Ali Laridschani ist der neue starke Mann – ein eiskalter Manager der Macht | ABC-Z

Grimmiger Blick, graue Haare, grauer Vollbart: Der Mann mit der Ray-Ban-Pilotenbrille ist das neue Gesicht des iranischen Regimes. Ali Laridschani leitet seit 2025 den mächtigen nationalen Sicherheitsrat Irans. Als Chef des Gremiums ist er für die Verteidigung des Landes zuständig, koordiniert Armee und Sicherheitskräfte sowie die nukleare und regionale Strategie. Damit verfügt Laridschani schon jetzt über mehr Macht als der laut Protokoll amtierende Präsident Massud Peseschkian. Dieser gehört zwar dem Führungs-Trio an, das nach der Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei am Samstag den Übergang der Macht organisieren soll. Doch Laridschani tritt derzeit als der Wortführer des Regimes auf.
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Sechs Tage vor dem Krieg gegen Iran zirkulierte in Teheran ein Notfallplan, wie sich die Spitze des Staates auf einen Angriff der Vereinigten Staaten und Israels vorbereitete. Unter strengster Geheimhaltung legte Chamenei fest, wer im Falle seines Todes die Führung des Landes übernehmen soll. Seine Wahl fiel auf Ali Laridschani. Auch wenn die offizielle Hierarchie in der Nach-Chamenei-Ära noch nicht etabliert ist, zieht Laridschani die Fäden im Teheraner Machtgeflecht.
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Irans starker Mann: „Wir werden nicht mit den USA verhandeln.“
Der 67-Jährige steht für den Widerstandswillen und die Unbeugsamkeit des iranischen Regimes, dessen Existenz noch nie so bedroht war wie seit den amerikanisch-israelischen Attacken. Er warf US-Präsident Donald Trump vor, den Nahen Osten „mit seinen ‚illusorischen Träumen‘ ins Chaos gestürzt“ zu haben. „Gestern hat Iran Raketen auf die Vereinigten Staaten und Israel abgefeuert, und sie haben ihnen geschadet“, erklärte Laridschani am Sonntag im Onlinedienst X. „Heute werden wir sie mit einer Härte treffen, die sie noch nie erlebt haben“, fuhr er fort.

Ali Laridschani, irans neuer starker Mann:
© AFP | ANWAR AMRO
Trumps Annäherungsversuche wies Laridschani brüsk zurück. Noch am Sonntag – einen Tag nach Beginn der massiven Luftangriffe auf den Iran – hatte der US-Präsident grundsätzliche Gesprächsbereitschaft signalisiert. „Sie wollen reden und ich habe zugestimmt zu reden, also werde ich mit ihnen reden“, sagte er in einem Telefoninterview mit dem US-Magazin „The Atlantic“. „Sie hätten das früher tun sollen.“ Laridschani konterte auf X trocken: „Wir werden nicht mit den USA verhandeln.“ Er wies Medienberichte zurück, wonach iranische Vertreter vorgefühlt hätten, Gespräche mit Washington aufzunehmen. Bestrebungen, einen Keil in das iranische Volk treiben zu wollen, seien zum Scheitern verurteilt. „Gruppen, die versuchen, Iran zu spalten, sollten wissen, dass wir das nicht tolerieren werden“, betonte der Sicherheitsratschef. Er rief die Iraner zur Geschlossenheit auf.

Im Westen ist berüchtigt für seine Politik der eisernen Faust
Spätestens seit dem Zwölf-Tage-Krieg zwischen Israel und Iran im Juni 2025 gehörte Laridschani zum innersten Führungskreis in Teheran. Kaum ein Politiker ist in den Verästelungen des Mullah-Regimes derart vernetzt wie Laridschani. Während des Iran-Irak-Kriegs in den 80er-Jahren hatte er in den Reihen der mächtigen Revolutionsgarden gekämpft. 2005 bis 2007 leitete er die Verhandlungen mit Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Russland über das iranische Atomprogramm. Er war Leiter des staatlichen Rundfunks und Parlamentssprecher. Im Westen galt er lange zwar als konservativ, aber vergleichsweise pragmatisch. Das änderte sich spätestens seit der brutalen Niederschlagung der Proteste im vergangenen Januar, als Zehntausende Menschen von den Sicherheitskräften getötet wurden. Viele im Westen sahen in Laridschani einen der Drahtzieher der Politik der eisernen Faust. Die Vereinigten Staaten verhängten im Januar Sanktionen ihn und warfen ihm vor, die blutigen Repressionen angeordnet oder gebilligt zu haben.
Im Zuge seiner langen Karriere bei den iranischen Streitkräften, den Revolutionswächtern, den Medien und in der Legislative soll Laridschani Chameneis Vertrauen gewonnen haben. Er kam 1957 im irakischen Nadschaf zur Welt. Sein Vater war ein prominenter schiitischer Kleriker, der dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini nahestand. Seine Familie übt seit Jahrzehnten großen Einfluss auf Irans politisches System aus. Ein Bruder leitete lange das Oberste Gericht und den Justizrat, ein anderer fungierte während der Atomgespräche als außenpolitischer Verhandler. Laridschani belegte ein religiöses Seminar in Ghom und studierte Mathematik und Informatik. Danach promovierte er in westlicher Philosophie. Seine Doktorarbeit drehte sich auch um Immanuel Kant, den deutschen Philosophen der Aufklärung.

Laridschani gilt weniger als charismatischer Redner denn als eiskalter Manager der Macht. Durch seine Verbindungen in verschiedene Zentren des Mullah-Regimes hat er sowohl Drähte in die klerikalen Institutionen wie auch in die Sicherheitsstrukturen und vor allem in die einflussreichen Revolutionsgarden. In Zeiten extremen Drucks kann Laridschani politische Kräfte zusammenhalten wie kaum ein anderer. Laut der iranischen Verfassung kommt er allerdings nicht als formeller Nachfolger Chameneis infrage. Der aus 88 Geistlichen bestehende Expertenrat wählt traditionsgemäß einen Kandidaten mit dem entsprechenden religiösen Rang. Aber möglicherweise weist das Regime in Zeiten existenzieller Bedrohung neue Flexibilität auf. Zumindest könnte Laridschani als federführender Machthaber den Übergang organisieren, bis sich das Regime auf eine Figur an der Spitze geeinigt hat.





















