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Amanda Seyfried: „Es ist kein Ding, auf Botox zu verzichten“ | ABC-Z

Amanda Seyfried ist sehr fleißig und viel unterwegs. Unser Zoom-Interview beginnt mit der Frage, in welcher Zeitzone sie sich gerade befindet, und sie muss erst mal überlegen. Sie nimmt die Frage ernst und wörtlich, horcht in ihren Körper, findet keine passende Antwort und sagt dann: „Ich bin von New York nach Los Angeles geflogen, dann nach London. Da bin ich gerade. Danach geht’s zurück nach New York.“ Ein bisschen müde wirkt sie. In der Mittagspause hat sie ein Nickerchen eingeschoben. Während des Gesprächs wird sie zusehends wacher.

Wir führen das Interview kurz vor ihrem 40. Geburtstag im Dezember. Sie sei immer noch überrascht, dass sie schon auf die nächste runde Zahl zusteuert, sagt sie. „Ich bin doch gerade erst geboren!“ Immerhin habe sie sich ihre Jugendlichkeit und Verspieltheit erhalten. „Und ich bin heute glücklicher, als ich je war“, sagt Seyfried. Und die Müdigkeit ist nun aus ihrem Gesicht ganz weggeblasen, als sie den Grund für ihr Glücklichsein hinterherschiebt: „Liegt das an Selbsterkenntnis? Auf jeden Fall. Und an Lebenserfahrung? Definitiv. Ich wäre nicht so glücklich, wie ich es jetzt bin, wenn ich nicht vierzig wäre.“

Für „Girls Club“ schmiss sie die Uni

Eine Schauspielerin aus Hollywood, die mit dem Altern klarkommt, ist in Zeiten von Botox und Ozempic so selten wie ein Einhorn. Wie Seyfried es mit den Verjüngungsmitteln hält, wollen wir später noch klären. Erst einmal blicken wir auf ihre bereits mehr als 20 Jahre umspannende Filmkarriere.

Gearbeitet hat sie immer viel; seit 2004 liefen pro Jahr mindestens zwei ihrer Filme im Kino. Manches Jahr auch mehr. Nach dem Highschoolabschluss hätte sie studieren können, gab den Platz aber für ihre erste Hauptrolle in der Komödie „Girls Club – Vorsicht bissig!“ auf. Da war sie 19. An der Seite von Lindsay Lohan und Rachel ­McAdams spielte Seyfried eine hübsche, aber naive Highschool-Schönheit; das Drehbuch schrieb Tina Fey, legendäre Autorin und Komödiantin der Late-Night-Show „Saturday Night Live“, die mit dem Film Stereotype von Teenager-Komödien aufs Korn nahm. ­Seyfried umarmte das ihr aufgegebene Klischee und unterwanderte es zugleich: Sie spielte die Einfältige mit Hingabe, legte in jeden Blick ihrer großen, blauen Augen aber enorm viel Herz. Das Ergebnis war ein komplexer Charakter – und sie danach ein gefragter Star.

Amanda Seyfrieds größte Herausforderung? Das eigene Ego ignorieren – und auf sich selbst hören.Lila Barth/The NewYorkTimes/Redux/laif

Um nicht für weitere Jahre auf ähnliche Rollen der naiven Blondine festgelegt zu werden, wählte Seyfried ihre nächsten Arbeiten mit Bedacht. In der Krimiserie „Veronica Mars“ gab sie eine verwöhnte Millionärstochter, die nach einer Party ermordet aufgefunden wird und ihrer besten Freundin, der titelgebenden Teenie-Detektivin, Anlass zu Ermittlungen in einer korrupten Kleinstadt gibt. Dann kam das Musical „Mamma Mia!“ mit Seyfrieds Auftritt als junger Frau, die auf einer griechischen Insel aus den drei Affären ihrer Mutter den leiblichen Vater herauszufinden sucht. In der Hauptrolle spielte Seyfried nicht nur an der Seite von Meryl Streep, Pierce Brosnan und Colin Firth – sie sang auch. Wer einmal versucht hat, bei einem Abba-Song mitzusingen, weiß, wie schwierig es ist, bei diesen vermeintlich leichten Popliedern den richtigen Ton zu treffen. Sey­fried meisterte die Aufgabe mit solcher Grazie, dass sie ­direkt die nächste Musical-Rolle angeboten bekam. Diesmal in der Verfilmung von „Les Misérables“, einem Herzensprojekt: „Ich war verrückt nach dem Soundtrack von ‚Les Mis‘, seit ich zehn war“, schwärmt Seyfried.

Nach den großen Blockbuster-Produktionen setzte sie auf Charakterrollen: David Lynch holte sie als drogenabhängige Kleinstadtkellnerin in seine „Twin Peaks“-Fortsetzung, für Paul Schraders „First Reformed“ baggerte sie als schwangere Witwe einen Priester in der Sinnkrise an, und in David Finchers Old-Hollywood-Epos „Mank“ spielte sie an der Seite von Gary Oldman. Dafür gab es eine Oscarnominierung.

„Ich hatte nie zuvor von Ann Lee gehört“

Gerade war sie im Kino im Erotikthriller „The Housemaid“ zu sehen, nun folgt ein ambitioniertes Projekt, das Musical mit Arthouse verbindet: In „The Testament of Ann Lee“ spielt Seyfried die Gründerin der Shaker-Bewegung, Ann Lee. 1736 in Manchester geboren, setzte Lee 1774 mit ihren Anhängern nach Amerika über, um dort eine christliche Gemeinschaft nach ihren Grundsätzen – strenge Arbeitsethik, gleiche Rechte für Frauen und Männer, kein Sex – zu gründen. Die Freikirche, die Lee als „das Wort“, als „weiblichen Jesus“ verehrte, tanzte sich während ihrer Gottesdienste mit rituellen Schüttelbewegungen in Ekstase – daher der Name „Shaker“. Lee hielt ihre Gläubigen zusammen, predigte weiter, ließ sich von Verhaftungen und Kerker nicht einschüchtern; als sie mit 48 starb, hinterließ sie eine christliche Gemeinschaft von mehr als 1000 Gläubigen. Im Gegensatz zu anderen amerikanischen Freikirchen lehnten die Shaker technischen Fortschritt nicht ab. In ihren Gemeinden erfand man eine frühe Waschmaschine, Wäscheklammern und sogar die Kreissäge. Trotz solcher Errungenschaften ist die Geschichte von Ann Lee heute kaum bekannt; auch Seyfried staunte, als sie das Drehbuch von Mona Fastvold zum ersten Mal las: „Ich hatte zuvor noch nie von Ann Lee gehört, dabei bin ich als Amerikanerin im Nordosten des Landes aufgewachsen, wo sich die Geschichte ja abspielt.“

Szene aus „The Testament of Ann Lee“: Tanz gehört für die Shaker zum Gottesdienst
Szene aus „The Testament of Ann Lee“: Tanz gehört für die Shaker zum GottesdienstAP

1985 in Pennsylvania geboren, begeisterte sich Seyfried schon früh für Schauspiel wie Gesang. Sie lernte Klavier und dachte eine Zeit lang über eine Karriere als Musikerin nach. Wie allerdings ein Musical aussehen sollte, das christlichen Glauben in Songs und rhythmischen Schütteltanz packt, war für ­Seyfried anfangs völlig unklar: „Ich hab das Drehbuch beim ersten Mal nicht richtig verstanden. Und das machte mich sehr neugierig. Ich konnte mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, wie das Tanzen, die Choreographie, die Musik inszeniert werden sollten. Weil ich so verwirrt und fasziniert war, wollte ich das dann aber unbedingt machen, und ich habe dabei sehr viel gelernt.“

„Viel über mich selbst gelernt“

Auf die Frage, wie dieser Lernprozess aussah, blickt Seyfried wieder nachdenklich in sich hinein und antwortet nach einiger Überlegung: „Ich habe viel über mich selbst gelernt, eine neue Art, mir selbst zuzuhören, eine Methode, bei der ich mich selbst ausschalten kann, wenn ich singe. Und ich habe gelernt, dass ich einen gewissen Grad an Sicherheit brauche, die sich aus Vertrauen von meinem Regisseur, aber auch zu meinem Regisseur speist. Ich habe gelernt, dass das für mich wirklich Berge bewegen kann.“

Konnte sie denn mit den Gedanken und Idealen Ann Lees etwas anfangen? „Die Idee von Gleichberechtigung, der Ann Lee nachhing, die Utopie, die sie da geschaffen hat, also eine Gemeinschaft, die auf Liebe und Mitgefühl beruht – und was dann aus einer solchen Gemeinschaft entstehen kann, das alles fand ich sehr erfrischend. Der Lauf der Geschichte ist so zyklisch, wieso hängen wir jetzt so weit hinter solchen Idealen her? Wir sind alle Teil einer Gemeinschaft, wir könnten ­­­­ei­nander bestärken und Menschen einen Vertrauensvorschuss geben – genau das hat Ann Lee versucht zu schaffen: einen Ort, wo jeder willkommen ist.“ Und dann hellt sich ihre Miene plötzlich auf, und sie kommt auf den Lernprozess bei dieser Arbeit zurück: „Oh, und ich habe gelernt, mit einem Manchester-Akzent zu reden. Das ist immer lustig!“

Überfahrt nach Amerika: Seyfried in der Rolle der Ann Lee
Überfahrt nach Amerika: Seyfried in der Rolle der Ann LeeAP

Da ist es also kurz, dieses Filmstar-Lächeln, das vom Mund bis in die blauen Augen wandert und Bewegung in die Stirn bringt. Ein Sonnenstrahl über weichen Wassern. Diese Beweglichkeit der Mimik fällt auch im Film auf. Die Kamera fängt Seyfrieds Gesicht oft sehr nah ein; man erkennt flaumige Härchen, Poren, auch Falten – keine Selbstverständlichkeit für eine Schauspielerin Ende 30. Wenige von Seyfrieds amerikanischen Kolleginnen trauen sich, so frei und natürlich das Gesicht der Kamera zu bieten oder so ungekünstelt beweglich um Augen und Stirn zu arbeiten. Wer Falten mit Botox bekämpft, wie in Hollywood üblich, zahlt das mit eingeschränkter Ausdruckskraft.

Regisseurin Mona Fastvold aber hatte für ihre Hauptdarstellerin zur ­Bedingung während der Dreharbeiten gemacht: Kein Make-up, kein Botox! „Es war kein großes Ding für mich, darauf zu verzichten“, sagt ­Seyfried. „Ich hatte mir ein bisschen ­Botox spritzen lassen für eine Show, zu der ich vor Drehbeginn eingeladen war. Und Mona ist das sofort aufgefallen. Sie ist sehr sensibel, was so was angeht. Sie hat den Unterschied in der Mimik gleich bemerkt. Und ich brauche ja nicht wirklich Botox, ich mag’s nur einfach. Mir gefällt, wie es das Stirnrunzeln mildert. Aber wenn man sich hier ein bisschen spritzen lässt“, ihre Finger fahren über ihre Stirn, „dann ist das alles eingefroren. Und wenn ich arbeite, will ich eigentlich meine volle Ausdruckspalette bedienen können.“

Sie lebt auf einer Farm mit Ziegen und einem Esel

Und wie stand es ums Make-up? „Oh, Make-up mag ich eigentlich gar nicht, wenn ich ehrlich sein soll. Ich finde es schöner, sauber zu sein. Dieses Gefühl, wenn man gerade frisch aus dem Bad kommt. Und ich mag es, mein Gesicht berühren zu können“, sagt Seyfried. Die Bodenständigkeit ist keine Masche. Statt ein Filmstarleben in Los Angeles zu führen, hat die Schauspielerin bereits mit Anfang 20 begonnen, sich nach Wohnungen außerhalb des Hollywoodtrubels umzusehen. Vor rund zehn Jahren fand sie eine Farm in den Catskill Mountains, einem Mittelgebirgsausläufer der Appalachen im Bundesstaat New York. Hier lebt sie mit ihrem Mann, dem Schauspieler Thomas Sadoski, und den beiden gemeinsamen Kindern. Wenn sie nicht gerade dreht oder in Designerkleidern über rote Teppiche stolziert, um ihre Filme zu bewerben und Preise entgegenzunehmen, kümmert sie sich um Ziegen, Pferde, Hühner und den Esel Andrew. Bilder vom Landleben teilt sie manchmal auf ihrem Instagramkanal. Da sieht man sie dann mit Katzen kuscheln und Pferde füttern, ohne Make-up.

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Auf die Make-up-Frage schiebt sie aber nach der Auskunft über persönliche ­Vorlieben gleich noch eine inhaltliche ­Begründung hinterher, die aus der Logik ihrer Rolle als Ann Lee heraus argumentiert: „Außerdem trugen Leute damals halt einfach kein Make-up; das hätte also keinen Sinn ergeben.“ Solche Antworten gibt sie öfter; keine auswendig gelernten Statements, stattdessen überlegendes und argumentierendes Sprechen. Man hört ihr beim Nachdenken zu.

Auf die Nachfrage, ob denn nicht gerade Maske und Kostüm einer Schauspielerin beim Einfinden in die Rolle ­helfen, kommt als Erstes: „Nein, eigentlich nicht.“ Gleich darauf wägt sie wieder ab: „Obwohl Prothesen schon manchmal helfen können.“ Und dann setzt sie nach kurzem Nachdenken entwaffnend ehrlich hinzu: „Aber ich sehe mein Gesicht ja nicht, wenn ich spiele. Mir helfen eher die Kostüme oder wie meine Hände aussehen, um mich besser in die Figuren finden zu können.“

Viel schwieriger als die Make-up-Sache fand sie die eigenen Widerstände beim Drehen: „Die größte Herausforderung war es, mein Ego zu ignorieren und ­meine Unzufriedenheit mit meinen ­Fähigkeiten, mit meiner Stimme abzulegen. Also diesen ganzen Mist beiseitezuschieben und mir selbst mit einem frischen Ohr zuzuhören.“

Manchmal stecke sie zu sehr in ihrem eigenen Kopf fest, sagt sie. Beim Dreh lernte sie, beim Tanzen loszulassen: „Wie der Körper sich bewegt, beeinflusst die Töne, die er produziert. Vor allem die improvisierten Bewegungen, die das Singen begleiteten, haben mir geholfen, in der Rolle anzukommen.“ Ann Lees Technik hilft also bei der Ann-Lee-Werdung.

Am Ende kommen wir noch einmal auf den damals bevorstehenden Geburtstag zu sprechen. Hat sich mit der ­Lebenserfahrung geändert, wie sie arbeitet? „Vielleicht“, sagt sie und macht wieder eine kleine Pause. „Es kostet auf jeden Fall mehr. Also in dem Sinne, dass ich die Figuren jetzt besser verstehe und genau das auch anstrengender sein kann.“ Ihrer Ann Lee ist keine Anstrengung anzumerken; Würde behält sie selbst im größten Leid.

Zur Person

Geboren 1985 in Allentown, Pennsylvania; ihre Mutter arbeitete als Ergotherapeutin, ihr Vater als Apotheker, die ältere Schwester ist Rockmusikerin.

Durchbruch 2004 mit der Satire „Girls Club – Vorsicht bissig!“;

2008 Hauptrolle im Abba-Musical „Mamma Mia!“.

Oscarnominierung 2021 für ihre Rolle in David Finchers „Mank“.

Lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Thomas Sadoski, den gemeinsamen beiden Kindern und vielen Tieren auf ihrer Farm in den Catskill Mountains im Bundesstaat New York.

„The Testament of Ann Lee“ läuft ab 12. März im Kino.

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