Real Madrid gegen FC Bayern München: Das größte Spiel im Fußball | ABC-Z

2020, 2022, 2024, 2025, 2026. Manchmal sind sie nicht nur aufeinandergetroffen, sondern mit einer Wucht aufeinandergeprallt, als wären sie Godzilla und King Kong. Doch nie war der Hype so real wie 2023 im Halbfinale. Das Hinspiel in Madrid (1:1) war schon so groß gewesen, dass das Rückspiel in Manchester gar nicht klein werden konnte.
Real gegen City, das war damals wirklich wie Godzilla gegen King Kong – wenn diese die Gehirne von Bobby Fischer und Boris Spasski gehabt hätten.
„Duell der zwei herausragenden Vereine unserer Zeit“
Für die Hypothese, dass der Hype an seinem Höhepunkt war, sprach, wie damals nicht nur in England und Spanien, sondern auch in Deutschland über dieses Duell gesprochen wurde. In seiner Kolumne in der „Zeit“ schwärmte Philipp Lahm, der frühere Kapitän des FC Bayern München. Mag sein, dass er sich mit Blick auf zwei Protagonisten des Duells – er spielte sowohl unter dem Trainer von Manchester (Pep Guardiola) als auch unter dem von Madrid (Carlo Ancelotti) – mit der Schwärmerei nicht ganz zurückhalten konnte, aber er hätte auch nicht so weit gehen müssen, wie er dann gegangen ist.
„City gegen Real, Guardiola gegen Ancelotti, herausragende Fußballer, eingebettet in ein funktionierendes Kollektiv. Das Halbfinale wird ein Straßenfeger, es ist das Duell der zwei herausragenden Vereine unserer Zeit, wahrscheinlich auch der nächsten Jahre.“
Jetzt, drei Jahre später, haben Manchester City und Real Madrid im Achtelfinale der Champions League gerade wieder gegeneinander gespielt. Doch das Hinspiel (3:0 für Real) war trotz Fede Valverdes sensationellem Tor schon so klein, dass das Rückspiel (2:1 für Real) gar nicht groß werden konnte.
Spätestens da sah man keinen Straßenfeger mehr, sondern die neue Staffel einer Serie, die schon seit zwei Staffeln nicht mehr gut ist. Warum hat Philipp Lahm, der einen so scharfen Blick für den Fußball hat, das damals nicht kommen sehen? Weil selbst er in der Schwärmerei des Moments übersehen hat, dass auch der größte Hype am Ende genau das ist: ein Hype.
Die Viertelfinalspiele haben mehr oder weniger Hype
In dieser Woche startet das Viertelfinale der Champions League mit Spielen, die mehr oder weniger Hype haben. Der FC Liverpool spielt gegen Paris Saint-Germain, der FC Barcelona gegen Atlético Madrid, der FC Arsenal gegen Sporting Lissabon.
Drei Duelle, die besonders werden können – und in ihrer Besonderheit doch nicht an das vierte Duell des Viertelfinals herankommen werden: Real Madrid gegen Bayern München. Das ist, wenn man alles zusammennimmt, wahrscheinlich das größte Spiel, das der europäische Fußball zu bieten hat. Warum? Weil es eben keinen Hype braucht.
In dieser Saison scheint das Stück, das an diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Prime Video) in Madrid in seinen ersten Akt geht, etwas mehr auszulösen als sowieso schon. Man wird sehen, ob die Mannschaft aus München in der zweiten Saison unter Trainer Vincent Kompany wirklich schon so gut ist, wie sie auch an dieser Stelle schon gemacht wurde.
Man wird sehen, ob die Außenverteidiger Konrad Laimer und Josip Stanišić es wirklich mit Kylian Mbappé und Vinicius Júnior aufnehmen können. Man wird sehen, ob der Außenstürmer Michael Olise, der Real-Madrid-Potential hat, auch in einem Stadion voll mit Real-Madrid-Spielern der Beste sein kann.
Und kein Freund, keine Freundin des Fußballs wird das alles weniger gerne sehen, obwohl er oder sie weiß, dass wohl weder die Mannschaft aus München noch die Mannschaft aus Madrid so gut spielen wird, wie die Mannschaft aus Manchester damals gespielt hat.
„Ist das wichtig? Ist irgendetwas wichtig?“
Als City am 17. Mai 2023 im Halbfinalrückspiel mit 4:0 gegen Real gewonnen und damit eines der größten Spiele in der Geschichte der Champions League geschaffen hat, hat der Hype nicht nur Spieler und Trainer zu Höchstleistungen angetrieben, sondern auch die, die darüber berichtet haben. Der Journalist Jonathan Liew hat an dem Abend für den „Guardian“ einen Spielbericht geschrieben, der unter der Überschrift „Manchester City’s inexorable hard power crushes Real Madrid“ erschienen ist.
In diesem Bericht hat er auf den Punkt gebracht, wie Manchester mit dem Geld aus Abu Dhabi diesen Höhepunkt erreichen konnte. Wie es nicht nur den besten Trainer (Guardiola) und den besten Stürmer (Erling Haaland), sondern, als dem Klub Regelverstöße vorgeworfen wurden, auch die besten Anwälte gekauft hat: „Das ist Perfektion, aber nicht so sehr die Perfektion großer Kunst, sondern die Perfektion eines minutiös ausgeführten Militäreinsatzes, die Perfektion unbegrenzten Reichtums, die Perfektion politischer Macht, die Perfektion einer sinnlosen, kilometerhohen Kristallpyramide mitten in der Wüste. Kein Spieler aus der eigenen Akademie, keine Spieler aus der eigenen Stadt stand in Manchesters Startelf. Ist das wichtig? Ist irgendetwas wichtig?“
Mit Blick auf das Viertelfinalhinspiel an diesem Dienstag könnte man das vielleicht so sagen: Das, was Real Madrid gegen Bayern München auslöst, kann nicht ausgelöst werden in einem Stadion, das Etihad heißt.
Es wäre ein zu billiges Urteil, dass Manchester City die Bösen in diesem Spiel sind. Sowohl in Madrid als auch in München sind mächtige Männer, allen voran der Präsident Florentino Pérez und der heutige Ehrenpräsident Uli Hoeneß, für den größtmöglichen Erfolg an die Grenzen und auch darüber hinaus gegangen. Siehe Transfer-Sperre in Spanien, siehe Kirch-Affäre in Deutschland. Und wenn auch das ein bisschen zu billig ist, kann man schon zu dem Urteil kommen, dass diese Klubs im modernen Fußball ihre Seelen verkauft haben und dieses Spiel trotzdem so etwas wie eine Seele behalten hat.
„Werden wir für immer in England sein? Nein“
Im Februar 2023, als der Real-gegen-City-Hype sich dem Höhepunkt näherte, ist ein Interview mit einem der mächtigsten Männer des Weltsports erschienen. Der amerikanische Milliardär John W. Henry führt das Unternehmen Fenway Sports Group, dem mehrheitlich nicht nur zwei der größten Sportklubs der USA (Boston Red Sox und Pittsburgh Penguins) gehören, sondern auch einer der größten Europas: der FC Liverpool.
Über den Fußballklub sprach Henry in dem Interview, wobei Interview im Fall des Milliardärs bedeutete, dass er auf Fragen des „Boston Sport Journal“ schriftlich antwortete und sich manche dabei sogar selbst stellte, etwa diese: „Werden wir für immer in England sein?“ Seine Antwort auf seine Frage: „Nein.“

Nein, John W. Henry wird mit seinem Unternehmen nicht für immer in den FC Liverpool investieren, weil das der ultimativen Logik des Investments widerspräche: den größtmöglichen Gewinn zu machen. Für einen Mann wie ihn ist der Fußball Beruf. Für Florentino Pérez und Uli Hoeneß ist er Berufung.
Das soll Pérez und Hoeneß sicher nicht heiligsprechen. Doch in all den Jahren, in denen sie für ihre Klubs (und damit auch für sich selbst) an Grenzen und darüber hinaus gegangen sind, haben sie nicht vergessen, dass Fußball am Ende das Spiel der Spieler ist. Und das ist ein entscheidender Grund, warum die besten Spieler bis heute für ihre Klubs spielen wollen.
ManCity und Liverpool sind Trainerklubs geworden
Etwa Kylian Mbappé, der wohl spektakulärste Spieler der Gegenwart, der mit seiner Geschwindigkeit perfekt in die Premier League gepasst hätte, aber nicht in die Premier League gegangen ist, sondern zu Real Madrid. Oder Harry Kane, der Kapitän der englischen Nationalmannschaft, der zu groß für Tottenham geworden, aber dann nicht zu einem der großen Klubs in England gegangen ist, sondern zu Bayern München.
In der Liga, in der Kane groß geworden ist, hat sich ein Führungsmodell durchgesetzt, das Pérez und Hoeneß bis heute ablehnen. Manchester City und der FC Liverpool sind spätestens mit Pep Guardiola und Jürgen Klopp Trainerklubs geworden. Real Madrid und Bayern München dagegen sind selbst mit Zinédine Zidane und Guardiola Spielerklubs geblieben.

Das führt manchmal zu Merkwürdigkeiten wie der, dass der Trainer Xabi Alonso mitten in seiner ersten Saison in Madrid gescheitert ist. Doch in Madrid haben sie das auch deswegen schon so früh für gescheitert erklärt, weil sie dort besser als überall sonst wissen, dass es die Spieler sind, die in diesem Sport die größten Geschichten schreiben.
In München hat Oliver Kahn, der Vorvorgänger von Philipp Lahm als Kapitän des FC Bayern, mit der „Süddeutschen Zeitung“ gerade ausführlich über seine Geschichte gesprochen. Und er hat dabei besonders eindringlich beschrieben, warum es so beeindruckend sei, in Madrid zu spielen.
„Der Druck“, sagte er, „fängt schon an, bevor du den Rasen betrittst. In den Katakomben gibt’s einen ganz engen Gang […]. Da läuft man durch, und dann kommen die Real-Spieler von der anderen Seite, und da ist ein Gitter dazwischen. Es geht ein paar Stufen nach unten, wieder alles eng, die Gegner stehen direkt neben dir, du hörst das Klacken der Stollen, und dann geht eine kleine Tür auf, bupp … und plötzlich stehst du vor 80.000 Menschen. Dieser Moment war immer der beeindruckendste für mich.“
In dieser Beschreibung hat Kahn seinen eigenen Beitrag allerdings kleiner gemacht, als er war. Dieser Moment konnte nur deswegen so beeindruckend sein, weil sowohl die elf Real-Spieler als auch die fast 80.000 Real-Fans wussten, wer da kommt. Und wenn die Spieler des FC Bayern an diesem Dienstag in dem engen Gang stehen, wenn sie ihre Gegner durch das Gitter sehen und das Klacken der Stollen hören, wenn die kleine Tür aufgeht, bupp, dann wird das alles auch deswegen wieder so beeindruckend sein, weil es in einem Stadion stattfindet, das Bernabéu heißt.





















