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Aleppo: Machtkampf zwischen Ahmed al-Scharaa und SDF | ABC-Z

„Die Lage scheint sich etwas zu beruhigen“, sagt ein Fabrikbesitzer aus Aleppo am Freitagvormittag am Telefon. Über mehrere Tage hatte ihn Gefechtslärm in Atem gehalten, weil sich Truppen der Führung in Damaskus und kurdische Milizen in nahen Stadtvierteln bekämpften. Der Beschuss in der vergangenen Nacht sei heftig gewesen. Videos aus der Stadt zeigten Leuchtstreifen von Raketen und Artilleriegranaten am Himmel.

Am Morgen gab es zumindest eine Atempause. Das Verteidigungsministerium verkündete eine Feuerpause, die sechs Stunden bis 9 Uhr am Freitagmorgen andauern sollte. Aber die internationale Syrien-Diplomatie beeilte sich, die Chance zu nutzen, ein dauerhaftes Ende der Gewalt zu erreichen. Washington arbeite intensiv daran, den Waffenstillstand zu verlängern, ebenso den „Geist der Verständigung“, erklärte Tom Barrack, der mit Syrien befasste Sondergesandte von Präsident Donald Trump.

Bewaffnete Zusammenstöße zwischen den Kräften der neuen, von Islamisten dominierten Führung und kurdischen Milizen hatte es in Aleppo immer wieder gegeben. Dieses Mal geriet die Konfrontation allerdings zu einer längeren Kraftprobe. Damaskus führte eine angekündigte Militäroperation durch, um die von kurdischen Kräften kontrollierten Stadtviertel Scheich Maksud, Aschrafieh und Bani Zaid unter seine Kontrolle zu bringen.

Zuvor waren Zehntausende Zivilisten durch „humanitäre Korridore“ geflohen, was Erinnerungen an den brutalen Krieg zwischen belagerten Aufständischen und dem gestürzten Assad-Regime weckte. Vor allem aber rief die Gewalt in der nordsyrischen Großstadt die Sorge hervor, es könnte zu einer neuen Gewaltorgie wie in der südsyrischen Stadt Sweida kommen, wo sich Milizen der drusischen Minderheit einer militärischen Damaszener Machtübernahme widersetzt hatten. Kämpfer unter dem Banner der Regierung hatten dort gemordet und geplündert.

Machtkampf zwischen al-Scharaa und Abdi

Damaskus hat sich auch in Aleppo für eine harte militärische Machtdemonstration entschieden. Die Führung setzte schwere Waffen ein, es gab zivile Opfer. Zugleich scheinen die neuen Herrscher nach Einschätzung mehrerer syrischer (auch regierungskritischer) Beobachter darauf zu achten, dass sich die Auswüchse von Sweida, die von einem antidrusischen Gewaltdiskurs im öffentlichen Raum begleitet waren, in Aleppo nicht wiederholen. Die Regierungstruppen seien bislang vergleichsweise diszipliniert vorgegangen, hieß es.

Während von Anhängern der neuen Machthaber triumphierende Töne kamen, zeigte sich die Führung gemäßigt und staatstragend. Ein Kommandeur in Aleppo sprach öffentlich von „kurdischen Brüdern“, die ein integraler Bestandteil Syriens seien. Den Beweis dafür, dass Damaskus es ernst meint, muss die Führung indes noch antreten – etwa indem kurdische Binnenvertriebene schnell in ihre Häuser zurückkehren können.

Der Hintergrund der Auseinandersetzung ist ein Machtkampf, der die kommenden Monate oder gar das kommende Jahr in Syrien prägen könnte. Auf der einen Seite steht der islamistische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa, auf der anderen Mazloum Abdi, der die von kurdischen Milizen dominierten „Syrian Democratic Forces“ (SDF) kommandiert. Diese kontrollieren weite Teile des Nordostens Syriens, wo auch die wichtigen Ölvorkommen des Landes liegen. Sie werden von Washington unterstützt und waren ein wichtiger Partner im Kampf gegen die Dschihadisten des „Islamischen Staates“.

Die neuen Machthaber in Damaskus wollen einen zentralistisch organisierten Staat, die kurdische Autonomieführung im Nordosten, die ihnen misstraut, will ein föderales System. Im Frühjahr hatten Scharaa und Abdi eine Vereinbarung geschlossen, nach der die SDF in die staatlichen Sicherheitskräfte eingegliedert werden sollen. Das sollte eigentlich bis zum Ende des vergangenen Jahres geschehen, doch die Frist ist verstrichen.

Die Ruhe in Aleppo scheint fragil

Ein Problem bei den Verhandlungen ist die enge Verquickung der SDF mit der kurdischen PKK-Organisation. Ein Großteil der Truppe besteht aus Anhängern des PKK-Anführers Abdullah Öcalan, dessen Porträt auch in Amtsstuben in den umkämpften Aleppiner Vierteln hängt. „Eine Integration in die staatlichen Sicherheitskräfte würde zu einer Spaltung der SDF und des kurdischen Lagers führen. Abdi kann dem kaum zustimmen, auch weil es Widerstand der PKK gibt“, erklärt Malik al-Abdeh, ein syrischer Politikberater, dessen Einschätzung von westlichen Beobachtern geteilt wird.

Scharaa, so heißt es aus einer Quelle in Damaskus, die sich auf Regierungsfunktionäre beruft, habe dafür Verständnis gezeigt. Er ist mit ähnlichen Zwängen konfrontiert. Im Inneren dringen islamistische Falken aus seinem Lager auf eine harte Haltung. Von außen macht die Türkei Druck, die zu seinen wichtigen Förderern zählt und die PKK als Terrororganisation bekämpft.

Die Amerikaner, die wie andere westliche Regierungen auf eine Zusammenarbeit mit dem neuen Machthaber in Damaskus setzen, sind laut Angaben von Diplomaten frustriert über den Widerwillen der SDF-Führung, einen Eingliederungsdeal ins Werk zu setzen. Der Sondergesandte Tom Barrack fordert, der Waffenstillstand in Aleppo solle der „Beginn wichtiger Arbeit“ sein.

Doch die Ruhe in Aleppo schien am Freitag noch fragil. Die Kurden warfen der neuen Führung vor, auf Methoden des Assad-Regimes zurückzugreifen. In der Bevölkerung der Stadt haben allerdings viele nicht vergessen, dass sich kurdische Milizionäre seinerzeit gut mit dem Regime arrangiert hatten. Auch von Christen in Aleppo ist dieser Tage zu hören, die Präsenz der Milizen sei ein Problem, die PKK-treuen Kurden seien mitnichten Demokraten. „Kurdische Heckenschützen haben in den vergangenen Monaten immer wieder auf Zivilisten in Nachbarvierteln geschossen“, sagt auch der Fabrikbesitzer aus Aleppo – der kein Freund der neuen Machthaber in Damaskus ist.

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