Kultur

Abschluss der Berlinale: Macht das Festival seine Arbeit? | ABC-Z

Still war es ganz sicher nicht. Selbst wenn der Gewinner des Goldenen Bären, „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, überwiegend in leisen Tönen erzählt ist. Die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin gingen am Sonnabend vielmehr laut zu Ende, nachdem sie zuvor schon von viel öffentlicher Aufregung begleitet worden waren.

Für Tricia Tuttle, die Intendantin der Berlinale, schien das alles in Ordnung. In ihrer Ansprache auf der Abschlussgala wirkte sie zwar angespannt, zeigte sich aber kämpferisch. Wenn es auf dieser Berlinale emotional aufgeladen zugegangen sei, resümierte sie, bedeute dies nicht, dass das Festival gescheitert sei, sondern dass es seine Arbeit mache.

Kontrovers hatte es dieses Jahr gleich zum Auftakt des Filmfestivals begonnen, als der Jurypräsident Wim Wenders bei einer Pressekonferenz eine Frage zur Einstellung der Berlinale zu Gaza beantworten wollte und ungeschickterweise den Satz äußerte, das Kino solle sich aus der Politik heraushalten. Was zu einer Absage der zur Berlinale geladenen Schriftstellerin Arundhati Roy und viel Kritik im Netz führte.

Die Proteste steigerten sich bis zu einem Offenen Brief, der dem Festival „Schweigen zu Gaza“ und „Zensur“ vorhielt. Wohlgemerkt verfasst von Personen wie Tilda Swinton, die sich anscheinend nicht an Ort und Stelle von der Haltbarkeit ihrer Vorwürfe überzeugt hatten. Aus eigener Erfahrung lässt sich vielmehr bestätigen, dass es in Filmen sowie bei Veranstaltungen das ganze Festival über Statements zu Gaza in Wort und Bild gab.

Dass sich Wenders im Übrigen nicht für ein Politikverbot auf dem Festival aussprechen wollte, sondern für das Kino als eine Kunstform, die Empathie fördern kann, wie er bei der Gala noch einmal in versöhnlichem Gestus wiederholte, ging über diesem Lärm ohnehin fast unter.

Viel Unerhebliches und Enttäuschendes im Wettbewerb

Man hatte bei der Gala mitunter den Eindruck, es ginge insgesamt weniger um Filme als um Politik. Und dass die Jury sich dieses Jahr schwergetan hat, einen Goldenen Bären unter den 22 Filmen im Wettbewerb auszuwählen. Was bei der Auswahl mit viel Unerheblichem und Enttäuschendem nicht sonderlich überrascht. „Gelbe Briefe“ war einer der stärkeren Filme, doch nicht ohne Konkurrenz.

So räumte Wenders auf eine Frage der Moderatorin Désirée Nosbusch hin ein, die Jury habe die mit den drei Hauptpreisen bedachten Filme als gleichwertig betrachtet. Wobei unter diesen dreien „Gelbe Briefe“ durchaus zu Recht am Ende den Hauptpreis bekam.

Çataks Film erkundet, wie politische Repression sich auf die persönlichen Beziehungen der Betroffenen auswirkt. Ein Künstlerpaar, das in Ankara am Theater arbeitet, verliert darin die Arbeit, nachdem eine Premiere aus politischen Gründen abgesagt wurde und man sie der Aufwiegelung bezichtigt. Als sie schließlich ihre Wohnung verlieren, müssen sie vorübergehend in Istanbul bei der Mutter des Mannes unterkommen.

Das Zerfallen einer Welt

Die beiden Hauptdarsteller Özgü Namal und Tansu Biçer lassen einen mit ihrem Spiel die Veränderungen in der Ehe ihrer Figuren ganz allmählich nachvollziehen. Aus engagierten Intellektuellen werden frustrierte Einzelkämpfer, die auf das Zerfallen ihrer Welt mit Rückzug oder Zynismus reagieren. Das Drehbuch vollzieht diesen Prozess so kleinschrittig nach, dass man zwischendurch meinen könnte, der Film verliere seinen Fokus.

Eine Besonderheit von „Gelbe Briefe“ ist, dass er seine Drehorte als Darsteller präsentiert. Eine prominent das Bild überlagernde Schrift kündigt erst „Berlin als Ankara“ und später „Hamburg als Istanbul“ an. Die Städte sehen selbstverständlich so aus wie immer, die Humboldt-Universität ist unter anderem deutlich zu erkennen, inklusive einer propalästinensischen Demonstration auf dem Campus. Da der Film von unterdrückter Meinungsfreiheit handelt, fällt es schwer, dies nicht als Wink in Richtung Deutschland zu verstehen.

Ein überraschender Hauptpreis war stattdessen der Silberne Bär Großer Preis der Jury für „Kurtuluş“, den der türkische Regisseur Emin Alper erhielt. Zwei verfeindete Clans in einem abgelegenen Bergdorf belauern darin einander, wobei die Geschichte allein aus der Perspektive des Clans im „Oberdorf“ erzählt wird.

Der andere Clan bleibt im Film fast unsichtbar, auf Abstand, wird von der Gegenseite dafür umso heftiger dämonisiert. Hinzu kommen religiös-abergläubische Verschwörungstheorien, die unter der Dorfgemeinschaft die Runde machen. Alper inszeniert das vor karger Wüstenlandschaft spielende Drama als Allegorie auf sich verselbständigende Desinformation, wie sie etwa in sozialen Medien zu beobachten ist.

Als stilistische Mittel dienen ihm bevorzugt Traumsequenzen, mit denen er die Grenzen zwischen Wachen, Schlafen und Wahn verschwimmen lässt. Über lange Strecken wird bei ihm aber vor allem geredet, in raunend monotonem Tonfall. Die sich anbahnende kollektive Paranoia vollzieht man darüber nicht immer mit.

Die unerfreulichen Aspekte von Pflege

Vorab als Favorit unter vielen Kritikern galt dafür „Queen at Sea“ des amerikanischen Regisseurs Lance Hammer. Juliette Binoche gibt darin die Akademikerin Amanda, die versucht, mit der Demenz ihrer Mutter zurechtzukommen, während ihre pubertierende Tochter erste Erfahrungen mit der Liebe macht. Fragen nach dem richtigen Weg im Umgang mit Pflegebedürftigen verknüpft das Drehbuch furchtlos mit einem Fall von mutmaßlicher sexualisierter Gewalt, der sich als unerwartet komplex herausstellt.

In seiner Ehrlichkeit gegenüber existenziell-unangenehmen Dingen wirkt dieser von seinem Ensemble souverän getragene Film einerseits sehr direkt, manchmal allzu direkt, wenn es um die unerfreulichen Aspekte von Pflege geht. Durch die immer wieder parallel geschnittenen verschiedenen Handlungsstränge lockert Hammer die Dinge andererseits etwas auf.

Herausragend sind die „Alten“ in diesem Film, gegeben von Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay. Sie erhielten gemeinsam den Silbernen Bären für die beste Nebenrolle. Gleichfalls verdient ging der Silberne Bär für die beste Hauptrolle an Sandra Hüller für ihren Titelpart in Markus Schleinzers Historienfilm „Rose“. Wie Hüller scheinbar unerschütterlich eine Frau verkörpert, die sich als Mann ausgibt, gehörte zu den Höhepunkten dieser Berlinale.

Angst vor Widerspruch

Politisch heikel wurde es, als der von Tuttle ins Leben gerufene GWFF Preis Bestes Spielfilmdebüt für Beiträge aus dem Debütfilmen vorbehaltenen Nebenwettbewerb „Perspectives“ an den palästinensischen Regisseur Abdallah Alkhatib für „Chronicles From the Siege“ überreicht wurde. Sein Film erzählt von einer Belagerung im syrischen Bürgerkrieg. Alkhatib trug im Saal eine Kufiya und dazu eine palästinensische Flagge.

In seiner Dankesrede warf er der Regierung Deutschlands vor, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein. Mit Blick auf die Zukunft sagte er, es werde dereinst ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben. Um zu ergänzen: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war und der geschwiegen hat.“

Statt eines Plädoyers für Solidarität sprach er mithin eine kaum verhohlene Drohung aus. Dass sie unwidersprochen blieb, ist allerdings kein Beleg dafür, dass das Festival „seine Arbeit macht“ und Kontroversen aushält, wie Tuttle eingangs gesagt hatte. Es ist ein Indiz dafür, dass die Berlinale in ihrer Angst vor öffentlichen Diffamierungen oder Boykott, weil das Festival angeblich Zensur übe oder nicht exakt die gewünschte Form von Solidarität zeigt, die eigenen ethischen Maßstäbe aus dem Blick zu verlieren droht.

Moderatorin rang um Fassung

Es gab mehrere Preisträger an diesem Abend, die auf unterschiedliche Weise ihre Solidarität mit den Palästinensern zeigten. In ihren Reden appellierten sie dabei an die Menschlichkeit. Der Regisseur Emin Alper erinnerte neben den Palästinensern zudem an die Menschen im Iran ebenso wie an die Kurden. Der einzige, der sich der Hassrede bediente, war Alkhatib. Hier müsste das Festival Rückgrat zeigen und Grenzen setzen.

Eine „Demonstration der Freiheit“, wie sie sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer von der Berlinale erhofft hatte, war dies jedenfalls nicht. Auf der Bühne reagierte lediglich die sichtlich um Fassung ringende Moderatorin Nosbusch auf Alkhatibs Rede mit den Worten: „Und ich bin mir sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus.“

Kritik mit den Füßen übte Bundesumweltminister Carsten Schneider von der SPD, der zunächst bei der Gala anwesend war, nach der Rede von Alkhatib jedoch den Saal verließ. „Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für nicht akzeptabel“, ließ er über seinen Sprecher mitteilen.

Dieser Vorwurf richtet sich auch an Tricia Tuttle, die als Intendantin das Wort hätte ergreifen müssen. Dass sie am Ende der Veranstaltung hingegen an der Realität vorbei warme Worte wählte und allen, die auf der Gala gesprochen hatten, zugutehielt, sie hätten aus einer Haltung der „Liebe“ und „Hoffnung“ gesprochen, zeigt bedauerlicherweise, dass sie ihrer Aufgabe nicht vollständig gewachsen ist. Das muss man in diesem Fall als Scheitern bezeichnen.

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