Andrea Orcel: Auf der Jagd nach der Commerzbank | ABC-Z

Ein Auftritt von Andrea Orcel ist ein Ereignis. Der Römer, seit 2021 Vorstandschef der italienischen Bank Unicredit, hat eine Art, wie sie zumindest unter deutschen Bankern nur noch selten zu finden ist. Er betritt nicht einfach einen Besprechungsraum. Nein, er rauscht herein, indem er die Tür mit so viel Schwung öffnet, dass sie gegen die Wand stößt. Er grüßt nicht einfach nur freundlich. Nein, er zeigt dabei ein breites, selbstbewusstes Lachen, das sogleich klarmacht: Ich bin der Chef hier. Und den nervösen Blicken seiner Mitarbeiter nach zu folgern, kann der 62-Jährige dies seine Mannschaft auch jederzeit spüren lassen.
Wer an die biederen Auftritte deutscher Bankchefs gewöhnt ist, kann das als erfrischend empfinden. Oder als bedrohlich.
Bei der Commerzbank überwiegt letztere Einschätzung. Denn seit mittlerweile 18 Monaten versucht Orcel, die deutsche Traditionsbank zu übernehmen. Zwischendurch war es in der Sache zwar ruhiger geworden. Aber spätestens seit dem vergangenen Montag sieht das anders aus. Da nämlich gab Unicredit eine Mitteilung heraus, die im Frankfurter Commerzbank-Turm für höchste Unruhe sorgte: Unicredit plane, ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für die Bank abzugeben. Das konnte zwar niemanden wirklich erstaunen, der die Übernahmeschlacht seit ihrem Beginn im September 2024 verfolgte hatte. Damals hatte Orcel erstmals bekannt gegeben, einen substanziellen Anteil an Commerzbank-Aktien erworben zu haben, den Unicredit seitdem auf nahezu dreißig Prozent erhöht hat. Doch seit Montag haben es nun alle schwarz auf weiß: Die Italiener meinen es wirklich ernst.
Der letzte echte Investmentbanker
Bettina Orlopp, die Vorstandschefin der Commerzbank, sagte dazu in einer ersten Reaktion: Sie sei überrascht, das Vorgehen sei so nicht mit ihrer Bank abgestimmt. Dabei sollte sie nur allzu gut wissen: Orcel ist ein Mann, der sich gerne nimmt, was er möchte, und der sich nur sehr schwer davon abbringen lässt. Der Römer ist vielleicht der letzte echte Investmentbanker Europas mit allem, was dazugehört. Mit einer großen Freude am Risiko. Und mit dem unbedingten Willen, zu gewinnen. Gerade das macht ihn aus Sicht all derer, die die Eigenständigkeit der Commerzbank erhalten wollen, zu einem gefährlichen Gegner.
Denn Orcel kennt die Materie nur zu gut. Kaum jemand hat im vergangenen Vierteljahrhundert an so vielen Bankenübernahmen an führender Stelle mitgewirkt wie er. Kaum jemand hat dabei so viele Millionen an Boni verdient. Zugleich scheint aber auch kaum jemand einen Satz so ernst zu nehmen, den andere europäische Banker eher als reines Lippenbekenntnis formulieren: „Wir wollen eine echte paneuropäische Bankengruppe sein.“ Auch in den Sonntagsreden europäischer Politiker heißt es oft, der Kontinent brauche starke Banken, besonders in Zeiten, in denen sich Europa unabhängiger machen müsse von der Übermacht Amerikas. Andrea Orcel kann man abnehmen, dass ihm dies wirklich ein Anliegen ist. Überall in Europa wagt er sich an Zukäufe, um Unicredit noch größer zu machen.
In Deutschland stößt er dabei nicht nur innerhalb der Commerzbank auf Ablehnung, auch wenn es von Orlopp und ihren Vorstandskollegen nach außen immer heißt, man prüfe alles „ergebnisoffen“. Das ginge ohnehin nicht anders, das Aktienrecht verpflichtet dazu. Aber auch in der Politik ist der Widerstand groß. Aus dem Finanzministerium heißt es: „Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank.“ Die Bundesrepublik hält noch rund zwölf Prozent der Commerzbank-Aktien. Ihren Anteil hatte die Bundesregierung in Folge der Finanzkrise 2008 erworben, um die damals schwer angeschlagene Commerzbank zu stützen. Dass man die Verkaufsmöglichkeit an die Italiener so deutlich ablehnt, kann aus Sicht deutscher Steuerzahler durchaus verwundern.
Wie will Orcel diesen Widerstand brechen? Seine Strategie ließ sich in den vergangenen Tagen auf zwei Veranstaltungen unter die Lupe nehmen, auf denen er Analysten ausführlich Rede und Antwort stand. Betont gelassen ging der Unicredit-Chef da seine Optionen durch. Am Ende stand der Eindruck: Der Italiener versucht derzeit, mit einer Mischung aus Schmeicheleien und versteckten Drohungen voranzukommen.
In die Kategorie Schmeichelei gehören beispielsweise Aussagen wie: „Es ist offensichtlich, dass wir an Deutschland glauben und an den deutschen Mittelstand.“ Geschickt fügte er an dieses kleine Loblied die Aussage an, dass der zersplitterte Bankenmarkt ganz sicher nicht im Interesse Europas oder der europäischen Volkswirtschaften sei. Das hätten auch Bundeskanzler Friedrich Merz oder Finanzminister Lars Klingbeil nicht viel anders formuliert. Beschwichtigend setzte Orcel hinzu, er wolle die Pattsituation im konstruktiven Dialog auflösen. Man habe keine feindlichen Absichten.
Meister der Stichelei
Bei all dieser vermeintlichen Zurückhaltung darf man aber nicht übersehen, dass der Italiener seine Vorträge zugleich mit subtilen Drohungen garniert. Eine Kostprobe davon geht so: Wenn der Ansatz des Dialogs nicht weiterführe, „dann handeln wir“. Den Rückzug kann er damit nicht gemeint haben, denn an anderer Stelle sagte er: „Wenn wir keine Übereinstimmung erzielen, aber es die vorherrschende Meinung ist, dass wir in eine andere Richtung gehen sollten, dann sollten wir über diese andere Richtung sprechen.“ Im Klartext heißt das: Wenn es keine Einigung mit dem Commerzbank-Management gibt, will Orcel die Sache eben allein durchziehen. „Feindliche Übernahme“ nennt man so etwas im Jargon der Investmentbanker.
Dass der Italiener überdies ein Meister der Stichelei ist, hat er im vergangenen Jahr im Interview mit der F.A.S. bewiesen. Auf die Frage, ob Commerzbank-Chefin Orlopp einen guten Job mache, sagte er da: „Ich denke, es ist zu früh, etwas dazu zu sagen. Ob jemand gute Arbeit leistet, können Sie im Bankgeschäft nicht nach drei, vier Quartalen beurteilen. Das geht frühestens nach drei oder vier Jahren.“ Einer, der viele Beteiligte kennt, meint dazu: „Im persönlichen Umgang hat Andrea nicht gerade eine Masterclass in Verhandlungsführung belegt. Er hat einen Zug zur Überheblichkeit.“
Es dürfte in Mailand niemanden überrascht haben, dass Bettina Orlopp die Gesprächsofferte sogleich zurückwies. Schließlich steht Orlopp seit dem Beginn der Auseinandersetzung auf dem Standpunkt, Gespräche erst führen zu können, wenn Orcel seine Ideen zum Zusammenschluss detaillierter vorträgt. Bislang hat der Italiener dies nicht getan, allerdings immer wieder seinen Hauptpunkt klargemacht. Orcel ist überzeugt: Ein Zusammenschluss der Commerzbank mit der deutschen Unicredit-Tochtergesellschaft Hypovereinsbank, seit 2005 Teil des italienischen Konzerns, schaffe eine schlagkräftige Bank für den deutschen Mittelstand. Orlopp hält dem stets entgegen, dass Größe allein kein Wert sei und Zusammenschlüsse eine Menge Kraft kosteten, die dann an anderer Stelle fehle.
Ein taktisches Manöver
An dieser grundsätzlichen Konstellation hat sich durch die Übernahmeofferte nichts geändert. Technisch betrachtet, kommt Orcel seinem Ziel mit den jüngsten Ankündigungen aber näher. Es handelt sich nach Ansicht vieler Fachleute um ein durchdachtes taktisches Manöver, das ihm neue Optionen erschließt. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass viele Investoren Orcels Angebot annehmen werden, das nur einen leichten Aufschlag zum bisherigen Commerzbank-Aktienkurs aufwies.
Aber einige wenige werden es tun. Unicredit wird damit die Grenze von 30 Prozent der Commerzbank-Anteile überschreiten. In dieser Konstellation gibt das Übernahmeangebot Andrea Orcel und seinen Leuten neue Freiheiten: Sie können dann weitere Commerzbank-Aktien über die Börse kaufen, gewissermaßen den Druck auf Orlopp und Co. erhöhen. Ohne formales Übernahmeangebot wäre das an der 30-Prozent-Schwelle rechtlich nicht möglich gewesen.
Irritierende Siegesgewissheit
Seine mitunter irritierende Siegesgewissheit gewinnt Orcel aus der Vielzahl an Zusammenschlüssen, die er im Verlauf seiner langen Karriere schon orchestriert hat. Sein Interesse am Bankgeschäft entstand im Wirtschaftsstudium, seine Abschlussarbeit hatte ausgerechnet feindliche Übernahmen zum Thema. Gleich zu Beginn seiner Laufbahn legte Orcel als Investmentbanker bei Merrill Lynch den Keim für die Bank, die er heute leitet. Es war seine Idee, 1998 aus den zwei italienischen Banken Credito Italiano und Unicredito die größte italienische Bank Unicredit zu formen.
Was ihm in Italien gelang, schaffte er bald darauf auch in Spanien: Dort arbeitete er als Berater am Zusammenschluss zweier Institute zu BBVA mit, heute eine der führenden Banken des Landes. Schon in jungen Jahren machte sich Orcel so einen Namen in der Szene, die gerade zu Beginn des Jahrtausends durch exorbitant hohe Gehaltszahlungen von sich reden machte. Wer in alten Ranglisten der Investmentbanken stöbert, findet den Namen des Italieners immer weit oben.
Das fiel erst so richtig auf, als ein Zusammenschluss, an dem Orcel an führender Stelle mitarbeitete, einmal spektakulär schiefging. 2007 hatte er die Übernahme des niederländischen Instituts ABN Amro durch die Royal Bank of Scotland eingefädelt. In der Finanzkrise, die nur ein Jahr später ausbrach, musste ausgerechnet diese Bank vom Staat gerettet werden. Orcel habe dagegen für das Jahr einen Bonus von 38 Millionen Dollar kassiert, wie selbst das eher unternehmensfreundliche „Wall Street Journal“ mit leicht vorwurfsvollem Unterton schrieb.
Es spricht zwar für Orcel, dass er Jahre später einräumte: „Mit dem Wissen von heute hätten wir die Dinge anders gemacht.“ Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass er seine eigene Bezahlung für absolut angemessen hält.
Ein legendärer Streit
Legendär ist ein Streit, den er mit der spanischen Santander Bank vor Gericht ausfocht. Die Spanier wollten Orcel, damals in Diensten der Schweizer UBS, 2018 als neuen Vorstandsvorsitzenden zu sich holen. Die Chefposition war für den Italiener eigentlich die Erfüllung eines Lebenstraums. Er wollte allerdings nicht auf bestimmte Teile seines bisherigen Gehaltspakets verzichten. Schließlich einigte man sich – so dachten zumindest die Spanier. Orcel sah das anders, man zerstritt sich über die Vertragsdetails. Der Italiener zögerte nicht und verklagte Santander vor Gericht.
Das Verfahren erzeugte damals sogar Kopfschütteln in der Bankenbranche. Schließlich machte sich Orcel mit dieser Widerborstigkeit für andere Arbeitgeber nicht gerade attraktiv. Am Ende sprach ihm ein Gericht in zweiter Instanz sage und schreibe 43,5 Millionen Euro an Kompensation zu. „Wenn Andrea überzeugt ist, recht zu haben, macht er keine Kompromisse“, lautet ein Satz, den man häufig über ihn hört.
Es verwundert nicht, dass er auch als Chef immer wieder aneckt. Berühmt ist eine Forderung Orcels, die noch aus seiner Zeit bei der UBS stammt: 250 bis 300 Kunden-Treffen im Jahr verlangte er damals von seinen wichtigsten Mitarbeitern, was dem Hörensagen nach nicht gerade zu Begeisterung führte. Leute, die es gut mit Orcel meinen, sagen aber, er sei heute sanftmütiger geworden. Als gute Charaktereigenschaft stellen sie zudem heraus, dass sich der Italiener nicht verstellen könne. „Bei ihm weiß man immer, woran man ist.“
Ob dies wirklich so stimmt, wird sich in der Übernahmeauseinandersetzung mit der Commerzbank noch erweisen. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, hat Orcel dem früheren italienischen Finanzminister Pier Carlo Padoan zu verdanken, dem heutigen Aufsichtsratschef von Unicredit. Der lotste den Römer 2021 nach Mailand, wo Orcel selbst nach Auffassung seiner Gegner sehr gute Arbeit macht. Die Bank steht bei allen wesentlichen Kennziffern gut da, und an der Börse ist sie mit mehr als 90 Milliarden Euro fast dreimal so viel wert wie die Commerzbank und fast doppelt so viel wert wie die Deutsche Bank.
Wird Orcel nun also am Ende bei der Commerzbank Erfolg haben? Kritische Investoren weisen darauf hin, dass es vor allem darauf ankommen wird, ob er seine eigenen Aktionäre bei der Stange halten kann. Nur wenn sie an die Übernahme glauben, hat Orcel freie Hand. Von den Widerständen in Deutschland wird sich der Italiener hingegen kaum beeindrucken lassen. Auf einer Finanzkonferenz hat er das in den vergangenen Tagen so ausgedrückt: „Wenn alle sagen, dass eine Sache im Leben nicht passieren wird, dann können Sie sich sicher sein: Sie wird sehr bald passieren.“





















