Kultur

Alles geht kaputt: Blaue Flecken am Herzen | ABC-Z

D ie schämt sich“, sagt M. und schiebt die Herz-Zehn mit dem Gesicht nach unten in den Stich. Dann lacht er, während sein Blutdruck-Messgerät piept, alle 15 Minuten in dieser Nacht. Etwas muss untersucht werden. Die Punkte sind zwar verloren, doch mittlerweile führt M. so unaufholbar auf dem-Skat-Zettel, er ist eh unbesiegbar. C. und ich trinken Budweiser Budvar aus dem Edeka von unten aus schmalen Gläsern mit Eichstrich-Aufschrift Superfest. Zwischen den Kartenrunden greife ich nach dem Bier mit beiden Händen. Trinken mit Dringlichkeit und Ritual. Wir sprechen über Arbeit und Wohnen, über miese Gehälter und die Stadt. C. sagt, er wird zynisch. M. sagt, er wird nach Friedrichsfelde ziehen. Er klingt dabei sogar glücklich.

Später bleibt nach einer Station die U-Bahn gleich wieder stehen. Irgendwas Eingleisiges. Es ist fast Mitternacht und, als säße man in einem Grips-Theater-Stück, tauchen nacheinander die vertrauten Gebückten und Entrückten auf. Einer von ihnen schreit markerschütternd, er werde sterben, während er sich auf den grau-glitzernden Boden der U9 wirft, diese Milchstraße voll schwarzer Kaugummilöcher. Augen werden gerollt oder in resignierter Zeitlupe geschlossen, Kopfhörer tiefer in Ohrmuscheln gedrückt. Einige lange Minuten geschieht nichts, dann erhebt sich der Sterbende, schlurft in den nächsten Waggon, sinkt dort erneut zu Boden. Träge Blicke verfolgen ihn durch die Zwischentüren.

Die Stadt bekommt Risse. Vielleicht entstanden sie durch einen Knacks. 2018 muss es den schon gegeben haben, da inszenierte Pollesch seine Manzini-Studien in Zürich: „Ich weiß nicht, was sein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis“. In der Volksbühne werden sie nun nochmal gespielt. „Die Zeit war aus den Fugen“, stellt Martin Wuttke fest „Und dann hatte auch noch jeder einen Knacks“, erwidert Marie Rosa Tietjen.

Der Knacks. Das Drama. Der Terror. Die drei Darsteller verlieren sich in unwiederholbaren Sprachtiraden, ich vergesse mitzuschreiben, vergesse, dass Pollesch seine Texte nicht rausgerückt hat und dass das auch nach seinem Tod noch so sein wird, und dass es unmöglich sein wird, diese guten ephemeren Wörter im Nachhinein zu erinnern, doch im Moment ist das egal. Kathrin Angerer schmachtet ihren Geliebten an, man sieht nur die Affenhand, das Partialobjekt. Beim Knacks ist die Psychoanalyse nicht weit.

Angerers Stimme ist so unaushaltbar gut gequetscht, als sie verkündet „Bitte klatschen sie nicht zu laut, die Welt ist sehr alt, sie könnte einen Sprung kriegen.“ Trotzdem klatschen dann alle sehr laut und das eigene Herz ist dann auch gleich ganz weich gequetscht. Auch gut, aber mit blauen Flecken von den ganzen verschwindenden Menschen.

Popkultur und Körper verfallen

Auf N.’s Geburtstag ein paar Tage vorher hätte ich nachfragen können, wie das ist mit den Blutergüssen innen drin, da saß mir ein Chirurg für weiche Teile gegenüber. Erst erzählte er von Löchern im Bindegewebe, später beim Rauchen auf dem Balkon vom Radioheadkonzert. Beides mit ebenbürtiger Begeisterung, Popkultur und Körper verfallen. So wie die Welt. N. erwähnt in ihrer Tischrede den Krieg. Meine Tischnachbarin D. beschäftigen die Systeme missbrauchenden Männer und T. und ich betrauern über dem Tiramisu den Untergang des Worts. Der Terror. Das Drama. Der Knacks. Die Zeit ist aus den Fugen. Samstag wird Habermas sterben. Aber das weiß ich jetzt noch nicht.

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