Archäologie: „Neue Erkenntnisse“ – wie Vogelkacke ein Königreich mächtig und reich machte |ABC-Z

Welche Ressourcen Gesellschaften zu Reichtum und Macht verhalfen, war in der Geschichte vielfältig. Aus Grabbeilagen konnten Forscher nun rekonstruieren, wie ein Königreich in den Anden durch Kot reich wurde.
Vogelkot war einer neuen Studie zufolge einst der Motor für den Aufstieg eines mächtigen Königreichs. Der sogenannte Guano habe das Küstenvolk der Chincha zu einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Gesellschaften vor der Inka-Zeit gemacht, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal „PLOS One“. „In den alten Andenkulturen war Dünger Macht“, erklärte Hauptautor Jacob Bongers von der University of Sydney.
Guano ist ein natürliches Düngemittel aus den getrockneten Exkrementen von Seevögeln oder Fledermäusen mit hohem Gehalt an Stickstoff, Phosphor und anderen Nährstoffen. „Guano steigerte die Maisproduktion dramatisch“, so Bongers. „Und dieser landwirtschaftliche Überschuss trug entscheidend zur Wirtschaft des Chincha-Königreichs bei, förderte dessen Handel, Wohlstand, Bevölkerungswachstum und regionalen Einfluss und prägte dessen strategische Allianz mit dem Inka-Reich.“
Das Chincha-Königreich war eine präkolumbianische Kultur an der Pazifikküste im heutigen Peru. Der mächtige Küstenstaat blühte mit zeitweise wohl mehr als 100.000 Einwohnern von etwa 1000 bis 1400 nach Christus im Chincha-Tal südlich von Lima. Im Zuge der spanischen Eroberung brach die Bevölkerung durch Krankheiten und Unruhen komplett ein, die Kultur verlor rasch an Bedeutung.
„Wir wissen, dass die Chincha außerordentlich wohlhabend und eine der mächtigsten Küstengesellschaften ihrer Zeit waren“, sagte Bongers. „Aber worauf beruhte dieser Wohlstand?“ Zur Klärung analysierte das Team die biochemischen Eigenschaften von 35 Maisproben aus Grabstätten im Chincha-Tal. Gefunden wurden außergewöhnlich hohe Stickstoffwerte, die weit über die für die Region typischen natürlichen Bodenbedingungen hinausgingen. Dies deute stark darauf hin, dass die Pflanzen mit Seevogel-Guano gedüngt wurden, der reich an Stickstoff ist.
„Der Guano wurde höchstwahrscheinlich von den nahe gelegenen Chincha-Inseln gewonnen, die für ihre reichhaltigen und hochwertigen Guano-Vorkommen bekannt sind“, sagte Bongers. Aus Schriften aus der Kolonialzeit gehe hervor, dass Menschen aus Gemeinden an der Küste Perus und im Norden Chiles mit Flößen zu mehreren nahe gelegenen Inseln segelten, um Seevogelkot als Dünger zu sammeln. Die Hinterlassenschaften stammen demnach von Arten wie Guanokormoran, Guanotölpel und Chilepelikan.
Die Forscher untersuchten zudem alte Darstellungen von Seevögeln, Fischen und Mais auf Textilien, Töpferwaren, Wandschnitzereien und Gemälden der Region. Sie liefern demnach einen weiteren Beweis dafür, dass Seevögel und Mais in den alten Gesellschaften eine kulturelle Bedeutung hatten. Zusammen bestätigen die Analysen, dass Guano von indigenen Gemeinschaften seit spätestens 1250 nach Christus bewusst gesammelt und als Dünger verwendet wurde, hieß es.
Landwirtschaft sei an der Küste Perus wegen der sehr trockenen, Nährstoffe schnell verlierenden Böden eine Herausforderung, erläutert das Team. Mit dem Guano von vorgelagerten Inseln als Dünger konnten die Küstenbauern im Chincha-Tal Mais – eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel Amerikas – in Hülle und Fülle anbauen. Das wiederum habe dem Volk der Chincha eine bedeutende Rolle im Küstenhandel ermöglicht.
„Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Guano für den Erfolg des Chincha-Königreichs von zentraler Bedeutung war“, meint Bongers. Das maritime Wissen und der Zugang zu den Chincha-Inseln habe dabei eine strategische Rolle gespielt.
Denn: Größtes Reich Amerikas war vor der Ankunft der Europäer das der Inka im Hochland der Anden. Sie seien bekannt für ihre Vorliebe für Mais, aus dem sie fermentiertes Bier – „Chicha“ genannt – für wichtige Zeremonien herstellten, erklären die Forscher. Viel Mais hätten sie in der hoch gelegenen Gegend aber nicht anbauen können – und segeln auch nicht. In den diplomatischen Vereinbarungen zwischen Inkas und Chincha-Gemeinschaften sei Guano als begehrte Ressource darum mit entscheidend gewesen, sagte Bongers.
Das Chincha-Reich verschwand – doch viele Jahre später war es erneut der Guano, der die Region erblühen ließ: Alexander von Humboldt hatte 1804 Proben peruanischen Guanos nach Europa gebracht, wo Analysen seinen außergewöhnlichen Nährstoffgehalt zeigten. Ab 1840 explodierte der Export aus Peru, Guano wurde als „weißes Gold“ bezeichnet. Peru wurde reich, in der europäischen Landwirtschaft gab es massive Ertragssteigerungen.
Seit 1913 ermöglichte dann allerdings Fritz Habers Ammoniaksynthese – das bis heute verwendete Haber-Bosch-Verfahren – die großskalige Herstellung synthetischer Dünger, die günstiger und unbegrenzt verfügbar waren. Der Guano-Handel brach komplett ein. Heute gibt es wieder eine – wenn auch weitaus geringere – Nachfrage: durch den Bio-Landbau.
Annett Stein mit dpa/lpi





















