Amazon, Alphabet und Cathie Wood: Platzt jetzt die KI-Blase – oder gibt es die gar nicht? | ABC-Z

Es ist eine Korrektur der besonderen Art. Rund 300 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung pulverisierten sich allein Mitte der Woche an nur einem Tag. Seitdem spielen die Kurse verrückt. Die Aktien von Oracle, Microsoft und Palantir verlieren massiv an Wert. Als Auslöser für den Crash wurde eine Erweiterung für die Künstliche Intelligenz von Anthropic ausgemacht. Dabei handelt es sich um ein Assistenzprogramm, das dabei hilft, diverse Bürotätigkeiten zu automatisieren und Aufgaben zu erledigen, für die sonst klassische Unternehmenssoftware genutzt wird.
Diese Nachricht löste eine fast panische Verkaufswelle an den Börsen aus. Einige Analysten sprachen von einer Apokalypse für Softwarehäuser, deren Kurse stark einbrachen. Die Befürchtung: Neue KI-Tools könnten vor allem Softwareunternehmen überflüssig machen. Die Märkte zwischen Gelassenheit und Panik.
„Wir befinden uns in einem Umfeld, in dem der Sektor verurteilt wird, bevor der eigentliche Prozess beginnt“, schrieb Toby Ogg, Analyst bei J.P. Morgan, mit Blick auf Software und IT. Besser als erwartet ausgefallene Ergebnisse einzelner Unternehmen reichten derzeit nicht mehr aus, um den Markt positiv zu überzeugen. „Es sei denn, es kann unwiderlegbar nachgewiesen werden, dass KI ein nachhaltiger Wachstumsmotor und nicht ein langfristiges Wachstumshemmnis ist“, schreibt er in seiner Analyse.
Nvidia-CEO will Anleger beruhigen
Auf einer KI-Konferenz versuchte Jensen Huang, der Vorstandsvorsitzende von Nvidia, nach dem Börsenschock zu beruhigen. Software sei ein Werkzeug, und es bestehe „die Vorstellung, dass die Werkzeugindustrie im Niedergang begriffen ist und durch KI ersetzt werden wird“. Das lasse sich daran erkennen, dass es eine ganze Reihe von Softwareunternehmen gebe, deren Aktienkurse unter großem Druck stünden, „weil KI sie irgendwie ersetzen wird. Das ist das Unlogischste, was es gibt, und die Zeit wird es zeigen.“
Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, betonte Huang, dass Software-Tools nach wie vor benötigt würden. Sie seien eine Art „Grundwerkzeug“. „Wenn Sie ein Mensch oder ein Roboter wären, würden Sie dann Werkzeuge verwenden oder die gleichen Werkzeuge neu erfinden?“, fragte er. „Die Antwort lautet natürlich, dass man die Werkzeuge verwendet.“ Der Beruhigungsversuch schlug fehl. Auch der Chiphersteller Nvidia gehört zu den großen Börsenverlierern der vergangenen Tage.
Platzt jetzt die Blase? Seit Monaten kreisen die Märkte um diese Frage. In ihrem „2026 Outlook“ gibt Cathie Wood, die US-amerikanische Starinvestorin, ein sehr konkretes KI‑Narrativ wieder: Sie sieht keine unmittelbar bevorstehende KI‑Blase, sondern schreibt ausdrücklich: „In our view, an AI bubble is years away!“ Die KI-Blase sei also noch Jahre entfernt. Wood stellte eine Verbindung zu Investitionen her, wie es sie lange nicht mehr gegeben habe. Tatsächlich fließen seit Jahren Milliarden in die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.
Investitionen von mehr als 650 Milliarden Dollar
Vier der größten amerikanischen Techkonzerne haben zusammen mehr als 650 Milliarden Dollar Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) angekündigt – allein in diesem Jahr. Die Mittel sollen in gewaltige neue Rechenzentren fließen und in das entsprechende Equipment wie spezielle KI-Chips, Netzwerkkabel oder Notstromaggregate. Die von der Google-Muttergesellschaft Alphabet, dem Onlinehändler und Cloudanbieter Amazon, dem Social-Media-Konzern Meta und dem Softwarehersteller Microsoft geplanten Ausgaben zielen darauf ab, im Wettrennen vorn zu sein.
Dieser Ausgabenboom ist außergewöhnlich, wie eine Analyse des Finanzdienstes Bloomberg zeigt: Die geschätzten Ausgaben jedes dieser Unternehmen für dieses Jahr sind demnach jeweils die höchsten Investitionsausgaben in den zurückliegenden zehn Jahren. Um es an einem Einzelbeispiel zu verdeutlichen: Für das laufende Jahr stellte der Internetkonzern Alphabet Kapitalausgaben von 175 bis 185 Milliarden Dollar (148 bis 156,6 Milliarden Euro) in Aussicht. 2025 investierte Alphabet gut 91 Milliarden.
„Der AI‑Boom treibt die Investitionen auf Niveaus, wie man es seit dem Ende der Neunzigerjahre nicht gesehen hat“, schreibt dann auch Wood in ihrer Analyse. Als Beispiel dafür nennt auch sie den Daten-Center‑Ausbau: 2025 seien die Investitionen in Data‑Center‑Systeme (Compute/Networking/Storage) um 47 Prozent auf nahezu 500 Milliarden Dollar gestiegen. 2026 werde ein weiterer Anstieg um 20 Prozent auf rund 600 Milliarden Dollar erwartet. Das sei deutlich mehr als im früheren Trend von 150 bis 200 Milliarden Dollar im Jahr.
Diese Investitionswelle führt für sie automatisch zu der Frage, in welchen Unternehmen Rendite erwirtschaftet werden könnte. Wo die Gewinne entstehen könnten, grenzt sie ab: Nicht nur Halbleiter und große Cloud‑Player, sondern auch junge KI-Unternehmen, die gerade auf dem Sprung auf den Markt seien, würden zunehmend von Wachstum und Returns profitieren.
Investmentgesellschaft ARK von Cathie Wood stockt KI-Aktien auf
Konsumenten würden ihrer Meinung nach Künstliche Intelligenz mit doppelt so schneller Geschwindigkeit übernehmen wie das Internet in den Neunzigerjahren. Inhaltlich verlagert sie den Fokus für 2026 stark auf die „Nutzbarmachung“: Sie zitiert in ihrer Analyse Fidji Simo von Open AI mit der Aussage, dass es 2026 darum gehe, die Lücke zu schließen zwischen dem, was Modelle können, und dem, was Menschen im Alltag tatsächlich erleben. Wood erwartet mehr intuitives und integriertes Kundenverhalten. Als frühes Beispiel nennt sie „ChatGPT Health“ – einen Bereich in ChatGPT, der Nutzern bei Health & Wellness auf Basis persönlicher Gesundheitsdaten helfen soll. In Deutschland ist ChatGPT seit Anfang des Jahres mit einer Gesundheitsanwendung am Start.
Für Unternehmen beschreibt Wood 2026 als eine Phase unter dem Motto „Jetzt wird’s ernst“: Viele KI‑Implementierungen seien noch in einem frühen Stadium und würden durch Bürokratie, Trägheit und den Aufbau der Datenfundamente gebremst; Organisationen würden lernen, dass sie Modelle auf eigenen Daten trainieren und schnell integrieren müssen – sonst drohten sie von aggressiveren Wettbewerbern abgehängt zu werden.
In den vergangenen zwei Monaten hat Cathie Wood’s Investmentgesellschaft ARK besonders durch Aufstockungen im KI‑Infrastruktur‑Bereich auf sich aufmerksam gemacht – allen voran bei Core Weave. Im KI‑Health‑Bereich stockte ARK bei Tempus AI auf. Anfang des Jahres tauchte Kodiak AI als weiterer Zukauf auf – als Wette auf Autonomie und „Physical AI“.
Harvard-Ökonomin Gita Gopinath: „Es wird noch schlimmer“
„Ich fürchte, es wird noch schlimmer“, hatte entgegen Wood’s Meinung die Harvard-Ökonomin Gita Gopinath vor Kurzem im Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ gesagt. „Lange Zeit drehte sich alles nur um die Produktivitätsvorteile, die KI der Wirtschaft bescheren kann. Sogar viele CEOs hätten lange Zeit diese Produktivitätszuwächse mit der Bewertung von KI-Aktien vermischt, aber das geht nicht zwingend Hand in Hand.“
Inzwischen rückten immer mehr die KI-Kosten in den Vordergrund, vor allem die Kosten für Rechenzentren. Sollte sich die Einschätzung zu KI eintrüben, könnten in den USA 20 Billionen Dollar Aktienvermögen verbrennen, im Rest der Welt 15 Billionen Dollar. Der Crash wäre schlimmer als der Dotcom-Crash um die Jahrtausendwende, eben weil so viel Geld in die US-Aktien geflossen sei.





















