Landsberg: Ein-Mann-Theater gegen Rechtsextremismus – Starnberg | ABC-Z

Nachdem „Jonas“ die Tür hinter sich geschlossen hat, herrscht zwei Minuten lang absolute Stille – was für ein voll besetztes Klassenzimmer wohl eine absolute Ausnahmesituation ist. Aber die packende Performance von Luis Lüps hat das Publikum eine gute halbe Stunde lang so in Bann geschlagen, dass es das gerade beendete Ein-Mann-Schauspiel erst mal aushallen lassen muss. Erst als der Schauspieler wieder den Schulraum betritt, braust anhaltender Applaus auf.
Bei dieser Premiere von „Deine Helden – Meine Träume“ in der Landsberger Freien Waldorfschule bleibt die eigentliche Zielgruppe noch außen vor. Anstelle zwölf- bis 18-jähriger Jugendlicher drücken dieses eine Mal vor allem Lehrer die Schulbank. Sie wohnen der Aufführung eines Stücks bei, das zur Prävention gegen Rechtsradikalismus beitragen soll. Die Dramatikerin und Schauspielerin Karen Köhler hat es vor zwölf Jahren als Auftragsarbeit für das Nationaltheater Weimar geschrieben. Der Text ist in Zusammenarbeit mit Thüringer Schülern entstanden, die in Fragebögen und Interviews Auskunft über ihre Träume, Wünsche und Ängste gaben.
Das als Klassenzimmertheater konzipierte Werk ist angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks und der AfD-Offensiven an Schulen aktueller denn je: Mit ihrer Produktion rennen die Theaterpädagogin Theresa Meidinger und Luis Lüps vom „Elle-Kollektiv“ bei Lehrern gerade offene Türen ein. Seit der Premiere fanden Vorstellungen für 13. Klassen an den Fachoberschulen in Weilheim und Landsberg statt, Meidinger und Lüps traten an Schulen in Schongau, Gröbenzell und Ismaning vor 7., 8. und 9. Klassen auf. Und im neuen Jahr sind sie schon in Starnberg, Dießen und Schongau gebucht.
Das Stück habe „durch das Aufkommen der AfD und Tiktok inhaltlich noch mal eine ganz neue Brisanz bekommen“, sagt Lüps. Entscheidendes Motiv für ihn und Meidinger sei, dass man „hier wirklich die Zielgruppe erreicht und etwas bewegen kann“. Es sei wichtig, „Menschen anzusprechen, die nicht ins Theater gehen.“ Der 39-jährige Schauspieler gehört mit Elisabeth Leistikow und Louis Panizza zu den Gründern des unter anderem mit dem SZ-Tassilo-Preis ausgezeichneten Elle-Kollektivs. Das am Westufer des Ammersees beheimatete Bühnenteam ist für seine unberechenbaren, immersiven Aufführungen bekannt, die das Publikum immer wieder verblüffen.
Gespielt wird meist vor völlig unvorbereiteten Zuschauern
Zu diesem Ansatz passt perfekt, dass „Deine Helden – Meine Träume“ in der Regel auf völlig unvorbereitete Zuschauer trifft: Lüps klopft mitten in einer Unterrichtsstunde an und tritt ins Klassenzimmer, um nach einem Brief zu suchen, den er angeblich vor 17 Jahren dort versteckt hat. Eindringlich, gestenreich und immer in Bewegung bezieht der Darsteller das Publikum mit ein, während er die Geschichte seines Protagonisten Jonas erzählt.
Wie der 13 Jahre alte Halbwaise aus lieblosem Elternhaus um Anerkennung kämpft, sich mit dem Migranten Mo anfreundet und über das Boxen Selbstbewusstsein entwickeln will. Wie Jonas allmählich in rechtsextreme Kreise gerät und deren identitätsstiftenden Ritualen erliegt, säuft und bei Nazigesängen mitgrölt, den Hitlergruß zeigt. Und schließlich seinen besten Freund verrät und tatenlos ansieht, wie die neuen Kumpanen Mo ins Koma prügeln.
Starker Stoff also, den Lüps lebhaft und mit enormer Präsenz serviert. Wenn sich schon die geladenen Pädagogen von der Vorführung tief beeindruckt zeigen, lässt sich gut ausmalen, wie das Stück erst auf unvorbereitete Jugendliche wirkt. Deshalb gehört zur Aufführung mindestens eine zweite Unterrichtsstunde, in der Meidinger das Geschehen aufarbeitet, auch ein ganzer Projekttag wird angeboten. Im Nachgespräch thematisiert die Theaterpädagogin mit den Lehrkräften Identitätssuche, gesellschaftliche Verantwortung und Verhaltensweisen wie toxische Männlichkeit und Mitläufertum.
In der Diskussion nach der Premiere trägt ein Lehrer seine Bedenken vor, alle Jugendlichen ohne Vorwarnung mit dem Stück zu konfrontieren; „krass belastete Schüler“ könnten panisch reagieren. Lüps antwortet, er wolle „im Spiel abtasten, wie weit man gehen kann und im Zweifel defensiver vorgehen“. Auf alle Fälle sei schon vorab „eine gute Kommunikation mit dem Lehrer erforderlich“, sagt Meidinger. Tatsächlich hat bei einer Aufführung eine siebte Klasse den Raum bei Lüps Erscheinen fluchtartig verlassen – sie hatten diese Reaktion einige Tage zuvor in einem Amoklauf-Training eingeübt. Die beiden Regisseure empfehlen, nicht belastbare Schüler vorab vage über das Ereignis zu informieren, Zwölf- und 13-Jährige sollten mit einem kleinen Hinweis vor einer ungewohnten Situation gewarnt werden.
Doch ganz wollen sie auf den Überraschungsmoment nicht verzichten, „weil die Irritation schnell sehr wach macht“, sagt Lüps. Es gäbe freilich auch Schüler, die „nach der Aufführung fragen, war das jetzt geplant?“, erzählt Meidinger: „Bei manchen macht’s erst nach dem Applaus Klick.“ Oft sei Erleichterung zu spüren, wenn sich die Handlung des Stücks als fiktiv erweist. Beim anschließenden Workshop habe sie „die Offenheit der Schüler und Schülerinnen überrascht“, die bereitwillig ihre Erfahrungen mit rechtem Gedankengut teilten. Ihre Produktion versetze das junge Publikum meist in Begeisterung, „auch einige Eltern haben sich explizit bedankt“. Aber vor allem bei den Lehrern sei man auf „sehr positive Resonanz getroffen“, sagt Meidinger.

Für Lüps ist es bereits das zweite Mal, dass er mit „Deine Helden – Meine Träume“ auf Tour geht: Vor zehn Jahren ist er damit in einer Koproduktion der Freilichtspiele Schwäbisch Hall und des Theaters der Stadt Aalen in etwa zehn Schulen aufgetreten. Meidinger hat am Jungen Staatstheater Braunschweig intensiv mit Jugendlichen gearbeitet, unter anderem als Konzept- und Bühnenregisseurin am internationalen Projekt „Democrisis“. Das interaktive Stück von Jules Buchholtz basiert auf Interviews von 14- bis 20-jährigen Deutschen und Rumänen zum Wert der Demokratie.
Es gelangte jedoch wegen der Pandemie nie zur Aufführung: „Eine Woche vor der Premiere schlug der Lockdown zu“, erzählt Meidinger. Seit zehn Jahren engagiert sich die Theatervermittlerin und Regisseurin als Vorsitzende der Initiative „Grins“; der gemeinnützige Verein widmet sich der Kulturförderung, Flüchtlingshilfe und Völkerverständigung. Für „Deine Helden – Meine Träume“ treten Grins und Elle-Kollektiv als Koproduzenten auf, dank der Förderung durch den Verband Freie darstellende Künste kann eine Vorstellung für 150 Euro angeboten werden.
Am Ammersee aufgewachsen
Theresa Meidinger ist am Ammersee aufgewachsen und Anfang 2022 nach zwölf Studien- und Berufsjahren in Braunschweig dorthin zurückgekehrt. „Aus familiären Gründen“, wie die Mutter zweier Kinder im Vorschulalter erklärt. Während der gemeinsamen Arbeit im Uttinger Café „Lotti Kern“, das Lüps mit seiner Partnerin Sina Setzer geführt hat, frischten er und Meidinger ihre Bekanntschaft auf. Ihre Wege hatten sich schon 2012 gekreuzt, als Lüps für zwei Spielzeiten dem Staatstheaterensemble in Braunschweig angehörte. Im Cafébetrieb haben beide überlegt, „wie wir unsere eigentlichen Berufe verbinden können“, sagt Lüps.
Zur Premiere in Landsberg habe die Autorin Karen Köhler schriftlich gratuliert, sagt Meidinger. Die Aufführung sei ein voller Erfolg gewesen: „Fast alle eingeladenen Lehrer haben uns auch in ihre Klassen eingeladen.“ Am Spielort betraten sie und Lüps übrigens vertrautes Terrain: Beide waren dort einmal Schüler.





















