Adrian Sherwood auf Tour: Alles könnte kollabieren | ABC-Z

„Zentral für meine musikalische Entwicklung ist Lee ‚Scratch‘ Perry“, bekundet Adrian Sherwood im Interview für das Fanbuch „I feel everything you say, I feel everything you hear“. Perry, der 2021 verstorbene jamaikanische Produzent, ist der einzige Superstar am Mischpult, den der Dubreggae je hervorgebracht hat.
Inzwischen wäre es durchaus angemessen, Adrian Sherwood diese Krone aufzusetzen. Nicht nur, weil der 1958 in London geborene und seit Ende der 1970er aktive britische Produzent, Toningenieur und Betreiber des Labels On-U Sound – wie Perry – ebenfalls globale Geltung erreicht hat. Ohnehin hat Sherwood mehrere Perry-Alben für On-U Sound produziert und dem Madman aus Jamaika mit „Rainford“ und dessen Dubversion „Heavy Rain“ (2019) auch zu einem würdigen Karrierefazit verholfen.
Adrian Sherwoods eigenes Profil zeichnet sich durch eine Sensibilität für die Umwelt aus, auch das vergleichbar mit seinem Vorbild. Waren es für Perry Geräusche aus dem Dschungel und seiner üppigen Natur, die er oft in die Musik eingebettet hat, ist es bei Sherwood ein (post-)industrielles SciFi-Klangbild aus dem Londoner Habitat.
Sherwood pflegt eine Liebe zu tiefen Bassfrequenzen, er hat ein modulatorisches Verständnis von der prinzipiellen Veränderbarkeit jedweden bestehenden Klangs. Und er setzt auf die sensationslüsterne, zugleich elaborierte Klangsprache der Soundeffekte.
Adrian Sherwood: „The Collapse of Everything“ (On-U Sound/Rough Trade)
Bim Sherman: „Ghetto-Dub“ (Week-End/Rough Trade)
Adrian Sherwood live: Metropol, Berlin, 11. Februar 2026
Studio abgefackelt
Dem Dub-Wahnsinn im Black-Ark-Tonstudio auf Jamaika hatte Lee Perry schon Ende der 1970er Jahre abgeschworen und das Studiogebäude abgefackelt. Seitdem war der Jamaikaner weltweit als Ideengeber und Wortakrobat am Mikrofon unterwegs und hatte anderen Produzenten den Vorzug am Mischpult gegeben. Und so war Adrian Sherwood bald zur Stelle und kreierte für Perry das On-U-Sound-Album „Time Boom X De Devil Dead“ (1987); weitere Perry-Sherwood-Kollaborationen sollten folgen.
Die große „Punky Reggae Party“, das Zusammenwirken der rebellischen Punkszene mit Dubreggae, seinem experimentierfreudigen Produktionsstil und der Soundsystemkultur, wie sie Ende der 1970er Jahre in London gefeiert wurde, war gewissermaßen Geburtshelfer für Adrian Sherwoods eigenes Label On-U Sound. Schon zuvor hatte er auf Kleinstlabels zeitgenössischen Reggae veröffentlicht.
In jener Zeit stieß er auch transatlantische Kooperationen an, etwa mit der ambitionierten Serie „Cry Tuff Dub Encounter“. Durch Starthilfe von erfahrenen Produzenten wie Dennis Bovell etablierte sich Sherwood zu Beginn der 1980er als treibende Kraft bei der Fusion von Reggae und Postpunk. Nach Sherwoods Arbeit am Experimentalalbum „Starship Africa“ von Creation Rebel wurde On-U Sound für die nächsten 15 Jahre zur Cutting-Edge-Adresse zwischen Dub, Reggae und Avantgarde, World Music, Industrial, Electro, Blues und HipHop.
Adrian Sherwood liebt tiefe Bassfrequenzen. Er hat ein modulatorisches Verständnis von der prinzipiellen Veränderbarkeit jedweden bestehenden Klangs
Dub Syndicate war erste Dub-Live-Band in Europa
In vielen Werken fanden sich Bestandteile all dieser Genres in der Soundsuppe. Die On-U-Sound-Band African Head Charge frönt einem markanten Stil, der als Blaupause des psychedelischen Afro-Futurismus gilt. Mit Dub Syndicate lancierte Sherwood auch die erste Dub-Liveband in Europa.
Und zusammen mit Doug Wimbish, Keith Le Blanc und Skip McDonald, eigentlich Backingmusiker des Pionier-Raplabels Sugar Hill Records aus New York, gründete er Mitte der 1980er Jahre schließlich das Funk-Dub-Industrial-Konglomerat Tackhead – um nur die wichtigsten On-U-Sound-Projekte zu nennen.
Dadurch avancierte Sherwood auch jenseits von Dub zum gefragten Produzenten und schuf Remixe für Mainstreambands wie Depeche Mode und Nine Inch Nails. Seine Arbeit am Mischpult für Reggaekünstler wie Bim Sherman ging indes weiter. Shermans tolles Album „Ghetto Dub“ (1988) wird gerade vom Kölner Label Week-End Records wiederveröffentlicht. Die Archivpflege von Dubreggae begann freilich in London, wo Adrian Sherwood Mitte der 1990er das Reggae-Reissue-Label Pressure Sounds mitangeschoben hat.
Erst im neuen Jahrtausend widmet sich der rastlose britische Maschinenstürmer seiner Solokarriere. Bis jetzt hat er vier Alben unter eigenem Namen veröffentlicht. Ob Drummachines, digitale Software und Computer-Tools – Sherwood bleibt technologisch am Puls der Zeit und musikalisch offen für Einflüsse von Globalpop über Filmmusik bis zu Dancefloor. In Japan landete er mit „Animal Magic“ 2006 sogar einen veritablen Hit, ein niedliches Stück Breakbeat-Pop, in dem er wieder mal Lee „Scratch“ Perry Tribut zollt.
Land of 1.000 Dances
Seit den zehner Jahren reist Sherwood durchs Land der tausend Tänze: Macht Mixe für den Jungle-Künstler Congo Natty, kooperiert mit Dubstep-Produzent Pinch und verfeinert den warmen Rootsreggae und Rocksteady-Sound von US-Soulcrooner Jeb Loy Nichols („To Be Rich Should Be a Crime“).
Das von Sherwood produzierte Album „Midnight Rockers“ (samt Dubversion „Midnight Scorchers“) bescherte Altmeister Horace Andy 2022 ein spätes Meisterwerk. Darüber hinaus produziert Sherwood – nun stets mit dem jungen Toningenieur Matthew Smyth – viel beachtete Dubalben für das Duo Panda Bear und Sonic Boom sowie für die US-Indierockband Spoon.
Sein jüngstes Soloalbum „The Collapse of Everything“, veröffentlicht 2025, darf getrost als Titel des Jahres bezeichnet werden. Es ist Sherwoods ambitioniertestes Werk. In seiner Soundsignatur klingt eine Ästhetik der Überraschung und Zergliederung an. Reggae-Elemente spielen nur Nebenrollen, prägnanter wirken harsche Beats und klebrige Synthie-Flächen, orientalische Melodien und heimelige Bläser, E-Gitarren-Lärm und Italo-Western-Echos.
Vom Remix zur Produktionsmethode
Alles ist äußerst filmisch und atmosphärisch dicht inszeniert: Musik als Klanglandschaft, für die Sherwood schon vor Langem den Begriff „Designer Dub“ prägte. Ausgangsmaterial sind dabei nicht mehr Originale, die von ihm zu alternativen Versionen geremixt werden. Stattdessen entstehen Tracks, die im Zuge ihrer Kreation mit Dubtechniken wie Hall, Echo und Delay garniert werden. Auf diese Weise ist Dub vom Remix zur Produktionsmethode geworden.
Dank Software und Plug-ins ist das Mischpult zum Instrument geworden, mit dem Klänge aller Art geschichtet und collagiert, konstruiert und zerlegt werden können. Und genau dies passiert auch bei Konzerten.
Von bewusstseinserweiternden Visuals des langjährigen On-U-Mitstreiters Peter Harris begleitet, erleben wir bei Sherwoods Live-Dub-Show, wie der Meister in Echtzeit Dub-Mixe direkt aus originalen Multitracks erzeugt. Das wird spannend zu hören sein, denn prinzipiell steht ihm dabei das gesamte On-U-Sound-Archiv zur Verfügung. Es könnte durch sein Zutun alles kollabieren und gleichzeitig Neues entstehen.
Auch für Adrian Sherwood selbst werden die Auftritte zur Herausforderung: „Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte, aber jetzt fühle ich mich auf der Bühne wohl. Ich katapultiere mich mit Sound aus meiner Komfortzone.“





















