Politik

Alexander Kluge über Realitätsverlust im Bombenkrieg | ABC-Z

„Um ihn herum, sagte Schult, habe sich jede ihm bekannte Form der Realität bis zur völligen Unkenntlichkeit aufgelöst“, lesen wir in Hinrich von Haarens neuem Roman „Wildnis“ (F.A.Z. vom 13. Dezember). Dieses Buch hat viele Facetten und Handlungsstränge. Bei der fünfseitigen Passage, von der hier die Rede ist und die den zitierten Satz enthält, geht es um einen Bericht des Protagonisten über den verheerenden mehrtägigen alliierten Großangriff auf Hamburg, der am 28. Juli 1943 eine Brandkatastrophe und eine Massenflucht auslöste. Dem Autor des Romans gelingt es, in einer Momentaufnahme Worte zu konzen­trieren, die das an sich poetisch nicht beschreibbare Phänomen „Menschen im Feuersturm“ in einer einzigen Szene fassen.

Der Protagonist Schult, damals noch ein Junge, läuft, die Schwester an der Hand hinter sich herziehend, hinter seiner Mutter her. Alles das im Rauch und in der Wirrnis, mit der die Menschen dem Feuer zu entkommen suchen, ohne jedoch eine sichere Richtung für ihre Rettung zu kennen. Der junge Schult will die Hand seiner Schwester Toni fester fassen. Dabei lockert sich der Griff für einige Sekunden, und er verliert den Kontakt. Weiterhin rennt er auf der gemeinsamen Flucht. Er rennt, weil er den Kontakt zur vorauseilenden Mutter nicht verlieren will. Er blickt sich um und sieht die Schwester nicht mehr. Das Kind bleibt verschollen.

Was uns wie eine zweite Haut umgibt, wird zerstört

Die Passage im Buch ist der Seitenzahl nach nicht lang, aber ihre Intensität hat mich tief beeindruckt. Sie enthält Beobachtungen des rasanten Realitätsverlusts, den ein massiver Bombenangriff bei den Betroffenen auslöst. In der Planung des britischen Bomberkommandos und dessen In­struktionen, die den Luftangriffen des Jahres 1943 zugrunde lagen, ging es darum, dass die angreifenden Geschwader durch Sprengbomben zunächst die Eckhäuser zertrümmern und die Dächer der Häuserzeilen abdecken sollten. In die so „aufgerissene Stadt“ und deren Bauten wurden dann die Brandbomben geworfen. Bei einer bestimmten Ausbreitung und Hitze des Feuers entsteht dadurch eine in unserer Alltagspraxis nicht vorstellbare Sogwirkung. Das Feuer ist gierig nach Luftzufuhr. So entsteht der sogenannte Feuersturm, ein Wetter, das es in der Natur nicht gibt.

Es werden dabei aber nicht nur die Städte zerstört und Menschen getötet, sondern auch etwas, das uns wie eine zweite Haut – wie ein Kokon – umgibt: das Realitäts­gefühl. Es geht in Trümmer. Kontakte zwischen den Menschen zerbrechen. Schult fasst die Hand der Schwester nicht, die Schwester geht ihm verloren. Das sind die Bomben, die in das Innenleben, die Subjektivität einschlagen.

Was ich als Dreizehnjähriger unter Bomben selbst erlebt habe

Ich lese den Text als jemand, der als Dreizehnjähriger einen Luftangriff und eine Verbrennung seiner Vaterstadt miterlebt hat. Nicht in der Massivität der Hamburger Katastrophe, aber heftig genug. Nach der ersten Bomberwelle lagen mein Vater, ein Kindermädchen, meine Schwester und ich auf dem Kellerboden, von der Sitzbank gerutscht, Rauch durch die geborstenen Kellerfenster. Nach dem zwanzigminütigen Bombenabwurf – der ersten Welle folgten eine zweite und dritte – rannten wir aus dem Keller nach oben. Meine fünf Jahre jüngere Schwester an meiner Hand. Noch stand das Haus, Flammen griffen vom Hof und vom Nachbarhaus nach den Fenstern. Von unserem Vater wurden wir wie weg­gesprengt. Der war im Treppenhaus emporgestiegen, wollte wohl irgendwie löschen. Wir sahen ihn erst am folgenden Tag wieder. Für die Zwischenzeit hatte er uns ver­loren, wir hatten ihn verloren.

Unser Kindermädchen trieb uns in Richtung Stadtausgang. Plan war, die ­Badeanstalt Bindseil und damit den Fluss Holtemme zwischen uns und das Feuer zu bringen. Der Fluchtweg führte an bereits brennenden Straßenzeilen entlang. Ich kann nicht behaupten, dass ich irgendetwas von dieser Flucht als real empfand. Meine Schwester hielt ich fest an der Hand. Später aber, nachdem wir von der Badeanstalt in einer fremden Wohnung Quartier genommen hatten, legten wir sie dort zum Nachmittagsschlaf hin und brachen selbst auf, wieder in die Stadt vorzudringen, nach unserem Haus zu sehen. Das war in­zwischen bis auf die Grundmauern abgebrannt.

Die poetische Leistung der Katastrophenschilderung

Als wir zurückkehrten in die provisorische Unterkunft, war meine Schwester verschwunden. Die Achtjährige (wir sprechen von April 1945) war den Weg zurückgelaufen zum letzten Aufenthalt, jenem Flussufer mit Badeanstalt, an dem wir uns, bevor wir die Unterkunft fanden, aufgehalten hatten. Wir haben meine Schwester in den sogenannten „Höhlen“ im Vorgebirge des Harzes, das an meine Heimatstadt grenzt und in denen die ­Ausgebombten biwakierten, sowie an vielen anderen Orten bis tief in die Nacht gesucht. Erst am nächsten Morgen kam ich auf die Idee, unseren ersten Zufluchtsort, die Badeanstalt, aufzusuchen. Da fand ich sie in der Küche des Hauses. Offenbar hatte sie nur diesen Ort für sicher gehalten. Oder sie hatte nach uns gesucht.

Die Beobachtung des Autors Hinrich von Haaren, dass die Entrealisierung, die für uns Menschen bei der Flucht aus Bombenangriff und Feuersturm eintritt, ähnliche Sprengkraft hat wie die Wirkung von Bomben und Feuer auf die Bauten der Stadt, ist im Text des Romans mit hoher Prägnanz festgehalten. Das ist eine poetische Leistung von jemandem, der 1964 geboren wurde, solche Bombenangriffe also nicht selbst erlebt haben kann. Literarisch ist das möglich, weil das Vorstellungsvermögen, die narrative Mitgift von uns Menschen, über Erfahrungen verfügt, die über das Gegebene, das, was man selbst ge­sehen hat, das Dokumentarische hinausgehen. Das gehört zum Konjunktiv der Sinne und der Emotionen.

Mich hat der Text überrascht und motiviert, neu über Luftangriffe zu schreiben. Sie haben in unserer Gegenwart durch Fernwaffen und Drohnen zusätzliche neue Erscheinungsformen. Der Erzählraum der Bücher hat den Zauber, dass eine Erzählung die nächste zündet, auch intersubjektiv. Das Lesen von Romanen ist immer ein Dialog.

Alexander Kluge, geboren 1929 in Halberstadt, ist Filmemacher und ­Schriftsteller.

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