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Jazz-Album Honora von Flea: Die Haltung zählt – Kultur | ABC-Z

Wenn der Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea über sein erstes Soloalbum „Honora“ spricht, was er derzeit in den amerikanischen Medien oft und ausführlich tut, ist es ihm immer wichtig zu betonen, dass das zwar eine Jazzplatte, er aber gar kein Jazzmusiker sei. Ein Befreiungsschlag sei es allerdings schon gewesen. Was man dem Album anhört. Das sprudelt, prescht und weht durch das gesamte Panorama des zeitgenössischen Jazz, der seinen eigenen letzten Befreiungsschlag schon eine Weile hinter sich hat.

Flea hat sich dafür mit genau jenen Musikern zusammengetan, die auf dem Label International Anthem in den vergangenen Jahren mit Traditionen aufgeräumt haben, um Platz für Neues zu schaffen. Der Gitarrist Jeff Parker gehört dazu, die Kontrabassistin Anna Butterss, der Saxofonist Josh Johnson, alles Schlüsselfiguren dieser neuen Jazzszene in Los Angeles. Die muss man sich ein wenig wie eine offene Kommune vorstellen, die sich wie früher in Wohnzimmern, Studios und Clubs trifft und so gar keine Berührungsängste hat. Der Hip-Hop-Gigant André 3000 hat mit Leuten aus der Ecke vor zweieinhalb Jahren ein ätherisches Flötenalbum rausgebracht, obwohl er nicht wirklich Flöte spielen kann. Egal. Haltung zählt.

Über allem steht ein außergewöhnliches Gefühl für Melodik

Und auch ein Rockstar wie Flea ist da willkommen, gerade weil der nicht nur den Eindruck macht, als sei die Welt viel zu klein für die ganzen Ideen, die da aus seinem Kopf nach draußen wollen. Man muss ihm nur mal beim Bassspielen zuschauen, wenn er sich mit seinem meist halbnackten Surferkörper in den Clinch mit seinem Instrument legt, die Saiten mit Handkanten und Daumen bearbeitet, jeder Auftritt ein athletischer Kraftakt.

Auf dem Album spielt er neben dem E-Bass vor allem Trompete. Dass er das kann, wusste man schon länger. 1993 ist er mal in Rio bei Nirvana auf die Bühne gekommen und hat bei „Smells Like Teen Spirit“ das Gitarrensolo ziemlich beeindruckend auf der Trompete gespielt. Auch bei den Chili Peppers holt er sie gelegentlich raus.

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Auf „Honora“ sind die Formen sehr viel freier, gerade für seine Trompete. Da gibt es Improvisationsflächen, die keine Anknüpfungspunkte mehr brauchen, weil sie Vibes in Reinform transportieren, hin und wieder swingt es, dann pulsen Bass und Synthies in Freiform und es baut sich eine neue Welle der Tieftauchgänge in Klang, Harmonik und Rhythmus auf. Über allem steht bei ihm sein Gespür für Melodik, das er auf der Trompete noch sehr viel deutlicher ausreizen kann als am Bass. Beim Zuhören kann man sich da wunderbar hineinfallen lassen, angesteckt von Fleas Neugier, was es da alles zu ergründen gibt. Es ist ja weniger die Technik als die Haltung, die diesen neuen Jazz vor allem aus Los Angeles ausmacht. Es erscheint einem dann auch bald schon alles irgendwie schlüssig, was nicht zusammengehört. Thom Yorke von Radiohead singt über einen nervösen Jazz-Shuffle von der Gehässigkeit der Gegenwart und Nick Cave macht aus Jimmy Webbs „Wichita Lineman“ eine seiner tief tragischen Balladen, in denen das ganze Leid der Menschheit durch die Zeilen weht.

Nun ist Flea am E-Bass schon lange virtuos genug, um in jedem Kontext zu bestehen. Und auch an der Trompete hat er seine eigene Stimme und ist handwerklich auf Augenhöhe mit sich selbst. Auf „Morning Cry“ (das einzige Stück mit Walking Bass und so etwas wie einem klassischen Swing) wagt er sich an schweren Stoff: an einen frühen Coleman, der seine ersten Schritte zu seinem bald sprichwörtlichen „Free Jazz“ auch in Los Angeles gemacht hatte. Fleas Trompete und Parkers Gitarre verzinken sich, das treibt. Stop. Dann sind sie bei einem Cover von „Maggot Brain“, dem Funk-Brett vom Chili-Pepper-Mentor George Clinton, das sie auf eine Ballade herunterbrechen, bei der Fleas Trompete zu einer bezaubernden Lyrik findet.

Da ist man dann auch schon bei der Vorgeschichte des Albums, die vor rund fünfzig Jahren beginnt und seine Bescheidenheit als reine Koketterie entlarvt. Fleas Familie lebte damals in einem Vorort von New York. Sein Stiefvater war Walter Urban, ein Jazzbassist, der immer wieder Musiker zu Jam Sessions ins Wohnzimmer holte, wo Flea, der damals noch Michael Peter hieß, gebannt zuhörte. Als sie „Cherokee“ spielten, den unverwüstlichen Standard des Be Bop, habe er damals mit acht so eine Art Erweckungserlebnis gehabt, wie andere in seinem Alter, die zum ersten Mal vom Rock oder später dann vom Hip-Hop wie vom Blitz getroffen und das nie wieder loswurden. Als sie dann nach Los Angeles umzogen, lernte er Trompete, blieb beim Jazz. Clifford Brown war sein Vorbild, der Hard-Bop-Pionier. Erst seine Schulfreunde Hilel Slovak und Jack Irons brachten ihn zum Rock, holten ihn als Bassisten in seine Band.

Die nächsten vierzig Jahre vollzog sich dann die ganze Rockstar-Saga mit den Hits, den Touren, dem Aufstieg der Chili Peppers in die erste Liga. Der koboldhafte Flea als Energiebündelgegengewicht zum Frontmann Anthony Kiedis. Auftritte in Hollywoodfilmen wie „The Big Lebowski“ oder „Baby Driver“.

Schnellvorlauf. 2022. In den Ausläufern der Pandemie wurde er 60 und begann wieder mit dem Trompeteüben. So ganz hatte er das Instrument als Teenager nie gemeistert, aber jetzt, am Vorabend seiner Rockstarkarriere, wollte er das nachholen. Also nahm er Unterricht bei Rickey Washington, dem Vater von Kamasi, der vor zehn Jahren die Türen zum Jazz für eine neue Generation aufgestoßen hatte. Rickey Washington ist einer der gefragtesten Lehrer der Stadt und brachte ihm die ganze Theorie, die Akkordfolgen, die Skalen bei, vor allem aber die Disziplin. Die Chili Peppers gingen 2022 auf ihre „Unlimited Love“-Tour. Zwei Jahre, fünf Kontinente. Jeden Morgen übte Flea in den Hotels mit der Disziplin eines Yoga-Meisters Trompete, Lärmbeschwerden hin oder her. Er beschreibt das als endlose Mühsal auf einem Weg der winzigen und kaum spürbaren Fortschritte. Als die Tour vorbei war, fühlte er sich fit genug, um sich an die Sessions zu wagen.

Eine Version von Frank Oceans „Thinking Bout You“ kommt nicht richtig in die Gänge

In den Sunset Studios sammelte er die Musiker dann um sich. Nervös sei er gewesen, erzählt er, aber dann sei da etwas in ihm aufgebrochen. Nicht nur musikalisch, auch emotional. Aus den ersten Begegnungen wurden Stücke, aus den Versuchen diese Tieftauchgänge. Gleich zu Beginn beschwören sie die politische Wut, mit der Leute wie Rahsaan Roland Kirk oder Charles Mingus den Wahnsinn ihrer Zeit in den Jazz packten. „Civil War, Civil War“ skandiert ein Chor da, und Flea rezitiert eine zornige Brandrede gegen den ganzen Hass und die Hetze und die Polarisierung, die sein Land gerade zerreißen.

Nicht alles ist gelungen. Eine Version von Frank Oceans „Thinking Bout You“ kommt nicht richtig in die Gänge, franst in einem Streicherarrangement aus, das zu deutlich an Miles Davis’ Version von Cyndi Laupers „Time After Time“ erinnert. Und auch der Versuch, die sagenhafte Trauerballade „Willow Weep for Me“ mit einem wabernden Bass-Synthie aufzubrechen, rutscht ins Nirgendwo. Aber auch das gehört zum Geist des neuen Jazz, dass nicht alles perfekt, nicht alles gelungen sein muss, um etwas zu sagen.

Und dann schließt er das Album mit einer Hommage an jene hypnotischen Skandierungen, mit denen sie in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern den Jazz auf ein spirituelles Plateau gehoben hatten, auf dem er sich über allen weltlichen Ärger stellen konnte. „Free As I Want to Be“ skandiert die Band im Hintergrund, während Bass und Schlagzeug einen Funkbeat zerfallen lassen. Dann kommt plötzlich ein Klavier ins Klangbild, das für einen Moment die ganze Spannung des Albums in eine träumerische Passage auflöst, bis die Musiker alles zusammenraffen und auslaufen lassen. Da hat man dann schon begriffen, dass er den Befreiungsschlag nicht nur für sich gemacht hat, sondern auch für alle, die ihm nun zuhören werden, weil er Flea ist, und nicht weil sie auf der Suche nach neuem Jazz sind. Und die er nun auf neue Spuren geführt hat. Tiptop Missionsarbeit. Dagegen ist nichts einzuwenden.

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