Wirtschaft

Pelz in der Mode: Sieht aus wie Nerz, ist aus Brennnessel | ABC-Z

Lange gehörten sie zum sogenannten Stadtbild: Aktivisten, die in Einkaufsstraßen gegen Pelz demonstrierten, die Körper mit Kunstblut beschmiert, auf ihren Pappschildern Anklagen wie: “Fühlst du dich wohl in meiner Haut?” oder “Tierleid ist untragbar!”.

Heute sieht man sie nur noch selten. Die Tierschutzorganisation Peta hat ihre Kampagne “Lieber nackt als im Pelz”, für die sich Prominente hatten ablichten lassen, 2020 nach 30 Jahren eingestellt. Aus Sicht der Tierschützer war das Engagement erfolgreich: Pelz war weitgehend verpönt. Im Programm “Fur Free Retailer” haben sich inzwischen 1.669 Händler und Marken zusammengeschlossen, darunter sind so gut wie alle, die deutsche Einkaufsstraßen prägen. Die letzte Nerzfarm in Deutschland wurde 2019 geschlossen.

Aus den Schaufenstern der Luxusmarken sind Nerz, Kaninchen und Fuchs schon länger verschwunden. Gucci, Prada, Burberry: Sie alle sind heute “fur-free”, pelzfrei, und stolz drauf. Condé Nast, der Verlag hinter der Zeitschrift Vogue, zeigt neuerdings keinen Pelz mehr in seinen Magazinen. Die New York Fashion Week verbannt ihn ab September von den Laufstegen.

Ist der Pelz also endgültig out? Nicht ganz. Die meisten Selbstverpflichtungen, etwa von Condé Nast, sind auf neuen Pelz beschränkt, Vintage-Marder und solche aus Kunstfasern dürfen weiterhin abgelichtet werden. Auf den Straßen begegnete man im vergangenen Winter erstaunlich oft jungen Pelzmantel- und -mützenträgerinnen. Auf Nachfrage bestätigen Inhaber von Secondhandläden, Pelzmäntel seien zuletzt ungewöhnlich gut weggegangen. Der Fachverband Textilrecycling teilt mit, in Altkleidersammlungen würden die Teile so gut wie gar nicht mehr landen; das sei schon mal anders gewesen. Wer einen Pelz erbt, verkauft ihn offenbar – oder trägt ihn selbst.

Daneben existiert ein großer Markt für nachgemachten Pelz. Üblicherweise besteht dieser aus Acryl oder Polyester, Erdöl also. Es gibt ihn aber auch aus ungewöhnlichen Materialien wie Schaffell und neuerdings sogar aus Hanf, Flachs oder Brennnessel. Das klingt zwar nicht kuschelig, wird es mit entsprechender Verarbeitung aber doch: Aus den Pflanzenfasern stellt das US-amerikanische Unternehmen Biofluff einen Stoff namens Savian her. Drei Millionen US-Dollar haben die Gründer 2023 in der ersten Finanzierungsrunde eingesammelt. Inzwischen produziert Biofluff Savian in verschiedenen Varianten, Dichten und Farben, Models auf den Fashion Weeks in New York und Paris tragen den Stoff. Sieben Modemarken, darunter Louis Vuitton, verarbeiten ihn in ihren Kollektionen.

Wer Omas Pelz aufträgt, verhält sich nachhaltig

Für falschen Pelz muss kein Tier leiden, lautet das Verkaufsargument für Imitate. Aber was ist eigentlich besser für die Umwelt: Vintage-Nerz? Plastik- oder Pflanzen-Pelz?

Kai Nebel, der an der Hochschule Reutlingen zu Recycling in der Textilbranche forscht, sagt: Wer einen jahrzehntealten Echtpelz von Oma oder vom Flohmarkt aufträgt, vielleicht vom Kürschner umgearbeitet, verhält sich nachhaltig – sofern dafür weniger neue Mode im Kleiderschrank landet.

Beim Polyesterpelz ist ebenfalls entscheidend, wie lange man ihn trägt. Den Mantel nach einer Saison gegen einen neuen einzutauschen, ist schlecht für die Ökobilanz. Am besten ist es aber bei jedem neuen Kleidungsstück, wenn es gar nicht hergestellt wird.

Das gilt auch für Jacken aus Brennnesseln. Nach Angaben von Biofluff stoße es zwar 40 bis 90 Prozent weniger CO₂ aus, Savian zu produzieren, als tierischen Pelz. Kai Nebel ist trotzdem skeptisch: “Meistens brauche ich viel mehr Energie, um ein hochwertiges pflanzenbasiertes Kleidungsstück zu produzieren, als wenn ich es aus Chemiefasern herstelle.” Am Ende ist es mit dem Pelz vom Acker wie mit veganem Leder: gut fürs Gewissen, aber nicht unbedingt fürs Klima.

Was hingegen eine wirklich gute Ökobilanz hätte – rein theoretisch: Hauskatzen-Pelz. “Ich kann rechnerisch eine Hauskatze besitzen oder ich kann SUV statt Golf fahren, die Ökobilanz ist die gleiche”, sagt Nebel. Das liegt vor allem an der fleischbasierten Ernährung der domestizierten Raubtiere. Als Funktionskleidung wären sie aus Nachhaltigkeitsperspektive nützlicher. Schon klar: ein wildes Beispiel. Aber es zeigt, wie schwer ein nüchterner Blick auf Umweltfolgen ist.

Ginge es nach den Tierschützern, sollte man noch nicht mal falsche Pelze tragen. Für die wird zwar kein Marder gequält. Aber sie würden den Anblick normalisieren, Trends befeuern und so Begehrlichkeiten wecken. Nimmt man dieses Argument ernst, müsste wiederum auch Omas Nerz im Schrank hängen bleiben.

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