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Wenn Geschichte zur gefühls- und identitätspolitischen Ressource schrumpft, nimmt sie Schaden – davor warnt bereits Nietzsche in seiner Kritik der antiquarischen und monumentalischen Historie. Ihr ist nicht daran gelegen, die vergangene Wirklichkeit zu erkennen, vielmehr wird sie mythisiert und moralisch vereindeutigt.

Ein mustergültiges Beispiel dafür liefert die jüngste Ausgabe der neu aufgelegten und verzwergten Zeitschrift „Die Weltbühne“ aus dem Hause des osttümelnden Verlegers und ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeiters der Stasi Holger Friedrich. Dem erwähnten Muster folgt die hier gebotene historische Setzung: Zwei Fotografien der Demonstrationen vom 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz werden mit einer Widmung für die Ostdeutschen versehen, in der es heißt, diese hätten die Jewish Claims Conference und die Alteigentümer abgefunden und sich den Unterschied zwischen Landgurke und Banane erklären lassen.

Freiheit gegen Geld?

In beidem scheint eine Demütigung zu liegen. Die gedankliche Klammer, die hier zwischen NS-Entschädigungen und Südfrucht geschlagen wird, ist nicht nur wirr. Allenfalls ließe sich sagen: Beides war neu für die Ostdeutschen. Hatte doch die DDR bis dahin jede Verhandlung mit der Jewish Claims Conference abgelehnt. Man verstand sich schließlich definitionsgemäß als antifaschistischer Staat und hatte folglich mit dem bisschen Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt. Deshalb musste man auch den Staat Israel gar nicht erst anerkennen, denn wo es, ebenfalls per Definition, keinen Antisemitismus gibt, gibt es auch keine verfolgten Juden und keine Notwendigkeit für einen sicheren Zufluchtsort.

Die nun insinuierte Vorstellung, Ostdeutsche hätten sich nach 1989 von Juden freikaufen müssen – erst im April 1990 bekannte man sich zur Mitverantwortung für die NS-Taten –, ist das Resultat genau jener Geschichtspraxis, vor der schon Nietzsche warnt: Geschichte wird hier nicht erinnert, sondern in Dienst genommen, um Affekte zu mobilisieren. Diese Praxis im Hause Friedrichs, wo Egon Krenz – mitverantwortlich für zahlreiche Tote an der Berliner Mauer – regelmäßig als großherziger Ermöglicher geglückter Lebenswege dargestellt wird, schreckt also selbst vor antisemitischen Chiffren nicht zurück.

Presserechtlich verantwortlich für diesen Unsinn zeichnen die Herausgeber der „Weltbühne“: Behzad Karim Khani und Per Leo. Letzterer, der sich gerne in der sozialen Rolle des Intellektuellen imaginiert, Widersachern jedoch routiniert die Fähigkeit zum Denken abspricht, möchte für das Publizierte nicht geradestehen. Er habe es ja nicht geschrieben.

Der eingebildete Intellektuelle

Woraus sich nur zwei Schlüsse ziehen lassen: Entweder ist es mit der Herausgeberschaft des eingebildeten Intellektuellen nicht weit her. Oder aber er hatte an der mutmaßlich von seinem Arbeitgeber verbreiteten, im Kern antisemitischen Insinuation einer Freiheit gegen Geld rein gar nichts auszusetzen.

Nun windet man sich und schwätzt, das Gemeinte ist angeblich nicht das Gesagte oder umgekehrt, und kann doch nur schwerlich noch verdecken, was für aufmerksame Beobachter offen zutage liegt: Die Aufforderung, mit Rechten zu reden – so der Titel eines Buches von Per Leo –, wird zunehmend zum Selbstgespräch.

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