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Nachruf auf Schauspieler Mario Adorf: Die Gegenspieler lagen ihm | ABC-Z

Ein angeblicher Serienmörder, dessen Handeln im Nazi-Deutschland verwurzelt ist, in „Nachts, wenn der Teufel kam“. Ein Zuhälter, der die Wirtschaftswunderzeit dekonstruiert, in „Das Mädchen Rosemarie“. Ein Schachweltmeister in der postmodernen Stefan-Zweig-Verfilmung „Schachnovelle“.

Ein tölpeliger Neo-Westernheld umgeben von Wüste in Roland Klicks „Deadlock“. Kommissar Beizmenne in der Böll-Adaption „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, Alfred Matzerath in „Die Blechtrommel“, der RAF-Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ – und Haffenloher, dem als so anrührenden wie schmierigen Kölner Selfmademann das Entrée in die hermetische Münchner Schickeria verweigert wird, was in der 80er-Jahre-Neoliberalismusserie „Kir Royal“ in einen unvergesslichen Satz mündet: „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“.

Der am Mittwoch mit 95 Jahren in Paris verstorbene Mario Adorf spielte keine Rollen, sondern Schlüsselrollen. 1930 als uneheliches Kind in Zürich geboren und in der Eifel aufgewachsen, war er ein Tausendsassa. Sein Studium ließ er zugunsten einer Schauspielausbildung in München sausen und bediente hernach ein Repertoire, das Deutschlands Entwicklung widerspiegelt.

In einer Zeit, in der Vergangenheitskritik ängstlich und mit Vorbehalten vorgebracht wurde, übernahm er mit Vorliebe die komplexen Figuren der Gegenspieler und Verlierer. Nicht mal vor dem Mord an Winnetous Schwester Nscho-Tschi schreckte er als fieser Santer (in „Winnetou 1“) zurück – und brachte damit eine ganze Generation gegen sich auf.

Haptische Menschlichkeit

Dabei bereicherte er sämtliche Charaktere um eine ihm eigene, haptische Menschlichkeit: Wenn er als Einsiedler in „Deadlock“, der sich als radikaler Schnitt sowohl mit den Menschenrechtskämpfen der 68er als auch mit den Friedenspredigten der Hippies lesen lässt, einer jungen Geisel (Marquard Bohm) als fernes Echo der deutschen Obrigkeitshörigkeit trotzig erklärt: „Ich habe Polizeigewalt hier!“, dann fühlt man darin die Isolation und Verlorenheit des Ausgestoßenen.

An dem von Robert Siodmak 1957 als Abrechnung mit den Gräueln der Nazis inszenierten Drama „Nachts, wenn der Teufel kam“, das für Adorf der Durchbruch wurde, kritisierte er, dass „die Schlüsselszene“ herausgeschnitten worden sei, nämlich jene, die „die Verbrechen des kranken Mörders Bruno mit dem großangelegten Vernichtungsprogramm des Nationalsozialismus konfrontiert“. Der historische Bruno Lüdke war, anders als im Film dargestellt, kein Mörder, ihm wurden die Morde angehängt.

Adorf, dessen bereits in jungen Jahren wuchtiger Leib seine Leinwandpräsenz stärkte und einen aufregenden Kontrast zu seinem offenen, lesbaren Gesicht mit den beweglichen Augenbrauen darstellte, verlieh ihm eine Würde und Verletzlichkeit, die man bei filmischen Interpretationen des „Bösen“ selten fand. Im höheren Alter reflektierten seine Charaktere in 90er-Jahre-Produktionen wie „Der Schattenmann“ oder „Der große Bellheim“ patriarchale Machtstrukturen, lange bevor der Begriff „toxische Männlichkeit“ im aktiven Wortschatz der Gesellschaft angekommen war. Aufgeschlossen erzählte er in einem Dokumentarfilm mit dem pragmatischen Titel „Es hätte schlimmer kommen können“ von seinem Verhältnis zu jenen Filmfiguren.

Mario Adorf, der zweimal verheiratet war und eine Tochter hat, spielte in deutschen und vielen italienischen Filmen – Italien war lange Zeit seine Herzens- und Wahlheimat –, international arbeitete er etwa mit Billy Wilder, Claude Chabrol und Bille August. Als er 2002 auf der Berlinale zu Gast war, wartete er an einem Februartag an einer Bartheke am Potsdamer Platz auf einen Termin und summte dabei leise und selbstvergessen in sich hinein. Wahrscheinlich, nicht ganz sicher, einen Song von „Can“.

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