Kultur

Antisemitismus befürchtet: Prüfstand für die Gesinnung | ABC-Z

Basma al-Sharif: Seit ihrem umstrittenen Auftritt an der Kunstakademie Düsseldorf Anfang 2026 ist die palästinensisch-US-amerikanische Filmemacherin für deutsche Kulturveranstalter Gift.

Al-Sharif stehe der israelkritischen Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) nahe, heißt es, schüre Antisemitismus, distanziere sich nicht deutlich von der Gewalt der Hamas. Ein hartes Framing.

Das Osnabrücker European Media Art Festival (Emaf), das Ende April beginnt, gibt Al-Sharif trotzdem Raum. Es zeigt ihren Kurzspielfilm „Morgenkreis“, der sehr empfindsam von Integration und Verlust handelt.

Die Folgen fallen unter die Rubrik Cancel Culture: Die Stadt Osnabrück straft ihr international renommiertes Festival mit Distanzierung. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hat seine Schirmherrschaft widerrufen.

Hier wird eine Weltanschauung bewertet

„Morgenkreis“ steht dabei nicht in der Kritik. Es geht um Al-Sharifs politische Positionierung in Social-Media-Posts, sämtlich durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Hier greift also keine Werkdiskussion, hier wird eine Weltanschauung bewertet.

Al-Sharifs Haltung stehe „im Widerspruch zu den Werten der Stadt Osnabrück“, schreibt Arne Köhler der taz, Sprecher der Stadt. Die Verantwortung für die Programmauswahl liege allein bei der Festivalleitung. „Die Stadt respektiert diese Unabhängigkeit, distanziert sich jedoch ausdrücklich von der inhaltlichen Entscheidung.“ Ein Eingriff in die Kunstfreiheit lasse sich daraus nicht ableiten.

„Kunst- und Meinungsfreiheit sind für mich ein hohes Gut“, sagt Osnabrücks Kulturdezernent Wolfgang Beckermann der taz. „Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Festivalleitung auf Al-Sharifs Beitrag verzichtet. Die Gefahr ist ja, dass so Narrative entstehen, die den Antisemitismus fördern.“

Wie Wolfram Weimer aufzutreten, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, der jüngst drei politisch linke Buchhandlungen von der Preisträgerliste des Deutschen Buchhandelspreises strich, liege ihm fern, betont Beckermann.

Es hat Ironie, dass wir gewissermaßen mit Ansage unser eigenes Beispiel werden

Katrin Mundt, künstlerische Leiterin des Emaf

Die rund 150.000 Euro pro Jahr, mit denen die Stadt Osnabrück das Emaf fördert, stehen daher nicht auf der Kippe – bisher. „Die kritische Haltung der Stadt in diesem konkreten Fall“, betont Stadtsprecher Köhler, bestehe „völlig unabhängig von der laufenden Förderung“.

„Leider geht in dieser aufgeheizten Diskussion verloren, dass der Themenschwerpunkt des Festivals, ‚An Incomplete Assembly‘, genau diese Prozesse adressiert“, sagt Katrin Mundt, die Künstlerische Leitung des Emaf, der taz.

„Wir fragen in ihm: Welche Verantwortung haben Kunst- und politische Institutionen, wenn es um die Kunstfreiheit geht? Wo müssen wir sagen: Finger weg, das ist unser Programm, das ist unser Gast, und den laden wir nicht aus?“ Mundt bitter: „Es hat Ironie, dass wir gewissermaßen mit Ansage unser eigenes Beispiel werden.“

Dass es heiße, das Emaf habe Al-Sharif klandestin ins Programm genommen, undercover, in der Hoffnung, ein Skandal bleibe aus, sei „natürlich Unsinn“, sagt Mundt. „Wir wussten um die Dynamiken, die entstehen können.“ Aber rechtlich sei alles unbedenklich, und das Kuratorium stehe voll und ganz hinter Al-Sharifs Werk. „Seit Jahren zeigen wir ihre Filme. Und die waren nicht nur von uns ausgewählt, auch von jüdischen Israelis“, sagt Mundt.

Die Stadt habe das Emaf vorab gefragt, ob es Strittiges gebe, sagt Beckermann. Das sei verneint worden. Mundt: „Hätten wir der Stadt gesagt, hört mal, wir zeigen da einen Film von Al-Sharif, und in Düsseldorf läuft gerade ein Riesenskandal zu ihr, hätten wir jemanden als Problem markiert – aber genau dieser Dynamik wollen wir ja entgegenwirken.“

Zu Halloween mit dem Hamas-Dreieck

Das Emaf habe oft mit palästinensischen KünstlerInnen zusammengearbeitet. Es seien immer auch jüdische Positionen im Programm gewesen, israelische. „Und es gab immer friedlichen, toleranten Austausch“, sagt Mundt. „Das Schreckgespenst, dass wir Antisemitismus schüren, nur weil dieser Name im Programm steht, hat keine Grundlage.“

Man müsse mit Al-Sharifs Social-Media-Posts nicht einverstanden sein. Aber man müsse sie differenziert interpretieren. „Etwa dieses Foto, das sie an Halloween zeigt, in einem Kostüm mit aufgenähtem roten Dreieck.

Dass eine palästinensische Künstlerin sich so mit propalästinensischen Insignien zeigt, ist durchaus doppelbödig, denn zu Halloween kleidet man sich in Horrorkostüme. Das lässt sich auch lesen als: Ich weiß, dass ich für manche jetzt eine Horrorfigur bin.“ Al-Sharif sei „viel zu klug“, um solche Doppelbödigkeiten nicht mitzudenken.

Thomas Groß, in Osnabrück in der anstehenden Kommunalwahl Oberbürgermeisterkandidat für Die Linke: „Es dient nicht dem Frieden im Nahen Osten, wenn man die palästinensische Seite unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Antisemitismus weitgehend mundtot macht.“

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