender des Werbering Grafings.
Ludwig Bitto ist Vorsitzender des Werbering Grafings. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wenn man allerdings Ludwig Bitto, den Vorsitzenden des Werberings, zu den verschiedenen Aktivitäten befragt, klingt er auch ein bisschen bitter. Denn man habe in jüngster Zeit auch einige Pläne aufgrund mangelnder Beteiligung wieder begraben oder Veranstaltungen absagen müssen, sagt er. Wenn die Geschäftsleute nicht einen unmittelbaren Nutzen für sich sähen, ließen sie sich schwer motivieren: „Wir hatten neulich einen Unternehmerstammtisch, da waren wir zu zweit“, erzählt Bitto. Generell beteilige sich oft nur eine Handvoll Aktiver tatsächlich an der Arbeit, weshalb man schauen müsse, wie es weitergehen könne.

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