Eine Comic-Ausstellung in München erzählt von einer deutsch-tschechischen Liebe im 2. Weltkrieg. – München | ABC-Z

Wo hast du ihn getroffen? Das ist eine klassische Frage, wenn eine heterosexuelle Frau vom Beginn einer Liebe erzählt. Im Falle von Hedwig würde die Antwort lauten: mitten ins Gesicht. Denn so fängt die Liebesgeschichte von Hedwig und Fritz an: Mit einem Schneeball, den sie ihm ins Gesicht schleudert. Diese erste Begegnung dauert nur kurz. Fritz muss weg, um seiner Tante zu helfen. Zuvor sagt er Hedwig aber noch, dass sie ihn, wenn sie will, auch „Bedřich“ nennen kann. Das ist die tschechische Variante von Friedrich, kurz Fritz, der aus einer deutsch-tschechischen Familie stammt. Hedwig ist deutsch. Der Ort, an dem sie sich begegnen, ist das Altvatergebirge im ehemaligen Sudetenland. Die Zeit: Winter 1937. Ein Jahr, bevor sich für die beiden alles verändern wird.
Wie das Ganze ausgeht? Das kann man in der im Februar auf Deutsch erschienenen, tschechischen Graphic Novel „Sudetenlove. Eine europäische Liebesgeschichte im 2. Weltkrieg“ von Filip Raif erfahren. Oder in Auszügen in der schönen Ausstellung „Landschaft der Liebe“ im Haus des Deutschen Ostens in München. Dort wird Raifs in Tschechien 2023 herausgekommene Graphic Novel vorgestellt und genauso deren interessante Entstehungsgeschichte. Diese reicht bis 2017 zurück. Damals lernte die im oberbayerischen Münsing lebende Kuratorin Serafine Lindemann im tschechischen Altvatergebirge den Rechtsanwalt Radek Motzke kennen. Und zwar beim deutsch-tschechischen Kulturfestival „V Centru“, das Lindemann dort 2016 mit gegründet hat.
Wieso dort? Weil Lindemanns Mutter Herta aus dem Altvatergebirge stammt. Sie wurde 1920 dort geboren, musste aber bei Kriegsende fliehen. Auch Radek Motzkes Vater Bedřich kam im Altvatergebirge zur Welt, lebte dort aber bis zu seinem Tod. Begegnet sind sich die beiden nie. Aber in Filip Raifs Graphic Novel dürfen sie das nun. Denn Serafine Lindemann und Radek Motzke entwickelten bei ihren Gesprächen die Idee zu einer Graphic Novel, welche vom Schicksal der Menschen im Altvatergebirge ab den 1930er-Jahren erzählt. Und damit das Ganze einen realistischen, glaubhaften Anstrich hat, haben sie dafür die Biografien von Herta Lindemann und Bedřich Motzke als Grundlage verwendet.
Blieb die Frage: Wer soll die gemeinsam ersonnene Geschichte umsetzen? Und die Antwort lautete schnell: Filip Raif, der als Künstler beim Kulturfestival „V Centru“ beteiligt war. „Filip ist sehr bekannt als Designer in Tschechien“, verriet Serafine Lindemann bei der Eröffnung der Ausstellung. Bekannt heißt in dem Fall auch: für seinen eigenen Stil. Dieser prägt auch Raifs erste Graphic Novel, die in Tschechien ein recht großer Erfolg war. Und das trotz des, wie es der Direktor des Hauses des Deutschen Ostens Otto Weber nannte, „sehr beladenen Themas“. Womit er unter anderem den „Revanchismus“ meinte, der das (sudeten)deutsch-tschechische Verhältnis seit Jahrzehnten prägt.
Wobei sich das immer mehr ändere. Das zeige, so Weber, etwa der „Sudetendeutsche Tag“, der an Pfingsten zum ersten Mal in Tschechien, in Brünn stattfindet. Das zeige aber auch das Festival „V Centru“ mit seiner „fast magischen Offenheit“, wie Serafine Lindemann es nannte. Dafür verantwortlich sei eine „jüngere Generation“, durch deren Blick ihre 2022 im Alter von 102 Jahren gestorbene Mutter „ihre alte Heimat“ noch einmal „neu kennengelernt“ hätte. Und deren Offenheit nun auch den Erfolg von „Sudetenlove“ erklärt. Denn die Geschichte einer deutsch-tschechischen Liebe zu Weltkriegszeiten, die zudem mit alten Stereotypen vom heldenhaften Kampf tschechischer Kommunisten gegen die Nazis bricht: So etwas wäre früher wohl kein Verkaufsschlager geworden.
In „Sudetenlove“ gibt es jedenfalls auf allen Seiten Opfer. Opfer von Hass und Ideologie, zu denen etwa eine jüdische Freundin von Hedwig zählt. Während ein gemeinsamer Freund von Hedwig und Fritz zum glühenden Nazi wird. Hedwig selbst? Wird von ihrem Vater zu einer Tante in Belgien geschickt. Und Fritz? Will mit dem Fahrrad zu ihr fahren, wird an der Grenze aufgehalten und zum Soldaten gemacht. So reißt der Krieg die beiden auseinander. Wie er es auch heute noch mit Menschen macht.
Filip Raif schildert das in eindringlichen Bildern, bei denen er auf Umrisslinien verzichtet und stattdessen auf Farbflächen setzt. Was zuweilen den Eindruck von Papiercollagen oder Farbholzschnitten vermittelt. Gestaltet hat Raif das digital, mit leicht gedämpften, pastellartigen Farben. Innenräume sieht man kaum, stattdessen dominieren Landschaften, die oft mehr sind als Kulisse. Sie werden zu Seelenräumen. Oder sie stehen für das Bleibende, wie etwa ein Baum, den man in verschiedenen Szenen im Hintergrund sieht. Was auch auffällt: die rot gefärbten Szenen, in denen sich Ängste, Hoffnungen oder Träume visualisieren.
An realen Orten ist nur die Vyšehrad-Brücke in Prag identifizierbar. Dafür gibt es einen tschechischen Schlager als Leitmotiv, es wird auf Faschingsbräuche in Böhmen und Mähren angespielt, womit sich das Ganze zu einer bewusst sehr offenen Erinnerungslandschaft weitet. Auch der Text im Buch ist bewusst sparsam eingesetzt. Wie sie damit umgegangen ist, wird die Übersetzerin Katharina Hinderer am 16. April im Literaturhaus München erzählen. Hinderer hat noch andere tschechische Comics übersetzt, darunter die schöne Roboter-Geschichte „William & Meriwether auf wundersamer Expedition“ von Tat’ána Rubášová und Jindřich Janíček. Und somit ist „Sudetenlove“ auch dafür ein Beleg: Für eine spannende tschechische Comic-Szene, die es in Teilen noch zu entdecken gilt.
Landschaft der Liebe, bis 29. Mai, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, hdo.bayern.de





















