Kultur

Abschluss der Leipziger Buchmesse 2026: Es weimerte sehr | ABC-Z

Etwas hatte es auch für sich, die große und alle Gespräche überschattende Aufregung um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und den Deutschen Buchhandlungspreis: Romance und das Wohl der Jugendlichen auf der als Manga-Messe verschrienen Leipziger Buchsause gerieten in diesem Jahr doch etwas aus dem Blickfeld.

Man selbst bewundert in den Agoraphobikern unzumutbaren Comic- und Mangahallen die aufwendig kostümierten Jugendlichen aus japanischen Parallelwelten. Knappst bekleidete 15-Jährige nimmt man hin, immerhin trägt die Jugend nicht Thor Steinar, so denkt man sich. Und die erwachsenen Männer, die all diese Jugendlichen für den Heimgebrauch ablichten – nun ja, man übersieht sie leicht in den Fluten an Messebesucher:innen.

Eine Weile bleibt man dann doch sinnierend an einem ausschließlich von Mädchen und Frauen frequentierten Dark-Romance-Stand stehen, im KI-generierten Bild einer knienden, nackten, weinenden Frau, Auge in Auge mit einer Pistole, nach Erkenntnis suchend. Inwieweit es sich hier um Literatur oder Pornografie handelt und ob Darstellungen dieser Art in irgendeiner Verbindung stehen zu dem Klima, das Männern erlaubt, Frauen zu misshandeln, etwa in Form von jüngst bekannt gewordenen Fällen jahrelanger digitaler Vergewaltigung, das sind Fragen, die schiebt man wohl besser beiseite. Denn Geld muss fließen in den krisengeplagten Buchmarkt, und Romance, ja, Romance vermag die Schleusen zu öffnen.

Gelungenes Debüt aus der Donau-Region

Teilnehmer einer Kundgebung des Leipziger Aktionsbündnis „Leipzig nimmt Platz“ protestieren vor Beginn des Festakts zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse



Foto:
Hendrik Schmidt/dpa

Die Donau ist in diesem Jahr Gastland, beziehungsweise Gastregion, das gerät mitunter vielleicht ein wenig in den Hintergrund. Passenderweise erhielt der bosnisch-kroatische Schriftsteller Miljenko Jergović den Preis für europäische Verständigung. Und Katerina Poladjan wurde mit dem 22. Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Aber zurück zur Donau: So stellt Maja Iskra in Leipzig ihren gelungenen Debütroman „Uppercut“ vor, der vom Aufwachsen in den 90er Jahren in Belgrad erzählt. Sie habe viel aus ihrer eigenen Jugend darin verarbeitet, erzählt Iskra, doch habe sie den Krieg, ihre Flucht durch Jugoslawien bewusst ausgeklammert.

Trotzdem werde sie stets danach gefragt, als seien die Kriege das Einzige, was deutsche und österreichische Le­se­r:in­nen an dem untergegangenen Konglomerat Jugoslawien interessiere, sagt Iskra. Gewalt ist omnipräsent in „Uppercut“, weswegen die in Wien lebende Autorin den Roman auf Serbisch schrieb. Auf Deutsch hätte sie die gebotene Härte und Körperlichkeit nicht ausdrücken können, sagt sie.

Wie Körper und Sprache zusammenwirken, wird auch fernab des Messegeländes deutlich. In der Eisengiesserei Westwerk treffen mit Wolfram Lotz und David Hugendick zwei Stotternde aufeinander. Das Sprechen an sich sei das Zeigen der Wunde, sagt der Dramatiker Lotz und erzählt, wie der Stotternde und sein Gegenüber im Gespräch Zeit und somit die Gegenwart anders wahrnehmen. Der Journalist Hugendick bemüht das Gleichnis, Stottern fühle sich an, als würde man etwas sehr Großes durch einen Briefschlitz zwängen.

Es sind Veranstaltungen wie diese, die zeigen, was das Messeumfeld auch Produktives leisten kann; zwei Autoren, die eigentlich unabhängig voneinander ihre Bücher präsentieren, über ein gemeinsames Thema zusammenführen.

Für Konkurrenz unter Linken ist nicht die Zeit

Das funktioniert auch im Kleinen. So kommen auf einem Panel die Literaturzeitschrift metamorphosen und die einst vom marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug gegründete Zeitschrift Das Argument zusammen. In diesen Zeiten könne man es sich nicht mehr leisten, in Konkurrenz zu anderen linken Zeitschriften zu gehen, sagt der neue Argument-Herausgeber Lukas Meisner.

Im letzten Jahr fand mit der „Seitenwechsel“ zum ersten Mal eine eigene rechte Buchmesse in Halle statt. Die meisten rechten Verlage bleiben den großen Messen in Leipzig und Frankfurt mittlerweile fern, doch vereinzelt trifft man auch hier Stände in zweifelhafter Aufmachung. Den rechten Castrum Verlag etwa, der laut einem Stand-Mitarbeiter so rechts gar nicht sei, nein, man sei auf Nihilismus spezialisiert.

Ganz vorn in der Auslage liegt der Roman des AfD-Abgeordneten Maximilian Krah. Dann gibt der Mitarbeiter noch vor, den ebenfalls ausliegenden faschistischen Autor Gabriele d’Annunzio nicht zu kennen, und irgendwas wird sich der Verlag wohl davon versprechen, Blödheit vorzuschützen, obwohl man erklärtermaßen viel Wert auf Intellektualität legt.

Der Castrum Verlag steht ziemlich abgesondert von den anderen Verlagen und die Richtung auf der Buchmesse ist ohnehin klar: „Verlage gegen rechts“ haben sich Mes­se­be­su­che­r:in­nen und -teilnehmer:innen in Form eines Stickers ans Revers geheftet. Über die Buhrufe, die bei der Eröffnung der Buchmesse Wolfram Weimer entgegenschallten, ist bereits ausführlich berichtet worden.

Wer weimert hier eigentlich?

Im Schwedischen gibt es das Verb „wallraffa“, womit in Anlehnung an den Namensgeber investigative Recherche bezeichnet wird. Ob sich irgendwann einmal das „weimern“ durchkonjugieren lässt, wird sich zeigen, und auch über die genaue Bedeutung gäbe es womöglich abweichende Meinungen. Weimert derjenige, der sich eines Kulturstaatsministers unwürdig verhält, oder sind die Weimernden Vorboten eines wachsenden Repressionsapparats gegenüber Linken?

Auf der Hanser-Taschenbuchparty, die der Verlag schließlich umwidmete, indem er alle prämierten Buchhandlungen (einschließlich der drei gestrichenen) einlud, hatte man jedenfalls eher den Eindruck, das Vor- und Vergehen Wolfram Weimers stelle einen groben Ausrutscher dar. Verleger Jo Lendle verlas unter anderem ein Grußwort von Weimers Vorvorgängerin und Initiatorin des Buchhandlungspreises, Monika Grütters. Laut der CDU-Politikerin gelte es, gemeinsam zu erreichen, „dass die Buchhandlungen als Ort der Debattenkultur nicht verschwinden“. Von einem Messebesuch hatte sie aus Gründen – man möge ergänzen: aus parteipolitischen – abgesehen.

Viel Kritik zieht in der Debatte auf sich, dass Weimer beim Verfassungsschutz „Erkenntnisse“ über die drei Buchhandlungen erhielt – und ebendiese Erkenntnisse für sich behält. Seltener Thema ist: Wie würde der Literaturbetrieb denn auf diese wie auch immer gelagerten Erkenntnisse reagieren? Wie sicher könnte man sich dann der branchenweiten Solidarität sein?

Geheimdienst-Fans in der Regierung

Generelle Kritik am aktuell zudem in mehrere Skandale verwickelten Verfassungsschutz gibt es zuhauf. Die Merz’sche Regierung ist Fan des Geheimdienstes. Laut Süddeutscher Zeitung wirbt das Bundesinnenministerium unter Alexander Dobrindt (CSU) bereits bei Ministerien und Bundesbehörden dafür, Informationen zu Fördergeldanwärtern regelmäßiger beim Verfassungsschutz abzufragen.

Weimer lässt die Mitglieder sämtlicher Jurys im Bereich der Kulturförderung systematisch in Listen erfassen

Am Samstag vermeldete überdies der Spiegel: Der sich wenig geläutert zeigende Wolfram Weimer lässt nun offenbar die Mitglieder sämtlicher Jurys im Bereich der Kulturförderung systematisch in Listen erfassen. Dass einige unionsgeführte Bundesländer die umstrittene US-Spionage-Software Palantir des rechten Tech-Unternehmers Peter Thiel verwenden, deren Einsatz Dobrindt gern auch auf Bundesebene durchsetzen würde, steht auf demselben Blatt.

Schwerer als das Vergehen, Erkenntnisse des Verfassungsschutzes nicht zu veröffentlichen, wiegt also die dem Ganzen zugrunde liegende Haltung: Weimer imaginiert eine Bedrohung von links, weiterhin fest im Sattel seines Amtes, das Hufeisen in der Hand. Wer weiß, womöglich zieht in diesen Zeiten gar einmal diese Zeitung den Unmut der Christdemokraten auf sich. Zum Beispiel den der Bundestagspräsidentin, der es einfallen könnte, die taz mit einem rechten Hetzportal zu vergleichen.

Back to top button